Uneindeutigkeit von Lebensstilen

Julian Barnes, The Man in the Red Coat, London: Jonathan Cape, 2019, 270 Seiten.

Im Juni 1885 kamen drei Franzosen in London an. Einer war ein Prinz, einer ein Graf und der dritte war ein bürgerlicher mit italienischen Nachnamen. Der Graf bezeichnete ihre Absicht als intellektuelle und dekorative Einkaufstour. (Meine Übersetzung des ersten Absatzes.)

Die drei Männer waren:
Edmond de Polignac
Robert de Montesquiou-Fezensac
Dr. Samuel Jean Pozzi – der Mann im roten Rock

Julian Barnes nimmt diese Reise zum Anlaß, über das gesellschaftliche Leben der Zeit und das Verständnis von Kunst, insbesondere der Literatur zu schreiben. Denn der Graf de Montesquiou war Vorlage für ein Buch, den Roman „À Rebours“ von Joris-Karl Huysmans. Die dortige Hauptfigur namens Des Esseintes – ein Herzog – ist ein Dandy, Ästhet und Décadent. Dieses Buch wiederum verschenkt Lord Henry in Oskar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ an den jungen Protagonisten, und es verändert dessen Lebensführung nachhaltig. Lord Henry leugnet dies:

Art has no influence on action.

Auf den verschlungenen Pfaden von Kunst und Laster schreitet Barnes voran, durchwandert sein Gelände also kreuz und quer und besichtigt solchermaßen ein Zeitalter, breitet farbenprächtige Details aus und stellt vielfache Bezüge zu den literarischen und gesellschaftlichen Zeitgenossen seiner drei Protagonisten her. Das Buch basiert auf breiter Lektüre, die nicht stolz vorgezeigt, sondern mit einer gewissen Unauffälligkeit eingewoben wird und den eigenen Text auf gute Weise stützt.

Dandytum, Ästhetizismus und Dekadenz werden als selbstverständliche Haltungen der damaligen Zeit gezeigt, sie gewinnen gelegentlich durch eine englisch-französische Rivalität an Schärfe. Zwischen Sittenverfeinerung und -verfall liegen oft nur wenige Schritte, und Barnes weist auf einige Prozesse und Duelle hin, die hier ihren Ursprung haben.

Barnes schreibt eine klare Prosa, ausdrucksstark und das Leseinteresse haltend. Stilistisch kann er neben den zeitgenössischen Briefen und Tagebucheinträgen bestehen, aber auch im Vergleich mit Wilde und Huysmans braucht er sich nicht zu verstecken.

Gemälde und Photographien vertiefen den Eindruck des Geschriebenen, das seinerseits das Dargestellte ebenso wie die Art und Weise der Darstellung aufnimmt. Die wechselseitige Durchdringung von Text und Bild ist eine Stärke dieses Buches. Großartig gefiel mir, wie Barnes die Betrachtung und (Miß-)Interpretation von Gemälden analysiert (S. 205ff.) und dabei auf das Verhältnis von Maler und Porträtiertem zu sprechen kommt, natürlich wieder ein Zitat aus dem „Dorian Gray“ parat habend.

Die Lektüre ist unterhaltsam, gewürzt mit mehr als einer Prise Klatsch, oft auch zu sexuellen Themen, wie der Homosexualität de Montesquious oder den Orgasmen der Sarah Bernhardt.

We cannot know, but we can certainly doubt. (S. 166)

Das Buch ist aber auch von tiefem Ernst geprägt, macht es doch in Post-Brexit-Zeiten die tiefe und langandauernde kulturelle Verbundenheit von Großbritannien und Europa deutlich.

Alle Themen werden aus einer Oberschichtenperspektive betrachtet, so daß man dem Buch vorwerfen könnte, es blende die Lebensrealität der breiten Massen aus. Denn ohne breite Basis kann es keine hohe Spitze der Pyramide geben. Aber die Massen kommen weder mit ihren Körpern noch ihren politischen Forderungen vor – diese Referenz an meine gleichzeitige Lektüre des Buchs von Hedwig Richter muß erlaubt sein. Freilich kommen auch arme Leute vor, aber dann sind sie entweder Dienstboten oder Hochstapler.

