Hermann Broch, Esch oder die Anarchie

Hermann Broch, Esch oder die Anarchie. Roman, 1932, Neuausgabe 2018. Das Buch ist der mittlere Teil von Brochs »Schlafwandler«-Trilogie, mit der der Autor Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre auf die Zeit von 1888 bis 1918 zurückblickt.

Broch, ein jüdischer Unternehmer und Autor, kam nach dem Anschluß Österreichs 1938 in Haft, erhielt aber soviel Unterstützung durch prominente Schriftstellerkollegen, daß er in die USA ausreisen durfte, wo er weitere Romane veröffentlichte und 1951 starb.

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Hermann Broch, Esch oder die Anarchie | Foto: nw2018

In Metzlers Deutscher Literaturgeschichte (6. Aufl. 2001) schreibt Inge Stephan:

Die Form der Trilogie wählte auch Hermann Broch (1886-1951), mit seinem Schlafwandler-Projekt (1930/32), in dem er den Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft geschichtsphilosophisch reflektierte. Das erste Buch der Trilogie, Pasenow oder die Romantik, entwirft ein Bild des Vorkriegsdeutschlands, in dem sich die Zerstörung der humanistischen Werte bereits ankündigt. Das zweite Buch, Esch oder die Anarchie, zeigt die skrupellose Machtübernahme der Kleinbürger; im dritten Buch, Huguenau oder die Sachlichkeit, schließlich triumphieren die Amoralität und die Mittelmäßigkeit endgültig über die alten humanistischen Werte. Der Untergang der bürgerlichen Kultur wird durch  eingefügte essayistische Exkurse kommentiert. Diese Einschübe haben die Tendenz, sich zu verselbständigen. Bei Broch kündigt sich die Zerstörung der epischen Form an, die bei Robert Musil (1880-1942) zum Prinzip wird. (S. 408)

Broch zeigt eine Welt der kleinen Angestellten, gefangen in Geschlechterrollen und -stereotypen, fasziniert vom Varietétheater, enttäuscht, beengt, ohne noch das kleine Glück des Selbstbetrugs vor sich hin lebend. Der Text ist eine Mischung aus Sitten- und Zeitgemälde, die Figuren illusionslos, der Erzähler trotz Rückschau nicht verklärend. Sozialdemokratische Agitation und Streik rufen die Polizei auf den Plan, Eifersüchteleien vergiften das Klima zwischen den handelnden Personen. Das geschäftliche Fortkommen Eschs ist von Unstetigkeit geprägt.

[D]a für Eschs Arbeitseifer in Feld geschaffen werden mußte, wurde er beauftragt, die Anwerbung der Ringerinnen vorzubereiten. Esch, wohlbewandert in Kneipen, Bordellen und Mädchen, war hierzu wie geschaffen. (S. 109)

Die auktoriale Erzählperspektive stellt Esch ins Zentrum des Geschehens und der Gespräche und läßt uns an seinen gelegentlich weiträumigen Überlegungen teilhaben, die in beides eingeflochten sind. Die Geschichte bleibt kleinteilig, die Episoden sind eher lose miteinander verbunden und die Handlung hat einen grobmaschigen Charakter. Körperlichkeit wird schonungslos, ja abstoßend geschildert.

Das gilt auch für die Gesellschaftsanalyse: Sozialdarwinismus, Feindschaft gegenüber der Obrigkeit, Antisemitismus, zynischer Pragmatismus, gelegentlich Nationalismus – und dazwischen singt die Heilsarmee.

Diffuse Rachegefühle und ein Verlangen, „aufzuräumen“ ergreifen immer stärker von Esch Besitz, gleichzeitig türmen sich Orientierungslosigkeit, Fluchtgedanken und die Unentschiedenheit hinsichtlich der Bindung an eine Frau in seinen Monologen und Gedanken auf.

