Benjamin von Brackel, Die Natur auf der Flucht. Warum sich unser Wald davonmacht und der Braunbär auf den Eisbär trifft – Wie der Klimawandel Pflanzen und Tiere vor sich hertreibt, 2021, 284 Seiten.
von Brackel, Die Natur auf der Flucht | Foto: nw2021
Sind die Schutzgebiete von heute die Gefängnisse von morgen? Muß sich der Naturschutz an die Anforderungen des Klimawandels anpassen?
Diese Fragen stehen am Anfang dieses Buches. Ausgehend von den Überlegungen einzelner Wissenschaftler untersucht der Autor, was über die Wanderung von Tieren und Pflanzen als Reaktion auf die Erderwärmung bekannt ist. Zahlreiche Beispiele belegen den bereits eingetretenen Grad an Veränderung. Brackel diskutiert Chancen und Grenzen der Anpassung, wobei er auch die Auswirkungen auf den Menschen in den Blick nimmt.
Sehr eindringlich und gleichzeitig unaufgeregt geschrieben. Aber da es sich nicht um apokalyptische Visionen, sondern um bereits heute belegbare Tatsachen handelt, wirkt das Ganze um so bedrückender.
Annie Ernaux, Die Jahre, 2008, dt. 2017 (aus dem Französischen von Sonja Finck), Tb. 2019, 4. Aufl. 2020, 256 Seiten.
Annie Ernaux, Die Jahre (Titelfoto) | Foto: nw2021
Ein sehr französisches und ein sehr weibliches Buch.
Gleichzeitig eine persönlich gehaltene Tour d’horizon durch die Zeit zwischen Kriegsende und 2006, die aber anschlußfähig ist. Die Namen der französischen Präsidenten kennt man aus den Nachrichten oder den Geschichtsbüchern, von der erwähnten Literatur hat man auch schon gehört, und ab den 70ern war man ja selbst dabei, die Welt aus einer anderen Perspektive, aber doch eine verwandte Welt, kennenzulernen.
Ein Buch über die Stadien des Lebens, in denen alles seine Zeit hat, aber doch zur Unzeit geschieht, und an deren Ende das Älterwerden und schließlich das Altsein steht, wenn man nicht nur für die Anderen, Jüngeren, sondern auch in den eigenen Augen alt ist.
Lesenswert, stilistisch und inhaltlich interessant, das ja – aber den Riesenhype um das Buch, den ich in Erinnerung habe, kann ich nicht nachvollziehen.
Marlene Wind, The Tribalization of Europe. A Defence of our Liberal Values, 2020, 131 Seiten.
Cover-Abbildung der Verlagswebseite
The tribalization of politics is a global megatrend in today’s world (S. vi)
Das Buch versteht sich als Weckruf, will auf die Gefahren von Identitätspolitik hinweisen und die Leser dazu ermutigen, sich für echte Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Europa starkzumachen. (S. viii)
All this now feels like ancient history. (S. 3)
Nachdem Wind auf den ersten beiden Seiten ihres Essays die postnationale Konstellation zwischen 1990/91 und circa 2010 geschildert hat, holt sie ihre Leser mit diesem knappen Satz zurück in die Realität. Die zwischenzeitlich in Europa für selbstverständlich gehaltene Demokratie sei mittlerweile wieder auf dem Rückzug, selbst wenn in den betroffenen Staaten noch Wahlen abgehalten würden. (S. 3)
Tribalismus versteht sie als die Tendenz, nur die eigene Gruppe gelten zu lassen und mit dieser in ungestörter Homogenität leben zu wollen. Letztlich führe dies zu einer absurd anmutenden und an das Heilige Römische Reich erinnernden Kleinstaaterei. (S. 4) Abgrenzungsvorstellungen hätten die Oberhand gewonnen. Dabei gehe es primär um ethnische, religiöse und sonstige Homogenität, zunehmend wendeten sich solche Bewegungen aber auch gegen liberale Eliten, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte.