The Belle Époque was the time of the vast wealth for the wealthy, of social power for the aristocracy, of uncontrolled and intricate snobbery, of headlong colonial ambition, of artistic patronage, and of duels whose scale of violence often reflected personal irascibility more than offended honor. There wasn’t much to be said for the First World War but at least it swept a lot of this away. (S. 135)

Gegenüber den USA gerinnt Europa zu einer geographisch-kulturellen Einheit. Reiche Amerikaner, die nach Europa kommen, moderne Kunst kaufen, sexuelle Freizügigkeit genießen und verarmte Aristokraten heiraten, machen den Niedergang und den Bedeutungsverlust Europas sinnfällig. Demgegenüber fahren Männer wie Wilde und de Montesquiou in die USA, um Geld zu verdienen. Ein wechselseitiges Muster, das sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs fortsetzen sollte. (siehe „Die Schatzsucher von Venedig“ von Ruth Landshoff-Yorck einerseits und die USA-Reisen der „Mann-Twins“ Erika und Klaus Mann andererseits).

Venedig und Bayreuth sind regelmäßige Reiseziel der Upper Class, auch Dr. Pozzi ist dort – allerdings öfter mit seiner Geliebten als mit seiner Ehefrau. Barnes porträtiert ihn aber nicht nur als Lebemann und Society-Arzt – dem selbst das Journal der Brüder Goncourt wenig anzuhängen vermag –, sondern macht auch deutlich, daß er eine medizinische Koryphäe ist, der viele Neuerungen auf den Weg bringt und jahrzehntelang in einem öffentlichen Krankenhaus tätig ist. Er bereist seinerseits die USA, um an Fachkongressen teilzunehmen und Vorträge zu halten oder Kliniken zu besichtigen. Er verfolgte einen ganzheitlichen Ansatz, brachte Kunst ins Krankenhaus. Pozzi wird als guter und erfolgreicher Operateur beschrieben, der seine Karriere im Jahre 1901 mit einer Antrittsvorlesung am extra für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Gynäkologie krönt. Später, im Jahre 1909 fördert er dann Alexis Carrel, der Organtransplantationen durchführte und erfolgreich Blutgefäße miteinander verband; Carrel wird 1912 der Nobelpreis verliehen.

Die Abschnitte sind oft nur lose miteinander verbunden oder schlicht nebeneinandergestellt, aber ergeben gleichwohl ein umfassendes, detailreiches Gesamtbild, das aussagekräftig für die Epoche steht. Und in der Gesamtbetrachtung sieht man doch die verschiedenen Erzählstränge mit ihren jeweiligen Protagonisten gut ausgebildet. Die Politik der Zeit findet insgesamt recht selten Erwähnung, am häufigsten kommt Barnes noch auf die Dreyfus-Affäre zu sprechen. Demgegenüber nimmt die familiäre Situation von Dr. Pozzi, die Belastung seiner Ehe durch eine langjährige Beziehung breiteren Raum ein, oft gespiegelt in den Tagebüchern seiner Tochter Catherine.

Time is equally the enemy of the butterfly, the dandy, and the epigram.
(S. 209)

Montesquiou hat sich als Dandy überlebt – so wie die Zeit der Duelle und des Dandytums laut Barnes mit dem Ersten Weltkrieg vorüber waren. Antisemitismus und Misogynie hingegen würden auch die nächsten Jahrzehnte prägen.

Pozzi und Montesquiou dienen auch Figuren in Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ als Vorlage. Proust verkehrte mit beiden gesellschaftlich und gehörte zu den Bewunderern des Grafen, sein Bruder arbeitete als Arzt mit Pozzi zusammen. Beide Männer fanden sich damit zum wiederholten Mal von literarischen Zeitgenossen verewigt.

Barnes Buch ist ein beeindruckender und aus meiner Perspektive gelungener Versuch, seine Leser die Kluft, die sie von der Vergangenheit trennt, überwinden zu lassen und jene Zeit erspüren zu können. Eine Zeit, die von medizinisch-technischem Fortschritt geprägt ist, aber auch an überkommenen Idealen von Ritterlichkeit festhält. Eine Zeit, in der der das Bewußtsein von Frauen erwacht, selbst über sich bestimmen zu wollen, in der Ideale hohl und Widersprüche offensichtlich werden. Eine Zeit, die uns immer noch nahe ist, weil sie den Anfang unserer Moderne markiert, eine Zeit von Aufbruch und Abschied ist. Eine Zeit voller Uneindeutigkeiten, die damals und bis heute oft nur schwer auszuhalten sind.

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