Dorothy Whipple, Der französische Gast, Roman, 1953, dt. 2021 (aus dem Englischen von Silvia Morawetz), 445 Seiten.
Ein Roman über die Kraft von Mißgunst und Selbstsucht auf der einen und über die Anfälligkeit von Familienstrukturen auf der anderen Seite. Eine noch junge Französin wird verzehrt von Enttäuschung über die Aussichten in einem Provinzstädtchen – sie haßt ihren früheren Liebhaber, verachtet ihre Eltern und schreckt vor der Ehe mit dem langweiligen Apotheker zurück. Dankbar ergreift sie die Gelegenheit, als Gesellschafterin einer älteren Dame nach England zu gehen. Dort trifft sie nicht nur auf die alte Mrs. North, sondern auf deren Sohn und seine Familie.
Avery und Ellen sind mit ihren zwei Kindern eine englische Vorzeigefamilie, die aus der Konfrontation mit der berechnenden Louise beschädigt hervorgeht. Averys Unfähigkeit, zwischen seinen Hormonen und seinen Gefühlen zu unterscheiden, befördert die dramatische Entwicklung.
Der Roman erschien 1953 als letztes Buch der Autorin und wurde nun von Silvia Morawetz erstmals ins Deutsche übertragen. Er ist flüssig geschrieben und erfreulich konventionell erzählt – eine unterhaltsame Lektüre, die in die Welt der Nachkriegszeit führt und deutlich macht, wie störanfällig die Balance zwischenmenschlicher Beziehungen ist.
Fridolin Schley, Die Verteidigung. Roman, 2021, 268 Seiten.
Fridolin Schley, Die Verteidigung | Foto: nw2021
Schley, der seit 20 Jahren schriftstellerisch tätig ist, hat eine interessante Konstellation zum Gegenstand seines neuen Romans gemacht: Vater und Sohn in einer von außen hergestellten Nähe- und Fernbeziehung, getrennt und vereint in Vergangenheit und Gegenwart.
Der Vater, Ernst von Weizsäcker, geboren 1882, war nach einer Laufbahn als kaiserlicher Marineoffizier in den Auswärtigen Dienst getreten, hatte dort Karriere gemacht und wurde 1938 Staatssekretär des neuen Außenministers Joachim von Ribbentrop. Er hatte sich 1936 gegen Thomas Mann ausgesprochen, genoß Hitlers Protektion und machte Karriere in der SS. Er blieb bis 1943 in Amt und ließ sich dann als Botschafter an den Heiligen Stuhl nach Rom versetzen.
Der 1920 als fünftes Kind geborene Sohn Richard wuchs in Basel, Kopenhagen, Oslo und Bern auf. Seit 1936 lebte die Familie in Berlin, wo er mit 17 Jahren Abitur machte. Weizsäcker, der in der Hitlerjugend aktiv war, besuchte nach dem Abitur zunächst die Universitäten Oxford und Grenoble, wurde aber 1938 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und ging dann zum Militär. Er diente im gleichen Regiment wie sein älterer Bruder Heinrich. Beide waren am Überfall der Wehrmacht auf Polen beteiligt, wo Heinrich von Weizsäcker bereits am zweiten Tag fiel. Das Regiment wurde dann an die Westfront verlegt und nahm später am Rußlandfeldzug teil, in dessen Verlauf Richard verwundet, ausgezeichnet und befördert wurde. Weitere Stationen führten ihn ins Führerhauptquartier sowie zurück an die Ostfront. Bei Evakuierungseinsätzen leicht verwundet, gelangte er zurück ins Reich, wo er in den letzten Kriegstagen untertauchen konnte. Seit 1945 studierte er Jura in Göttingen.
Als sein Vater zum prominentesten Angeklagten im sogenannten Wilhelmstraßenprozeß avanciert, unterbricht Richard sein Studium, um das Verteidigerteam zu unterstützen. NS-Juristen in führender politischer Verantwortung hatten sich das Leben genommen oder waren, wie Roland Freisler, bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Der hohe Beamte Ernst von Weizsäcker war daher derjenige, der in der Öffentlichkeit zum Gesicht dieses Verfahrens wurde.