Den Verlockungen, mit einer solchen Politik Wähler (zurück) zu gewinnen, könnten leider auch Parteien und Politiker der Mitte gelegentlich nicht widerstehen. (S. 8f.)
Democracy in the age of populism has thus become unconstrained majority rule, with political debate reduced to fake news and cultural fundamentalism. Equating democracy with an extreme version of majoritarianism, in which the rule of law and judicial institutions (inside as well as outside the state border) are readily questioned and even sometimes dismantled, is an extremely dangerous path to go down. (S. 10)
Aufbauend auf Arbeiten von Benedict Anderson werden Nationen und Gemeinschaften als menschengemachte Konstrukte betrachtet. (S. 12) Bei deren Ausbildung spielt die Schule eine herausragende Rolle. (S. 13) Der moderne Nationalstaat ist in Europa aus dem älteren Territorialstaat hervorgegangen, durch die Identität verfügt er über einen starken Mobilisierungsfaktor, der die Wehrpflichtarmeen ermöglichte. (S. 14)
Wind erläutert die Irrationalitäten des katalanischen Unabhängigkeitsprojekts und spricht ihm unter Berufung auf Joseph Weiler eine europäische Zukunft ab. Die EU sei gerade ein Projekt der Vielfalt und keines der Reinheit. (S. 24)
[R]ewarding secession with EU membership is unlikely to be the route the EU takes. (S. 24)
Denke man in der Logik der Separatisten weiter, komme man zurück zu lange überwundener Kleinstaaterei, aber heutzutage sei eine aus fünfzig oder mehr ethnischen Enklaven zusammengesetzte EU handlungsunfähig und rückwärtsgewandt. (S. 30f.)
Der Brexit gilt der Autorin als besonderer Ausdruck des Tribalismus, als Fetischisierung von Souveränität und gleichzeitig ein Beispiel für die Bedeutung von Fake News und russischer Einflußnahme. (S. 38ff.) Die Schilderung der demokratischen und liberalen Rückschritte in einigen Ländern Mittel- und Osteuropas ist ebenso sachlich wie erschreckend. In ihrer Kürze (S. 41-47) offenbart sie eine gefährliche Entwicklung in den betroffenen Ländern – nicht nur Ungarn und Polen – und der EU selbst, die mit dem Problem nicht recht umzugehen weiß (S. 48ff.). Demokratie müsse mehr bedeuten als durch Wahlen legitimierte Mehrheitsherrschaft; Herrschaft des Rechts und liberale Prinzipien gehörten unabdingbar dazu. (S. 51f.). Tribalismus bedeute eine Umwertung des Demokratieverständnisses (S. 52).
Lesenswert sind ihre generellen Ausführungen zum Konflikt zwischen einer institutionell ausbalancierten Demokratie einerseits und einer auf Mehrheitsherrschaft ausgerichteten Demokratie, in der der Parlamentswille nicht von Gerichten begrenzt wird, andererseits (S. 55ff.). Hiervon ausgehend, erkennt sie einen Verlust an Unterstützung für liberale Demokratie und Rechtsstaatlichkeit (S. 57f.). Ihre Analyse der Situation in Polen (S. 88ff.) gipfelt in der Forderung nach einer starken Reaktion der EU (S.89f.).
Are illiberal democracies even to be called democracies? (S. 94)
Das Buch überzeugt durch gute Gliederung und Lesbarkeit. Allerdings werden die entscheidenden Argumente oft wiederholt, ohne daß neue Aspekte hinzugefügt oder etwaige Gegenargumente tatsächlich entkräftet würden. An manchen Stellen gerät der Essay so zu einer Art Glaubensbekenntnis, dem es dazu noch an Verve fehlt.
Im Alter von sechzig Jahren setzte sich Günter de Bruyn an seine mit „Zwischenbilanz“ betitelten Erinnerungen über seine Jugend. Er läßt das Buch mit dem Kennenlernen seiner Eltern im Jahr 1911 beginnen und fügt oft wiederholte Bruchstücke von Erzählungen zu einer erstaunlich stringenten Erzählung zusammen.
