Das Sonntagsobjekt: Mein Schachspiel

Zu Weihnachten habe ich ein Schachspiel geschenkt bekommen. Ich muß wohl gegenüber meinem Vater öfter erwähnt haben, daß ich gerne wieder Schach spielen würde. Als kurz vor den Festtagen zwei große und schwere Pakete geliefert wurden, war ich sehr überrascht. Nach dem Öffnen war ich noch überraschter.

Schöne, große und schwere Figuren, Königshöhe 11 cm, handgeschnitzte Springer, massive Türme, dazu ein entsprechend großes Brett – alles in klassischem Schwarzweiß gehalten.

Ich hatte als Kind zwar recht oft mit meinem Großvater gespielt, aber das Ganze nicht systematisch betrieben. Deswegen kaufte ich mir im neuen Jahr als erstes zwei Bücher und recherchierte nach Möglichkeiten, in der Nähe Schach zu spielen. Freunde, Bekannte und Kollegen werden seither auch gefragt, ob sie Schach spielen. Bislang haben die meisten so geantwortet, wie ich es Anfang Dezember auch getan hätte: Schon lange nicht mehr, müßte man mal wieder, habe ich überhaupt noch ein Spiel? Zwei dankten für den Anstoß zum Wiedereinstieg, auf den wir uns jetzt freuen.

In der Zwischenzeit versuche ich, wieder ein Gefühl für das Spiel zu bekommen, und erarbeite mir ein paar theoretische Kenntnisse.

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Grunewaldsee

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Grunewaldsee, Walter Leistikow via WikiCommons

Im Jahr 2010 erschien dieser 230 Seiten umfassende Roman von Hans-Ulrich Treichel bei Suhrkamp. Der junge Held Paul ist triebgesteuert und doch meist so akademisch-gesellschaftlich domestiziert, daß sein Sexualleben im Westberlin der mittleren Mauerzeit und im Spanien der frühen Nach-Franco-Ära unspektakulär verläuft, aber insgesamt doch als erfolgreich bezeichnet werden kann.

Der Sex zwischen ihm und Birgit hätte auch der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gefallen. (S. 103)

Mit Kreuzberg und der Pfaueninsel sind mythische Erzählorte benannt, die durch das exotische Malaga ergänzt werden, wo er sich nach dem Studium für ein Jahr als Sprachlehrer verdingt.

Das Berlin-Kolorit ist charmant geschildert, etwa im Hausbesetzercafé in der Regenbogenfabrik. Es gibt Passagen über das Verliebtsein auf Distanz, über die alternde Mutter, das Leben in Kreuzberg während des Wartens auf das Referendariat, die allesamt amüsant zu lesen sind.

Die Pfaueninsel hat es Paul besonders angetan, auch wenn er mit Birgit ja zunächst um den Grunewaldsee spazieren muß. Er besucht die Insel regelmäßig und erfährt später interessante Details über sie.

Der weite Strecken liest sich das Buch wie der Bericht einer zeit- und berlintypischen – oder jedenfalls nicht völlig untypischen – verlängerten Adoleszenz voller Möglichkeiten, Sackgassen und Unentschiedenheit:

Er bedankte sich höflich, ein wenig zu höflich vielleicht und schrieb noch am gleichen Tag eine Bewerbung. Aus purem Trotz. Er glaubte nicht an eine reelle Bewerbungschance. Er reihte sich in die Warteliste ein. Noch eine Warteliste. Er wartete auf ziemlich viel zur Zeit. Auf das Referendariat. Auf María. Auf den Job in der Meierei. Und manchmal sogar auf das Haus in Gliesmarode. (S. 164)

Und es wäre nicht Berlin und es wären nicht die späten Siebziger und frühen Achtziger Jahre, wenn es nicht immer wieder um Sex ginge. Aber auch andere Episoden und Vorfälle sorgen für ein wunderbar stimmiges Kolorit. Dann, während Paul immer noch wartet, fällt überraschend die Mauer – was als Vorgang in Pauls Leben schlichtweg keine Rolle spielt – und der Autoverkehr in Kreuzberg nimmt zu.