Schley taucht mit seiner Erzählung tief in die Atmosphäre des Nürnberger Gerichtssaals ein. Er stützt sich dabei auf die Akten, aber auch auf Dokumente aus der Familie von Weizsäcker. Es gelingt ihm, ein Psychogramm des Älteren zu zeichnen, der von seiner „verwaltenden Verantwortung“ spricht (S. 23). Richard ist zunächst von einem „dumpfen Gefühl alles betäubenden Zweifels“ gegenüber der Anklage erfaßt (S. 27).
Die Vater-Sohn-Beziehung gerät in den Blick, damals – vor dem Krieg – und dann während des Krieges sowie jetzt, da der Vater in Haft sitzt. War Nähe je möglich? Worauf gründete seine Stärke? Wie stand er zum Polenfeldzug, zum Rußlandfeldzug? Was sagt er heute, was sagte er damals?
Die Verteidigung bereitet einen wirksamen Gegenschlag vor. Alte Verbindungen werden reaktiviert, neue Unterstützer gefunden. Das gesellschaftliche Klima wandelt sich, alte Kameraden stellen sich gegenseitig Persilscheine aus. Weizsäcker und seine Mitangeklagten werden zu Opfern stilisiert, mindestens zu Widerstandskämpfern. Gräfin Dönhoff spielt eine unrühmliche Rolle, die wenig zum öffentlichen Bild späterer Jahrzehnte passen will (S. 198).
Der Austausch von Gefälligkeiten folgte passgenauen Bestellungen. (S. 202)
Verlass war nur auf den eigenen Kreis. (S. 208)
Doch ist der Optimismus der Verteidigung begründet? War Ernst von Weizsäcker unschuldig?
Was weiß man eigentlich vom Nächsten, gar vom eigenen Vater? Immer wieder läßt der Autor Richard von Weizsäcker diese Frage umkreisen. Dazu blickt er zurück auf die Karriere des Vaters bis zur Machtergreifung, den ersten Jahren der Diktatur und dann im Weltkrieg. Ernst von Weizsäcker war beeindruckt von Hitler, er hielt dessen Schrift „Mein Kampf“ nicht für das Werk eines Reaktionärs, und sich selbst hatte er getröstet, daß man sein Land nicht im Stich lasse, nur weil es möglicherweise eine fragwürdige Regierung habe.
Schley kommt auf die Rolle Weizsäckers bei der Ausbürgerung von Thomas Mann ebenso zu sprechen wie auf sein fortdauerndes Verbleiben im Staatsdienst. Er zeichnet dessen Entrücktheit und Selbststilisierung nach, die er während der Haft vornimmt.
Zum zweiten Mal in seinem Leben sieht er sich unüberwindlichem Mißtrauen und Unverständnis ausgesetzt – und wieder aus dem Grund, dass er die Politik als Kunst des Möglichen begreife, man von ihm jedoch die Kunst des Unmöglichen erwarte. (S. 116)
Der Autor verschränkt die inneren Monologe von Vater und Sohn zu einem trüben Strom. Prozeßakten, Auszüge aus den Memoiren Ernst von Weizsäckers und ein erinnerndes Salbadern fließen zusammen, ebben ab und greifen einander auf. Sprache macht das Prozeßgeschehen ebenso erlebbar wie das Aktenstudium. Dokumente zeigen eine Dramatik der Bearbeitung, eine Lebendigkeit des Schriftstücks und eine Uneindeutigkeit der Bedeutung.
Schley leuchtet Beziehungen zum George-Kreis aus (S. 188) und blickt auf die sehr wackligen, nachträglich konstruierten Verbindungen zum Widerstand um Graf Stauffenberg (S. 200ff.).
