Der Tod des Vivek Oji

Akwaeke Emezi, Der Tod des Vivek Oji, Roman, 2020, dt.2021 (aus dem amerikanischen Englisch von Anabella Assaf), 271 Seiten.

Akwaeke Emezi, Der Tod des Vivek Oji | Foto: nw2021

Akwaeke Emezi (* 6. Juni 1987 in Umuahia, Nigeria) ist eine nichtbinäre Person nigerianischer Nationalität mit igbo-tamilischer Herkunft. Ende 2017 ließ sich Emezi operativ die Gebärmutter entfernen (Hysterektomie) und erklärte die eigene Geschlechtsidentität als nichtbinär und mehrzahlig, wörtlich: „nonbinary trans and plural person“. Auf Englisch bevorzugt Emezi für sich die Pronomen they/them.

Der Klappentext der deutschen Ausgabe zeigt ein Foto, das als weiblich gelesen werden kann, und benutzt nur den Nachnamen Emezis. Die Übersetzerin wird dagegen mit weiblichen Pronomen vorgestellt. Der Verlag umgeht die Frage also wenig elegant.

Zum Inhalt

Ein junger Mann stirbt. In Rückblenden erzählt das Buch die Geschichte seiner Familie und seines kurzen Lebens; erklärt wird schließlich auch, warum und auf welche Weise dieser Mensch starb.

Zu Aufbau und Stil des Buches

Das erste Kapitel besteht nur aus einem Satz: „Am Tag von Vivek Ojis Tod brannten sie den Markt nieder.“ Mit diesem Paukenschlag beginnt das Buch. Ein wuchtiger Einstieg, der gleichzeitig Endgültigkeit ausdrückt und viele Fragen aufwirft.

Die eigentliche Erzählung benutzt anfangs die Metapher des Fotoalbums und läßt die Leser Schnappschüsse oder Familienfotos betrachten. Damit werden die wichtigen Themen Vergangenheit und Erinnerung ebenso angesprochen wie interpersonale Beziehungen. Schon nach wenigen Seiten ahnt man, daß die Geschichte einen unguten Verlauf nehmen wird, auch wenn man den ersten Satz nicht gelesen hat. Diese ungute Entwicklung wird, auch das ist früh klar, schon weit vor Viveks Tod einsetzen.

Chika, Viveks Vater, erfährt früh, daß Gefühle beherrscht, im Zaum gehalten werden müssen – jedenfalls, wenn sie der eigenen Schwägerin gelten (S. 10f.). Chika und seine Frau Kavita haben „nur ein Kind“ (S. 16), das auf mysteriöse Weise eine Narbe der Großmutter auf dem Fuß trägt, die am Tag seiner Geburt stirbt (S. 18). Die Familie ist ein Raum gegenseitiger Unterstützung, aber unterliegt aber auch zahlreichen Tabus, die aus gesellschaftlichen Konventionen folgen, sich aber auch aus individuellen Konstellationen ergeben können.

Kavita, Viveks Mutter, stammt aus Indien. Sie ist eine von vielen Frauen aus unterschiedlichen Ländern, die einen Nigerianer geheiratet haben und als sogenannte Nigerwives im Land leben. Sie unterhalten Beziehungen, die zwischen Freundeskreis und Selbsthilfegruppe changieren. Ihre Kinder, die als „Mischlinge“ bezeichnet werden (S. 83), wachsen miteinander auf. Ihre optische Andersartigkeit an Haut und Haaren bringt diese jungen Menschen zusammen.

Überwiegend spricht ein allwissender Erzähler zu uns, aber es spricht auch Viveks Cousin Osita zu uns und – an den besonders wichtigen Stellen – auch Vivek selbst. Die beiden Cousins verbindet ein besonders enges, aber auch kompliziertes Verhältnis miteinander.

Das Buch enthält eine Reihe von expliziten sexuellen Darstellungen, gelegentlich auch mit Gewaltanwendung oder Machtungleichheit verknüpft.

Die großen Themen Freundschaft und Vertrauen, Begehren, Angst, Mut, Risiko, Todesgefahr, Verlust und Schuld werden von Emezi in diesem Buch behandelt, allerdings erhalten sie unterschiedliches Gewicht und nicht alles wird aus meiner Sicht adäquat thematisiert. Manches kommt zu kurz – so könnten etwa Viveks Gedanken durchaus mehr Raum einnehmen –, während der Schmerz seiner Mutter immer mehr ins Zentrum der Darstellung rückt.

Mein Fazit

Erzählperspektive, Schreibstil und Story sind gut und ergänzen einander. Freilich ist es nicht das ultimative Buch zum Thema sexuelle Identität und sicherlich nicht einer der Romane des Jahrzehnts.

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