Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

Nicht nur dieser Blog unternimmt Annäherungen an den Ersten Weltkrieg, indem er nach der weiteren Vorgeschichte fragt, die Zeit um die Jahrhundertwende in den Blick nimmt oder eben einzelne Bücher betrachtet. Auch der Kaffeehaussitzer oder Kritikkultur haben schöne, lesenswerte Projekte gestartet.

Hier und heute geht es um ein zeitgenössisches und nach wie vor modernes Projekt, das während des Krieges und in den Jahren danach entstand und in der Ausführung vieles vom Internet vorwegnimmt. Karl Kraus sammelte unzählige Pressemeldungen, Ansichtskarten, Zeitungsphotographien und anderes Anschauungsmaterial. Daraus konstruierte er eine Chronik des Krieges und seiner Perzeption an der Heimatfront. Das Antikriegsdrama „Die letzten Tage der Menschheit“ erschien 1922 als Buch. In diesem fanden sich auch einige der Kraus vorliegenden Bilder, die meisten goß er in Worte um.

Foto des Buchcovers: nw2013

Foto des Buchcovers: nw2013

Der vorliegende Bildband, 2013 von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft veröffentlicht, enthält Textauszüge aus Kraus‘ Drama und kombiniert diese mit vielen der originalen Bildquellen. Im Wechselspiel von Text und Bild gewinnen der Krieg und die dazugehörige Propaganda wuchtige Gegenwärtigkeit.

Aus deutscher Sicht ist es interessant und wichtig, die österreichische Perspektive auf den Krieg zur Kenntnis zu nehmen, die sich eben nicht nur in Nuancen unterscheidet.

Der von Anton Holzer herausgegebene Band stellt für mich eine wichtige Ergänzung der Centennariumsliteratur dar. Das Buch hat ganz starke Erinnerung an die letzten Seiten des Zauberbergs bei mir geweckt, auf denen Hans Castorp singend und summend durch den Matsch stolpert, in ein ungewisses Schicksal. Und es wirkt natürlich auch die Vorstellungswelt von Joseph Roths Radetzkymarsch nach. So fügen sich Bilder und Leseerinnerungen zu einem neuen Ganzen.

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„Wien Berlin“ – Ausstellung in der Berlinischen Galerie

Es weht ein scharfer Wind an diesem Sonntag im Januar 2014, als ich mich zur Berlinischen Galerie aufmache. Kommt der Winter nun doch und bringt die Kälte, die in Skandinavien und über Polen und Rußland schon bereitliegt, in die Häuserfluchten Berlins?

Berlin ist der zweite Teil des Ausstellungstitels „Wien Berlin. Kunst zweier Metropolen. Von Schiele bis Grosz“. Wien und Berlin, beides Kaiserstädte bis 1918, beides am Ende des 19. Jahrhunderts Labore der künstlerischen Moderne – und doch haben die Städte sich diesem Zustand von unterschiedlichen Ausgangspunkten genähert. Die vormals preußische Residenz wird erst nach der Reichsgründung 1871 langsam zur europäischen Metropole, ohne freilich je die Konzentration aller Kräfte zu erreichen, wie dies Paris, London oder eben auch Wien schon lange gelingt.

Der Kunstgeschmack wird seit 1888 von Kaiser Wilhelm II. geprägt, dem der vielzitierte röhrende Hirsch auf der Leinwand ebenso gefiel, wie wenn er ihm vor die Flinte getrieben wurde. Ab 1896 ist Hugo von Tschudi Direktor der Nationalgalerie und erwirbt zeitgenössische, moderne französische Malerei – Stoff für eine Kontroverse, die 1909 mit dem Weggang Tschudis nach München beendet wurde und in der Folge dort zu spektakulären Erwerbungen führte. 1899 verfügt Wilhelm II. in einem Erlaß, daß alle Erwerbungen und die Annahme von Schenkungen seitens Privater durch ihn zu genehmigen seien – was den Handlungsspielraum des Direktors zwar einschränkte, aber Erwerbungen französischer Gemälde eben auch nicht ausschloß (Peter-Klaus Schuster weist im Katalog „Manet bis van Gogh – Hugo von Tschudi und der Kampf um die Moderne“ auf eine gleichwohl bestehende Liberalität des preußischen Staates wie des Kaisers persönlich hin).