Esch aber fuhr unbeirrt fort: »Man weiß ohnehin nicht mehr, was schwarz und was weiß ist. Alles geht durcheinander. Du weißt nicht einmal, was gewesen ist und was noch besteht…« (S. 209)

Einer der in der oben zitierten Literaturgeschichte erwähnten essayistischen Exkurse zieht sich von S. 211 bis S. 218 – er bleibt durch die Reisemetapher dem Text verbunden, ohne in meinen Augen die epische Form zu (zer)stören; wir heutigen Leser sind freilich auch ganz anderes gewohnt. Letztlich ist die Passage zu lang, zu bemüht erzählerisch, zu uneindeutig. Wäre das Buch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben worden, könnte das Tastend-Unsichere mit der Zeitgenossenschaft und dem zweifelnden Unbehagen an der Modernisierung erklärt werden. Broch schreibt aber am Ende der 1920er Jahre und weiß um die weitere Entwicklung, sodaß dieser Abschnitt auf mich läppisch wirkt.

Hektisch drängt das Geschehen nach Auflösung, grob bindet der Autor die Fäden der Handlung zusammen. Schlaflos denkt Esch – gleichsam delirierend – über alles nach, vor allem über die Frauen. Innere Monologe anderer Protagonisten folgen, eine neuerliche Wendung des Geschehens und dann gleitet der Roman in eine zur Zukunft hin offene Gegenwart.

Mein Fazit:

Es handelt sich um das mittlere Buch einer Trilogie, ich kann also nicht richtig bewerten, wie es im Gesamtzusammenhang einzuordnen ist, welche Entwicklungen auch der Autor nimmt und welchem Gewicht diesem Buch gegenüber den beiden anderen zukommt. Aber ich tue mich – gerade auch angesichts der hochgesteckten Erwartungen – schwer mit einer positiven Einschätzung.

Das Buch gehört zu den wichtigsten Werken des europäischen modernen Romans und wird oft in eine Reihe gestellt mit Joyce’ Ulysses, Heinrich Manns Kaiserreich-Trilogie, Thomas Manns Zauberberg, Döblins Berlin Alexanderplatz, Musils Mann ohne Eigenschaften, Dos Passos Manhattan Transfer und Gides Les Faux-monnayeurs. Es ist in seinem Anspielungsreichtum, seiner Vielschichtigkeit und dichterischen Symbolstärke immer wieder eine Herausforderung für die Interpreten. Galt der Roman, der Brochs erfolgreichstes und international verbreitetstes Werk ist, lange Zeit als typisches Buch der Klassischen Moderne, so betont die jüngere Forschung zunehmend auch die Anklänge an postmoderne Schreibweisen. (Quelle: Wikipedia)

Der Sprachduktus hat mich nicht angesprochen – und ich räume ein, daß dies für mich ein sehr wichtiges Kriterium für die Bewertung eines Buches ist.

Vielleicht hatte ich durch die Hinweise auf Heinrich Mann und Alfred Döblin eine konkretere Verortung des Romans erwartet. Das Buch spielt zwar in Köln und Mannheim, aber es könnten auch Düsseldorf und Mainz oder zwei Städte an jedem anderen Fluß sein. Gelegentlich ragt zwar der Dom empor, aber insgesamt bleibt Köln eine unsichtbare – und unwichtige – Kulisse. Stadt und Stadtgesellschaft kommen nicht vor. Das Reich wird einmal erwähnt, der Kaiser – wenn ich richtig aufgepaßt habe – nie. Alles bleibt seltsam diffus. Der Staat ist durch kleinere Beamte sichtbar, das Wirtschaftssystem, obwohl aus der Sicht eines Buchhalters geschildert, gleichzeitig unterkomplex und geheimnisvoll: Juden und Homosexuelle haben die Macht.

Man sieht: Beim ersten Lesen haben sich mir der Reiz und die Bedeutung des Buches nicht erschlossen.

Ich danke dem Verlag Jung und Jung für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

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Skulpturen – ein Fotowalk

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Figuren am Deutschen und am Französischen Dom auf dem Gendarmenmarkt Figuren vor dem Schauspielhaus (heute: Konzerthaus) am Gendarmenmarkt. Figuren vor dem Alten Museum

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Gedankenspeicher: Henning Ritters Notizhefte

Henning Ritter, Notizhefte, 2010, 5. Aufl. 2011, 426 Seiten.