Wenn ich Sie richtig verstehe, Herr von Weizsäcker, hatten Sie viele schlimme Dinge mitzumachen, um Ihr einziges Widerstandsziel abzudecken, nämlich Hitler zu beseitigen. Ist das richtig? Mitgemacht ist nicht der richtige Ausdruck. Ich habe nichts mitgemacht, ich habe einen Total-Widerstand geleistet, insgesamt bis an den Rand meiner Möglichkeiten. Das nenne ich nicht mitgemacht. (S. 165)
Ds Buch beleuchtet in eindringlicher Form die vielfältigen Problemlagen des Wilhelmstraßenprozesses, behandelt Verstrickung und Selbsttäuschung, Korpsgeist und Bewußtwerdung.
Über den nachmaligen Bundespräsidenten würde ich schlußfolgern: Er hatte Skrupel, aber er blieb Sohn. Und so war es einerseits ein weiter Weg, den Richard von Weizsäcker während der nächsten vierzig Jahre zurücklegte, andererseits trat er auch ziemlich auf der Stelle.
Akwaeke Emezi, Der Tod des Vivek Oji, Roman, 2020, dt.2021 (aus dem amerikanischen Englisch von Anabella Assaf), 271 Seiten.
Akwaeke Emezi, Der Tod des Vivek Oji | Foto: nw2021
Akwaeke Emezi (* 6. Juni 1987 in Umuahia, Nigeria) ist eine nichtbinäre Person nigerianischer Nationalität mit igbo-tamilischer Herkunft. Ende 2017 ließ sich Emezi operativ die Gebärmutter entfernen (Hysterektomie) und erklärte die eigene Geschlechtsidentität als nichtbinär und mehrzahlig, wörtlich: „nonbinary trans and plural person“. Auf Englisch bevorzugt Emezi für sich die Pronomen they/them.
Der Klappentext der deutschen Ausgabe zeigt ein Foto, das als weiblich gelesen werden kann, und benutzt nur den Nachnamen Emezis. Die Übersetzerin wird dagegen mit weiblichen Pronomen vorgestellt. Der Verlag umgeht die Frage also wenig elegant.
Zum Inhalt
Ein junger Mann stirbt. In Rückblenden erzählt das Buch die Geschichte seiner Familie und seines kurzen Lebens; erklärt wird schließlich auch, warum und auf welche Weise dieser Mensch starb.
Zu Aufbau und Stil des Buches
Das erste Kapitel besteht nur aus einem Satz: „Am Tag von Vivek Ojis Tod brannten sie den Markt nieder.“ Mit diesem Paukenschlag beginnt das Buch. Ein wuchtiger Einstieg, der gleichzeitig Endgültigkeit ausdrückt und viele Fragen aufwirft.
Die eigentliche Erzählung benutzt anfangs die Metapher des Fotoalbums und läßt die Leser Schnappschüsse oder Familienfotos betrachten. Damit werden die wichtigen Themen Vergangenheit und Erinnerung ebenso angesprochen wie interpersonale Beziehungen. Schon nach wenigen Seiten ahnt man, daß die Geschichte einen unguten Verlauf nehmen wird, auch wenn man den ersten Satz nicht gelesen hat. Diese ungute Entwicklung wird, auch das ist früh klar, schon weit vor Viveks Tod einsetzen.
Chika, Viveks Vater, erfährt früh, daß Gefühle beherrscht, im Zaum gehalten werden müssen – jedenfalls, wenn sie der eigenen Schwägerin gelten (S. 10f.). Chika und seine Frau Kavita haben „nur ein Kind“ (S. 16), das auf mysteriöse Weise eine Narbe der Großmutter auf dem Fuß trägt, die am Tag seiner Geburt stirbt (S. 18). Die Familie ist ein Raum gegenseitiger Unterstützung, aber unterliegt aber auch zahlreichen Tabus, die aus gesellschaftlichen Konventionen folgen, sich aber auch aus individuellen Konstellationen ergeben können.
Kavita, Viveks Mutter, stammt aus Indien. Sie ist eine von vielen Frauen aus unterschiedlichen Ländern, die einen Nigerianer geheiratet haben und als sogenannte Nigerwives im Land leben. Sie unterhalten Beziehungen, die zwischen Freundeskreis und Selbsthilfegruppe changieren. Ihre Kinder, die als „Mischlinge“ bezeichnet werden (S. 83), wachsen miteinander auf. Ihre optische Andersartigkeit an Haut und Haaren bringt diese jungen Menschen zusammen.