In Berlin hatte es die Gossenkunst – so der Kaiser – schwer und fand in der Akademie keine Anerkennung. Die erste Ausstellung der Berliner Secession griff dies in dem auch in der Berlinischen Galerie gezeigten Plakat auf und stellte die blühende Zukunft der Gossenkunst der verdorrten Akademiekunst gegenüber. Die Wiener Secession (1897) und die Berliner Secession (1898) und ihre Künstler sowie das intellektuelle Umfeld, die Kaffeehäuser, Verlage, Plakate, Zeichnungen, Drucke und Gemälde markieren den Ausgangspunkt der Ausstellung, die auch den Ersten Weltkrieg und die Zeit der Weimarer Republik abdeckt.

Die Ausstellung präsentiert rund 200 Werke, darunter viel Altbekanntes von Schiele, Kokoschka, Klimt, Liebermann, Slevogt, Oppenheimer und Kirchner, aber auch der Künstlerinnen Hannah Höch, Erika Giovanna Klien, Broncia Koller-Pinell und Jeanne Mammen.

Interessant ist, daß die Zusammenschau von Wien und Berlin in dieser Form erstmals unternommen wurde; Wien-Paris und Berlin-Moskau beispielsweise hatte es schon gegeben. Ich fand den Besuch trotz des großen Andrangs lohnend.

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#LawAndLit: Emilia Galotti

Hier mein Beitrag zu #LawAndLit, der von den Buchbloggern 54books und texteundbilder initiieren Aktion.

Lessings „bürgerliches“ Trauerspiel erschien 1772 und wurde im März des gleichen Jahres in Braunschweig uraufgeführt. Es handelt sich um das Ergebnis einer langjährigen Beschäftigung mit einer römischen Vorlage, der sogenannten Verginia-Legende. Auch hier tötet ein Vater seine Tochter aus Gründen der Ehre.

Lessing plaziert das Thema in die Umbruchssituation, in der höfisch-adelige und bürgerliche Moral- und Ehrvorstellungen aufeinandertreffen. Aus Zensurgründen in eine fiktive italienische Vergangenheit verlegt, behandelt das Stück Fragen der Aufklärung  und Neuorientierung unter den vorrevolutionären Zuständen des Ançien Régime.

Das 1784 uraufgeführte Stück „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller begleitet mich seit der Oberstufe, damals las ich natürlich zum Vergleich auch die ältere Emilia Galotti, aber sie konnte sich nicht gegen Luise Millerin durchsetzen. Im Schultheater war ich alternierend Ferdinand („Du bist blaß, Luise?“) und sein Vater („Wenn ich auftrete, zittert ein Herzogthum!“), bei Lesungen im Deutschunterricht glänzte ich als Hofmarschall („Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen – es geht jetzt ins einundzwanzigste Jahr – wissen Sie, worauf man den ersten Englischen tanzte, und dem Grafen von Meerschaum das heiße Wachs von einem Kronleuchter auf den Domino tröpfelte – Ach Gott, das müssen Sie freilich noch wissen!“) und als Kammerdiener der Lady Milford („Legt’s zu dem Übrigen!“). Das prägt für ein Leben und macht es dem Lessingschen Text heute noch schwer.