Dieser Band enthält Notizen aus den Jahren 1990 bis 2009. Es handelt sich um eine Auswahl, etwa ein Zehntel der Aufzeichnungen. Notiert wurden die Einfälle und Reflexionen in Notizheften, von denen sich im Lauf der Jahre ein halbes Hundert ansammelte. An eine Veröffentlichung war lange nicht gedacht.

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Foto: nw2018

So hebt das Buch an, das ich mir im September 2011 kaufte, zwei Jahre vor Ritters Tod, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lange Zeit zuständig gewesen war für die Seite „Geisteswissenschaften“.

Hans Ulrich Gumbrecht beschreibt Ritter in einem eher kurzen Nachruf als einen präzisen Leser, der Gedanken auf Vorrat notiert und so ein Kaleidoskop zusammenfügt habe, das gedankliche Fluchtpunkte erkennen lasse.

Ritters Vorbemerkung läßt erkennen, daß der Autor gerne und viel las und wiederlas. Anregungen, Fragen, Nachspüren – all das wird zusammengeführt, verbunden und führt zu neuen Fragen und Anmerkungen beim Leser der Notizen.

Es geht direkt und indirekt um Haltungen: zu Büchern, zu Autoren, in Büchern und im wahren Leben. Ritter greift Gedanken aus seinen Lektüren auf, stellt sie in ihre Zeit und in seine, befragt sie und entwickelt so neue Gedanken. Diese sind oft nur kurz, benötigen aber stets ein Nach-Denken. Ein Buch, das man oft zur Hand nimmt und lange in der Hand hält, auch wenn man mitunter nur kurz darin gelesen hat.

Häufig tauchen Tagebücher auf, viele französische Autoren – etwa Stendhal, Tocqueville, Valéry, Malraux, Montesquieu – aber auch Nietzsche und Darwin, Jünger und Schmitt.

Der aufmerksame Kai Bremer stellte wenige Tage nach dem Start meines Blogs die Verbindung zu Ritters Buch her, das ich um die Jahreswende 2011/2012 gelesen hatte. Natürlich stellt der Name meines Blogs eine Referenz dar.

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Thomas Mann Jahrbuch 2017

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Thomas Mann Jahrbuch 2017 | Foto: nw2018

Das zum dreißigsten Mal erscheinende Thomas Mann Jahrbuch (sic ohne Bindestriche) dokumentiert die Jahrestagung der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft 2016 in Lübeck „On Myself – Autobiografisches Schreiben bei Thomas Mann“ und die Jahrestagung 2016 der Thomas Mann Gesellschaft Zürich „Thomas Manns Zürcher Jahre von 1933 bis 1938“ sowie die Laudatio auf Jenny Erpenbeck zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 2016 und deren Dankesrede. Ferner enthält das Jahrbuch einen Bericht über neue Archivfunde zu den Buddenbrooks, die übliche Auswahlbibliographie und Mitteilungen aus den Gesellschaften.

Luca Crescenzis Aufsatz »Masken. Zu den Strategien der Selbstbiografik im Doktor Faustus und in der Entstehung des Doktor Faustus« habe ich leider erst nach Abschluß des Wagner-Buches von Vaget gelesen. Denn hier geht es um den Abschied vom Ästhetizismus und die Hinwendung zur Moral, die ja dort auch von zentraler Bedeutung ist.

Lesenswert und interessant ist auch die Analyse von Simone Costagli »Französische Zustände. Das Tagebuch als Form der ideologischen Standortbestimmung in Pariser Rechenschaft«. Costagli behandelt die Komposition des Textes aus den Tagebüchern, seine Anreicherung mit Lektüren und Gesprächen, vor allem mit Heinrich. Mit der Vortragsreise im Januar 1926 hatte TM sich in Frankreich nach seiner politischen Neuorientierung als verständigungsbereit und aufgeschlossen präsentieren wollen. Der nach der Rückkehr entstandene Text vertieft diese Position und sichert sie argumentativ ab.

Die anderen Beiträge lohnen natürlich auch. Die Herausforderung besteht wie immer bei Sammelbänden darin, die Schätze dann zu heben, wenn man sie wieder braucht.

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