Nietzsche-Notate: Jenseits von Gut und Böse

Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher mit Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmem fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte – und doch scheint es, daß sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn wir endlich einmal mißtrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehen? Daß wir von dieser Sphinx auch unsrerseits das Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen stell? Was in uns will eigentlich »zur Wahrheit«? – In der Tat, wir machten lange halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens – bis wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar stehenblieben. Wir fragten nach dem Werte dieses Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit; warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewissheit? Selbst Unwissenheit? – Das Problem vom Werte der Wahrheit trat vor uns hin – oder waren wirs, die vor das Problem hintraten? Wer von uns ist hier Ödipus? Wer Sphinx? Es ist ein Stelldichein, wie es scheint, von Fragen und Fragezeichen. – Und sollte mans glauben, daß es uns schließlich bedünken will, als sei das Problem noch nie bisher gestellt – als sei es von uns zum ersten Male gesehn, ins Auge gefaßt, gewagt? Denn es ist ein Wagnis dabei und vielleicht gibt es kein größeres.

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Sinneseindrücke

Je mehr dann das Leben zur Gewohnheit wird, je mehr Menschen und Dinge an uns vorüberziehen, desto schwächer wird die Sensation.

Golo Mann, Gedanken und Erinnerungen.
Eine Jugend in Deutschland, 1986, S. 10.

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#3Bücher aus dem Regal … die den ersten Buchstaben des eigenen Namens im Titel tragen

Auf die #3Bücher-aus-dem-Regal-Aktion, die von hisandherbooks initiiert und mit wöchentlichen Themen ausgestattet wird, bin ich gestoßen, als ich die Topliste von Lesestunden besuchte, von wo ich zu Bibilotta gelangte, die Anfang Dezember an der Mitmachaktion teilgenommen hatte.

#3Bücher aus dem Regal | hisandherbooks.de

#3Bücher aus dem Regal | hisandherbooks.de

Ich habe mich auf die Suche nach drei Büchern gemacht, deren Titel mit „N“ beginnt, das fand ich herausfordernder, als irgendwo in einem Titelwort vorkommend.

Irène Frain, Nabob |foto nw2018 #3Bücher

Irène Frain, Nabob |foto nw2018

Das erste Buch ist ein Roman, »Nabob« der französischen Autorin Irène Frain. »Le Nabab (d’après la vie de René Madec)« erschien 1982 und wurde 1983 vom Nürnberger Übersetzerteam ins Deutsche übertragen. Es ist ein üppiger historischer Roman, randvoll mit indischer Exotik und Erotik, spannend und wunderbar geeignet, sich an kalten Winternachmittagen völlig hineinzuversenken. Ich las das Buch übrigens erst nach ihrem zweiten Roman »Die Paradiesvögel« (dt. 1985), im Original »Modern Style« (1984). Hier ist von Fin de Siècle bis Les Ballet Russes alles dabei, was das Herz des Parisliebhabers begehrt, Pracht, Partys, Promiskuität inklusive.

Fulbert Steffensky, Nicolaigasse | Foto: nw2018 #3Bücher

Fulbert Steffensky, Nicolaigasse | Foto: nw2018

»Nicolaigasse«, Untertitel »Der Pfarrer und das Pfarrhaus in der Literatur«, ist der zweite Titel in meiner Auswahl von Büchern, deren Titel mit „N“ beginnt. Das Buch wurde von Fulbert Steffensky herausgegeben und erschien 2004 im Radius Verlag. Der Autor versammelt Texte, die einen typischen Ort der deutschen Geistesgeschichte, der literarischen und bürgerlichen Bildung zum Gegenstand haben, oder die sich den Bewohnern dieser Häuser widmen. Die kurzen Ausschnitte stamen von Autoren aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert und machen gelegentlich Lust darauf, den kompletten Text, dem sie entstammen, zu lesen. In jedem Fall fügen sie sich zu einem interessanten Kaleidoskop.

Ernst Piper, Nacht über Europa | Foto nw2018 #3Bücher

Ernst Piper, Nacht über Europa | Foto nw2018

»Nacht über Europa«, so hat Ernst Piper seine Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs betitelt. Ich habe das Buch als Teile meines Leseprojekts zum Ersten Weltkrieg gelesen und halte es für eine wichtige Ergänzung der Politik- und militärgeschichtlichen Darstellungen.

Wer selbst drei Bücher vorstellen möchte, kann sich dieser oder weiteren Mitmachaktionen von hisandherbooks anschließen.

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Briefe aus dem Weltkrieg

Ebert (Hrsg.), Vom Augusterlebnis zur Novemberrevolution. Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918 | Foto: nw2018

Ebert (Hrsg.), Vom Augusterlebnis zur Novemberrevolution. Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918 | Foto: nw2018

Jens Ebert (Hrsg.), Vom Augusterlebnis zur Novemberrevolution. Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918, Göttingen: Wallstein-Verlag, 2014, 393 Seiten.

Das Buch informiert in den sehr interessanten Anmerkungen über das Reichspostwesen vor und während des Krieges sowie die bei Anlaufen der Kriegsmaschinerie auftretenden logistischen Schwierigkeiten. Die kriegsbedingte Abwesenheit der Millionenheere von zu Hause führte zu einem enormen Anstieg der schriftlichen Kommunikation in allen Bevölkerungsschichten der kriegsbeteiligten Länder. Die Reichspost war lange erfolgreich bemüht, ihre legendäre Leistungsfähigkeit auch im Felde unter Beweis zu stellen.