Fesselnd geschrieben und sehr gut durchkomponiert, bietet das Buch gute Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt des heranwachsenden Autors, der nicht seine späteren Positionen absolut setzt, sondern das sich Entwickelnde, Unfertige deutlich macht.
Die Geschichte ist nicht untypisch, die Lebensstationen de Bruyns werden von den historischen Ereignissen determiniert, Schulbesuch ab 1933, NS-Jugendorganisationen, einfache Lebensumstände, Krieg mit Kinderlandverschickung und Bombennächten, Flakhelferausbildung und Notbeschulung, Durchschlagen nach Hause, Neuanfang unter der Besatzungsherrschaft, Teilung Berlins, SED-Herrschaft. Aber die Prägnanz der Darstellung beeindruckt, die Darstellung der Gefühlswelt wühlt den Leser auf, die Bedeutung von Lesen und Büchern wird in jeder Zeile spürbar. De Bruyn ist ein wahrer Homme de Lettres.
Der Autor zeichnet sein jüngeres Ich realistisch, einerseits versponnen und andererseits bereit, wie damals üblich, allerlei Tätigkeiten zu übernehmen. Obwohl kein typischer Berliner Steppke, der mit dem Mund vorneweg ist, gibt sich der junge de Bruyn von der Großstadt unbeeindruckt, ist aber auch kein Freund des Landlebens. Kaserne, Gleichschritt und Schützengraben sind seine Sache nicht, ebensowenig wie Indoktrination und Einparteienherrschaft.
Ohne etwas von deutscher Romantik zu wissen, lebte ich geistig vom Heinrich von Ofterdingen oder vom Sternbald, vom Protest gegen das Industrie- und Massenzeitalter also, in das ich hineinwuchs. Ehe ich lesen lernte, konnte ich von der blauen Blume singen, die nur ein Wandervogel finden kann. Die geeignete Vorbereitung auf das Leben, das mir bevorstand, war das wohl nicht. Aber wie hätte es anders auch sein sollen: Lebten doch, während die Flugzeuge schneller und die Waffen mörderischer wurden, auch die meisten Erwachsenen geistig im 19. Jahrhundert, ob nun Wagner-, Nietzsche-, Bismarck-Verehrung oder ein monarchistischer, nationalistischer oder sozialistischer Traum ihnen die Augen verschloß. (S. 45)
Mehr Resonanz fand seine Kinofreude, wenigstens bei Mutter, Wolfgang und mir. Gisela und Karlheinz opponierten, und ihre Argumentation war stark neudeutsch geprägt. Das Kino war in bündischem Verständnis nur für Ofenhocker, Spießer, Modegecken und Poussierer gut, ein Lebenssurrogat für innerlich verkalkte, ausgehöhlte Existenzen, auf das ein Echt-Lebendiger verzichten konnte, wie auf Alkohol und Nikotin. Film bot Zerstreuung, wo doch Sammlung nottat; Analphabeten mochten sich an seiner Flachheit wohl ergötzen, wer aber mehr als niedrigstes Vergnügen wollte, griff zum Buch. (S. 47)
Das Lesen, das Eintauchen in die deutsche Kultur und Literatur, war prägend, aber doch auch einseitig, nicht umfassend und wenig kritisch.
Natürlich waren wir alle, die wir 1933 Lesen und schreiben gelernt hatten, vo der herrschenden Ideologie infiziert worden, und zwar weniger vom Germanenkult und vom Antisemitismus als von der schon seit wilhelminischen Zeiten tradierten „Deutschen Sendung“ und dem „Soldatischen Geist“. Von der Welt isoliert, dumm gehalten und mit Vorurteilen beladen, waren wir als williges Kanonenfutter aufgewachsen; aber fanatische Nazis waren wir wider Erwarten nicht geworden. Was die älteren Jahrgänge betört und begeistert hatte: das Ordnungschaffen im Innern und das Kraftzeigen nach außen, die Sanierung der Wirtschaft und die Pracht der Fahnen und Aufmärsche, war uns selbstverständlich gewesen, das einst als erhebend empfundene Ritual lästige Pflicht. Die Kampflieder hatten das Kämpferische für uns verloren, und die Führerreden, die dauernd gehört werden mußten, ödeten uns an. Den Älteren war Hitler die Alternative zur Weltwirtschaftskrise und zu den Folgen des Versailler Vertrages gewesen; uns war er kein Retter mehr, sondern nur noch alltäglich Realität. Die Aura, die ihn für die Masse der Deutschen umgeben hatte, begann zu verlöschen, als wir zu denken begannen. Grund zur Begeisterung waren für unsere Jahrgänge noch die militärischen Siege gewesen, die user Denken mehr feldgrau als braun gefärbt hatten; die Niederlagen brachten Ernüchterung und Perspektivlosigkeit. (S. 142f.)