Bei der Lektüre war ich nicht blind für die zahlreichen Anregungen, die Schiller sich recht ungeniert bei Lessing holte; hier zwei Beispiele von vielen:

Lessing: „Waren, die man aus der ersten Hand nicht haben kann, kauft man aus der zweiten: – und solche Waren nicht selten aus der zweiten um so wohlfeiler.“

Schiller: „Dummer Teufel, was verschlägt es denn Ihm, ob er die Karolin frisch aus der Münze oder vom Bankier bekommt.“

Lessing: „Die wenigen Schritte…“ – „Einer ist genug für einen Fehltritt!“

Schiller: „Ein Mal für alle Mal! Der Handel wird ernsthaft. Meine Tochter kommt mit dem Baron ins Geschrei. Mein Haus wird verrufen.“

Während in beiden Fällen die Mutter vom Werben des hochgestellten Mannes entzückt ist, hat der Vater Bedenken; seine Aufgabe ist es jeweils, die Ehre der Tochter zu bewahren, um sie dem Ehemann rein zu übergeben.

Immer aber wirkt Lessing auf mich galanter, zarter, andeutender. Und die mächtigeren Sprachbilder findet Schiller. Und er spitzt den Gegensatz zu: Millers sind arme Bürgersleute, Galottis sind kleine Adelige, deren Tochter den Grafen Appiani heiraten soll und diesen ja auch liebt. Sie trifft dann die prinzliche Begierde. Luise und Ferdinand hingegen sind über alle Standesschranken füreinander bestimmt: „Dieses Weib ist für diesen Mann!“

Worum geht es nun bei Emilia Galotti?

Der Prinz hat sich in Emilia verliebt, diese ist dem Grafen Appiano versprochen und die Hochzeit steht unmittelbar bevor. Der Kammerherr Marinelli läßt Emilia entführen, dabei wird Appiano getötet, Emilia wird in das Lustschloß des Prinzen gebracht. Die Eltern der Emilia und eine verlassene Favoritin treffen aufeinander, der Prinz und Marinelli – der anders als Wurm keinen Nebenbuhler ausstechen will – bekommen keine rechte Erklärung hin, dem Vater Galotti bleiben Zweifel. Am Ende ersticht er seine Tochter.

Lessing läßt Galotti den Prinzen einen Wüterich nennen. Bei Schiller sagt das Wilhelm Tell über den Vogt Geßler. Frappierend auch dies!

„Wer kein Gesetz achtet, ist ebenso mächtig, als wer kein Gesetz hat.“ (EG, 5.4) Resigniert hier das Recht vor der Macht? Eher resigniert der rechtsunterworfene Bürger, dem selbst ein unwahrscheinlicher Erfolg der Rechtsdurchsetzung wenig gilt angesichts des echten oder vermeintlichen moralischen Schadens. Die Emanzipation des Rechts von bestimmten gesellschaftlich-kirchlichen Moralvorstellungen beseitigt eine Fessel, die der Selbstverwirklichung des Individuums auferlegt war. Sie bedeutet nicht die gleichzeitige Überwindung von Machtgefällen und instrumentalisierenden Zugriffen auf das Recht.

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Goethe am Sonnabend Nr. 13

Zuerst ward die Schöne vorgeführt, die, ohne Frechheit, gelassen und mit Bewußtsein ihrer selbst hereintrat. Die Art, wie sie gekleidet war und sich überhaupt betrug, zeigte, daß sie ein Mädchen sei, die etwas auf sich halte. Sie fing auch, ohne gefragt zu werden, über ihren zustand nicht unschicklich zu reden an.

Der Aktuarius gebot ihr zu schweigen, und hielt seine Feder über dem gebrochenen Blatte. Der Amtmann setzte sich in Fassung, sah ihn an, räusperte sich, und fragte das arme Kin, wie ihr Name heiße und wie alt sie sei?

Ich bitte Sie, mein Herr, versetzte sie, es muß mir gar wunderbar vorkommen, daß Sie mich um meinen Namen und mein Alter fragen, da Sie sehr gut wissen, wie ich heiße und daß ich so alt wie Ihr ältester Sohn bin. Was Sie von mir wissen wollen, und was Sie wissen müssen, will ich gern ohne Umschweife sagen.

Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/96
Münchner Ausgabe Bd. 5, 1988, S. 49

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