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Raymond Postgate, Das Urteil der Zwölf

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Szenenfoto aus „Zeugin der Anklage“

Der Autor (1896-1971) schrieb diesen Kriminalroman, der im Jahre 1940 unter dem Titel »Verdict of Twelve« erschien, und reflektierte darin verschiedene Aspekte der politischen Situation der 1930er Jahre sowie die These von Marx, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt.

Postgate war Sozialist und zeitweise auch Marxist. Er besuchte die Sowjetunion, lehnte aber die geforderte blinde Gefolgschaft gegenüber Moskau ab und äußerte sich später kritisch zu Stalin.

Das »Urteil der Zwölf« liegt in einem Taschenbuch (Goldmann) aus dem Jahre 1988 vor mir; der Text wurde 1967 ins Deutsche übertragen (Eberhard Gauhe) und ist 185 Seiten lang.

Der Roman ist ein wunderbarer erster Kandidat für die #GoldenBacklist -Challenge bei Papiergeflüster.

Postgate stellt die Biographien der zwölf Geschworenen vor – während diese vereidigt werden – und leitet später daraus ihr Verhalten während des Prozesses und der Urteilsberatung ab. Sparsame und doch charakteristische Personenzeichnung und Geschehnisschilderung lassen die zwölf ehrenwerten Mitglieder der Gesellschaft vor dem Auge des Lesers entstehen. Auf S. 74 beginnt dann der eigentliche Prozeß mit einer skurrilen Wendung und der Schilderung des Falles (S. 78ff.).

Mit oft bitteren Worten skizziert Postgate prägnant das Leben der Angeklagten, die gesellschaftlichen Verhältnisse und den Haushalt, in denen sie lebt und kreist das Verbrechen ein, das geschehen  und danach zum Gegenstand des Prozesses werden wird.

Der englische Gerichtsprozeß wird in sparsamen Strichen gezeichnet und steht doch sogleich lebendig vor den Augen des Lesers. Auf den letzten Trumpf des eindrucksvollen Verteidigers folgt die Beratung der Geschworenen, jeder gefangen in seiner Welt, geprägt von eigenem Fehlverhalten, Vorurteilen oder Glaubensüberzeugungen. Schuldig oder nicht schuldig?

Welcher Urteilsspruch gefällt wird und was sich danach ergibt, sei hier nicht verraten.

Postgate schrieb einen Klassiker des Genres, es ist in meinen Augen ein starker  Kriminalroman, ohne Chichi, aber doch mit einer deutlichen Kritik am Geschworenensystem.

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Meine 10 Highlights aus 2015

Steffis Bücher Bloggeria veranstaltet regelmäßig den Top Ten Thursday, an dem ich mich immer wieder einmal beteilige. Heute gibt es nun den Jahresrückblick auf die Highlights des Jahres 2015.

Zunächst acht Romane:

1 Christoph Poschenrieder, Das Sandkorn

Am Ende zieht ein Mann in den Krieg, aber vorher lockt das Leben.

2 Ludwig Wieder, Der Thronfolger

Sein gewaltsamer Tod hat die Dynamik ausgelöst, die ihm im Leben versagt bliebt.

3 Daphne du Maurier, Ein Tropfen Zeit

Drogengestützte Zeitreise, packende Story!

4 Richard Powers, Orfeo

Ein alter Mann gerät unter Terrorverdacht. Road-Movie und Musikseminar in einem.

5 Patrick Modiano, Im Café der verlorenen Jugend

Was war passiert, damals? Und warum?

6 Aldus Huxley, Schöne Neue Welt

Klassiker, neu übersetzt. Starkes Buch!

7 MichaelKleeberg, Vaterjahre

Ein Babyboomerleben in Deutschland, spannend erzählt.

8 Anne von Canal, Der Grund

Als der Strudel dieses Buchs endlich Sogwirkung entfaltet, gibt es kein Halten mehr.

 

Und nun zwei Sachbuchtitel:

9 Heimo Schilk, Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben

Ein langes, bewegtes Leben mit vielen Büchern.

10 Frank Schirrmacher, Ungeheuerliche Neuigkeiten

Als er starb, hieß es in allen Nachrufen, er werde fehlen. Hier kann man in konzentrierter Form nachlesen, warum das so ist.

 

Jedes Buch habe ich gerne gelesen und möchte sie alle empfehlen.

 

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