Wichtig sind für den jungen de Bruyn Gesprächspartner, mit denen er sich austauschen und über Lektüren, aber auch über die Welt und die Frauen sprechen kann
Durch ihn, der jede freie Minute für die Zeit danach nutzte, lernte ich den Krieg als ein Stadium des Durchgangs zu betrachten, das möglichst unbeschädigt zu überstehen war. Denn das bißchen Geist, ds es gab, mußte gerettet werden, und da jeder Dummkopf den Finger am Abzugshahn krümmen konnte, waren die Überlebenschancen für kluge Köpfe nicht groß. Speziell wir aber, wir jungen Deutschen, würden uns wahrscheinlich auch als Überlebende noch bis zum eigentlichen Leben lange gedulden müssen; denn gewänne Deutschland den Krieg, würden wir die Uniform noch Jahrzehnte am Leibe behalten müssen, weil wir als Besatzung in Libyen oder am Polarkreis säßen; ein verlorener Krieg würde uns wohl in einem sibirischen Bergwerk sehen. (S. 157)
Nach dem Krieg macht er eine Ausbildung zum Lehrer, die ihn nicht wirklich fordert.
[Schwarzmarkt braucht Zeit.] Die aber hatte ich damals so wenig wie heute, obwohl mir der Unterricht wenig raubte; er bot nichts, das zu selbständigen Studien reizte, und er fand nur am Vormittag statt. Ich brauchte die Zeit, um mein Liebesbriefleben weiterzuführen, um für den Kriegsroman der nicht gelingen wollte, immer neue Anfänge zu schreiben, in Antiquariaten zu sitzen, von denen es mehrere gab, die reichbestückt und nicht teuer waren, vor allem aber, um etwas für meine Bildung zu tun. Von der Literatur war ich, ohne ihr untreu zu werden, auf die Philosophie gekommen. (S. 319)
Die neue Zeit ist auch Zeit zum Lesen, Zeit um Neues zu lesen.
Wir hatten viel aufzunehmen. Aus Ost und West wurde Weltliteratur angeboten. Die unter Hitler verbotene Moderne war zu erschließen. Zeitungen und Zeitschriften waren voll von Entdeckungen, vor allem auch aus der Literatur des Exils. Das Feuilleton der Neuen Zeitung war uns jahrelang aktueller Ratgeber, aber auch Lancelot, der Bote aus Frankreich, der Aufbau aus Ost-Berlin und die vielen Umschauen, Revuen und Rundschauen zeigten uns Dilettanten, was wir alles nicht wußten und wie vielfältig das geistige Leben war. (S. 346f.)
Erschütternd ist, was zum Unbekannten zählt:
Von ihm [Thomas Mann] in den Monaten seiner Gefangenschaft erstmalig erfahren. Dort war ihm ein Verleger Gesprächspartner gewesen, und die beiden hatten sich Bücher, die ihnen fehlten, gegenseitig erzählt. Darunter war auch der Tonio Kröger gewesen, dessen Geschichte nun auch ich kennenlernte, bevor ich das Buch in die Hände bekam. (S. 347)
Das Buch schließt im April 1951, als nach der Sprengung des Berliner Stadtschlosses auf dem nun leeren Platz eine Tribüne für die Parteiführung errichtet wird.