Überwiegend spricht ein allwissender Erzähler zu uns, aber es spricht auch Viveks Cousin Osita zu uns und – an den besonders wichtigen Stellen – auch Vivek selbst. Die beiden Cousins verbindet ein besonders enges, aber auch kompliziertes Verhältnis miteinander.
Das Buch enthält eine Reihe von expliziten sexuellen Darstellungen, gelegentlich auch mit Gewaltanwendung oder Machtungleichheit verknüpft.
Die großen Themen Freundschaft und Vertrauen, Begehren, Angst, Mut, Risiko, Todesgefahr, Verlust und Schuld werden von Emezi in diesem Buch behandelt, allerdings erhalten sie unterschiedliches Gewicht und nicht alles wird aus meiner Sicht adäquat thematisiert. Manches kommt zu kurz – so könnten etwa Viveks Gedanken durchaus mehr Raum einnehmen –, während der Schmerz seiner Mutter immer mehr ins Zentrum der Darstellung rückt.
Mein Fazit
Erzählperspektive, Schreibstil und Story sind gut und ergänzen einander. Freilich ist es nicht das ultimative Buch zum Thema sexuelle Identität und sicherlich nicht einer der Romane des Jahrzehnts.
Julian Barnes, The Man in the Red Coat, London: Jonathan Cape, 2019, 270 Seiten.
Julian Barnes, The Man in the Red Coat
Dr. Pozzi at home, John Singer Sargent, 1881
Fotos: nw2021
Im Juni 1885 kamen drei Franzosen in London an. Einer war ein Prinz, einer ein Graf und der dritte war ein bürgerlicher mit italienischen Nachnamen. Der Graf bezeichnete ihre Absicht als intellektuelle und dekorative Einkaufstour. (Meine Übersetzung des ersten Absatzes.)
Die drei Männer waren: Edmond de Polignac Robert de Montesquiou-Fezensac Dr. Samuel Jean Pozzi – der Mann im roten Rock
Julian Barnes nimmt diese Reise zum Anlaß, über das gesellschaftliche Leben der Zeit und das Verständnis von Kunst, insbesondere der Literatur zu schreiben. Denn der Graf de Montesquiou war Vorlage für ein Buch, den Roman „À Rebours“ von Joris-Karl Huysmans. Die dortige Hauptfigur namens Des Esseintes – ein Herzog – ist ein Dandy, Ästhet und Décadent. Dieses Buch wiederum verschenkt Lord Henry in Oskar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ an den jungen Protagonisten, und es verändert dessen Lebensführung nachhaltig. Lord Henry leugnet dies:
Art has no influence on action.
Auf den verschlungenen Pfaden von Kunst und Laster schreitet Barnes voran, durchwandert sein Gelände also kreuz und quer und besichtigt solchermaßen ein Zeitalter, breitet farbenprächtige Details aus und stellt vielfache Bezüge zu den literarischen und gesellschaftlichen Zeitgenossen seiner drei Protagonisten her. Das Buch basiert auf breiter Lektüre, die nicht stolz vorgezeigt, sondern mit einer gewissen Unauffälligkeit eingewoben wird und den eigenen Text auf gute Weise stützt.
Dandytum, Ästhetizismus und Dekadenz werden als selbstverständliche Haltungen der damaligen Zeit gezeigt, sie gewinnen gelegentlich durch eine englisch-französische Rivalität an Schärfe. Zwischen Sittenverfeinerung und -verfall liegen oft nur wenige Schritte, und Barnes weist auf einige Prozesse und Duelle hin, die hier ihren Ursprung haben.
Barnes schreibt eine klare Prosa, ausdrucksstark und das Leseinteresse haltend. Stilistisch kann er neben den zeitgenössischen Briefen und Tagebucheinträgen bestehen, aber auch im Vergleich mit Wilde und Huysmans braucht er sich nicht zu verstecken.