Die im vorliegenden Buch präsentierten Briefe spiegeln die Bandbreite der Schreiberfahrung, des Wortschatzes und der Rechtschreibkompetenz wider. Sie weichen dadurch deutlich ab von den zu Beginn des Krieges herausgebrachten Briefsammlungen, die vorwiegend von Studenten stammten und außerdem stilistisch und in der inhaltlichen Tendenz lektoriert wurden, um auch an der Heimatfront die beabsichtigten Reaktionen hervorzurufen. Gleichzeitig wirkten diese Sammlungen ihrerseits stilbildend für die nachfolgenden Briefschreiber.

Daneben prägten diese im Sommer 1914 auf den Markt geworfenen Sammlungen die Inhalte der Soldatenbriefe, die mit einer gewissen Floskelhaftigkeit Kaisertreue und Heldentum, Verteidigungskrieg und Männlicheitsbilder reproduzierten – zumindest solange, bis der Krieg sein neues, technisiertes Gesicht zeigte und überdies entgegen den allgemeinen Erwartungen nicht rasch beendet wurde. Die im Band von Ebert präsentierte Auswahl verharrt eben nicht in der offiziellen Anfangseuphorie, sondern zeigt den Wandel hin zu Kriegsmüdigkeit und -trauma. Ein „Augusterlebnis“ über bürgerlich-akademische Kreise, Künstler und den Adel hinaus läßt sich, so das Nachwort, auch anhand der Briefe nicht nachweisen.

Trennung und Abwesenheit sind ein privates Thema der Korrespondenz, das sich mit Rollenverständnissen und der Neuaushandelung beziehungsweise faktischen Neuverteilung von Aufgaben und Zuständigkeiten auseinandersetzen muß. Naturgemäß ist auch der Tod ein Thema. Doch das Sterben hat nichts von literarischer Heldenverklärung, findet es doch überweigend entweder durch Artilleriebeschuß direkt im Schützengraben oder später im Lazarett statt. Die Briefe geben dies realistisch wieder, auch wenn gegenüber den Frauen manches Detail ausgespart wird. Aber auch diese wissen vom Tod, schließlich verhungern allein in Deutschland 800000 Menschen.

Nachstehend eine kleine Auswahl:

Die Stimmung famos, vom Krieg wird eigentlich wenig gesprochen, trotzdem die Stimmung durch die Einmischung Englands noch kritischer geworden ist. Fröhlichkeit, Heiterkeit u. Scherz hört man hier nicht nur bei den jungen Leutnants, sondern auch bei älteren und alten Offizieren. Schimpfen tun nur die, welche noch nicht gleich mit hinaus können, darunter auch ich!

Oberarzt Heinrich Luft an seine Familie in Gießen; Mainz-Castel 5/814

Liebste Eltern und Geschwister.
Ich muß euch noch ein paar Zeilen schreiben vieleicht die letzten. Denn auch wir hier sind bereit zu jeder Stunde dreinzuschlagen. Da ist es möglich das wir unser Leben opfern müssen und wir uns niemals wiedersehen aber wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Sollte ich nicht mehr zurückkehren dann lebt alle Wohl.

Heizer Arthur Becher an seine Familie; SMS Nürnberg, d. 6. August 14

Mein lieber und hochverehrter Herr Doktor!
Mit grosser Trauer hat mich die Nachricht vom Heldentod Ihres Bruders erfüllt. Gefühle will ich Ihnen nicht in Worten ausdrücken, dazu ist die Zeit zu ernst und zu gross und es fliessst viel zu viel des edlen deutschen Blutes.
Auch Sie werden sich, wie alle Familien, mit dem Verluste zur Ehre des Vaterlandes abfinden müssen.
Der alte treue Gott der Deutschen wird uns weiter helfen. Ihrem Wunsch des Aufdrucks der Widmung bei der 2. Auflage Ihres »Volkes in Eisen«werde ich nachkommen und lasse Ihnen Korrekturen senden.
Ich stelle es Ihnen ganz anheim, wenn Ihre Stimmung es Ihnen erlaubt, an das »Posener Land« zu denken. Vielleicht bringt Sie die Arbeitstätigkeit auf literarischem Gebiet neben der anstrengenden Feldzugstätigkeit über den Verlust leichter hinweg.
Ihren deutschen Gruss als einen Rachegruss für den toten Bruder erwidernd, verbleibe ich
Ihr stets ergebener
Oskar Eulitz

an Walter Flex; Lissa i. P. den 23. September 1914

Je länger der Krieg dauert desto abgestumpfter wird man. An Anregung fehlt es auch, die ganze soldatische Umgebung ist eine stumpfe gedankenlose Masse, die höchstens fürs Essen und schlechte Weiber Interesse hat. Betrachte ich die Arbeiter im Soldatenrock, dann ist mir klarer denn je, daß wir nach dem Krieg ein kleines Häuflein sein werden, das als Avantgarde des Sozialismus in Betracht kommt.

Soldat Friedrich Notz an Albert Zwicker; 10. Juni 1918

Die ganz unterschiedlichen Briefe beleuchten das Geschehen auf eine sehr spezielle Weise und erzählen so eine vielstimmige Version der Kriegsgeschichte jenseits der offiziellen Berichte und der klassisch-fokussierten Weltkriegsgeschichtsschreibung.

 

 

 

 

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