Top Ten Thursday #207: Oldies but goldies

Foto: nw2015

Foto: nw2015

Am heutigen #toptenthursday (#207) soll man 10 Bücher vorstellen, die schon etwas älter sind, aber trotzdem heute noch gern gelesen werden. Ich habe diese Aktion bei Steffis Bücher Bloggeria gesehen und beteilige mich heute erstmals, aber gerne daran!

Thomas Mann, Buddenbrooks, Verfall einer Familie, 1901.

Eine Familien- und Firmengeschichte. Erwartungen, Rivalität, Scheitern. Viele, unverwechselbare Charaktere, lange, wunderbare Sätze.

Heinrich Mann, Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen, Roman, 1905.

Ein Schulroman, ein Sittengemälde, ein verfilmtes Buch. Ein Wurf aber schon aus sich heraus, auch ohne Marlene Dietrich und Heinrich George.

Virginia Woolf, Orlando, Eine Biographie, 1928, dt. 2012 (Neuübersetzung).

Ein Mann ist ein Mann ist eine Frau. Furioser Ritt durch die Zeit.

Julien Green, Leviathan, Roman, 1929, dt. 1986.

Eine bittere Geschichte aus der französischen Provinz. Die Abgründe der zwischenmenschlichen Beziehungen werden ausgeleuchtet.

 Joseph Roth, Radetzkymarsch, Roman, 1932.

Eine Familiengeschichte, ein Nachruf auf eine untergegangene Welt. Blaß-leuchtende Erzählfarben, stimmungsvolle Schilderungen des Niedergangs.

Siegfried Lenz, Deutschstunde, Roman, 1968.

Die Freuden der Pflicht: ein Aufsatzthema bringt die Erinnerung zurück und führt zum Nachdenken über Schuld unter dem Nazi-Regime.

Umberto Eco, Der Name der Rose, 1980, dt. 1982.

Ein Buch über Bücher, Macht, Liebe und die Kraft des Lachens. Und im Film: Sean Connery.

Fruttero & Lucentini, Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz, 1986, dt. 1986.

Ein Venedigroman über die Liebe und die Zeit, voller Touristen, Kunstwerke und Leidenschaft.

Tom Wolfe, Fegefeuer der Eitelkeiten, Roman, 1987, dt. 1988.

Ein Wälzer, der uns hineinführt in die Welt des Geldes, ihre Geheimnisse und deren Jäger. Rasant erzählt, bunt, laut. Erschreckend auch.

Antonia S. Byatt, Besessen, Roman, 1990, dt. 1992.

Eine doppelte Liebesgeschichte, eine Geschichte über Literaturwissenschaftler und ein Krimi. Packend, mit Suchtpotential.

 

 

Veröffentlicht unter Bücher, Film, Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 9 Kommentare

1. Mai

Ich setze eine Reihe fort, die ich „Monatserster“ betitelt habe. Das Literarische Geburtstagsbuch aus dem Radius-Verlag, auf das an dieser Stelle jetzt schon traditionell Bezug genommen wird, erinnert an interessante Menschen:

Geburtstagskinder am 1. Mai sind

  • Eberhard Nesle (1851)
  • Marcel Prévost (1882)
  • Ignazio Silone (1900)
  • Joseph Heller

An einem 1. Mai sind gestorben

  • David Livingstone (1873)
  • Alfred George Stevens (1875)
  • Antonin Dvořák (1904)

Zum Mai präsentiere ich das wunderschöne Montagedicht von Erich Kästner:

Der Mai

Im Galarock des heiteren Verschwenders,
ein Blumenzepter in der schmalen Hand,
fährt nun der Mai, der Mozart des Kalenders,
aus seiner Kutsche grüßend, über Land.

Es überblüht sich, er braucht nur zu winken.
Er winkt! Und rollt durch einen Farbenhain.
Blaumeisen flattern ihm voraus und Finken.
Und Pfauenaugen flügeln hinterdrein.

Die Apfelbäume hinterm Zaun erröten.
Die Birken machen einen grünen Knicks.
Die Drosseln spielen, auf ganz kleinen Flöten,
das Scherzo aus der Symphonie des Glücks.

Die Kutsche rollt durch atmende Pastelle.
Wir ziehn den Hut. Die Kutsche rollt vorbei.
Die Zeit versinkt in einer Fliederwelle.
O, gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai!

Melancholie und Freude sind wohl Schwestern.
Und aus den Zweigen fällt verblühter Schnee.
Mit jedem Pulsschlag wird aus Heute Gestern.
Auch Glück kann weh tun. Auch der Mai tut weh.

Er nickt uns zu und ruft: „Ich komm ja wieder!“
Aus Himmelblau wird langsam Abendgold.
Er grüßt die Hügel, und er winkt dem Flieder.
Er lächelt. Lächelt. Und die Kutsche rollt.


Zwischen der Walpurgisnacht und dem Tag der Arbeit muß man ja in Berlin vorsichtig sein. Es soll dann ja stets allerhand los sein. Ich bin an dem Termin selten dort, weil unsere Familie da traditionell einen doppelten Geburtstag feiert.

Mit dem Mai stellt sich jenes von Kästner so genial beschriebene Gefühl des Überschwangs ein, und löst sich mitunter auch rasch wieder auf. Die Kutsche rollt.

Veröffentlicht unter Aphorismus, Blumen, Personen | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Eine Zeitreise in Cornwall

Foto: nw2015

Foto: nw2015

Daphne du Maurier (1907-1989) wurde bereits vor dem Krieg als Schriftstellerin bekannt. Ihr Roman »Rebecca« (1938) wurde zwei Jahre später kongenial verfilmt und errang zwei Oscars. Alfred Hitchcock griff nach diesem Erfolg für weitere Filme auf Texte du Mauriers zurück: »Die Vögel« und »Riffpiraten« basieren auf ihren Vorlagen; eine weitere Kurzgeschichte lieferte die Grundlage für das Drehbuch von »Wenn die Gondeln Trauer tragen«.

»Ein Tropfen Zeit« entstand im Jahr 1969. Das Buch spielt in der Gegenwart und dank einer Droge auch im 14. Jahrhundert. Die Landschaft ist gegenüber damals stark verändert, das Leben früher rauh und von politischen Konflikten überlagert. Magnus Lane und Richard Young bewegen sich in beiden Welten und erleben eine spannende Geschichte.

Foto: nw2015

Foto: nw2015

Die anderenorts gescholtene Büchergilde hat das Buch in einer sehr schönen Ausgabe herausgebracht. Es ist mit guten Reproduktionen von 24 Ölgemälden illustriert, die Kristina Andres zu diesem Zweck gemalt hat.

Das Buch liegt mit seinem Format von 19×24 cm gut in der Hand und die ganzseitigen Reproduktionen kommen auf dem schönen Papier gut zur Geltung.

Die Bilder haben einen losen, aber doch erkennbaren Bezug zum Text und fangen nach meinem Empfinden die Stimmung des Romans gut ein. Die Ausgabe ist für mich deshalb ein eindrucksvolles Plädoyer für das gedruckte Buch.

Die Geschichte ist dicht erzählt und entfaltet eine große Sogwirkung. Was geschah in der Vergangenheit – und wie wirkt sich das in der Gegenwart aus? Hier soll natürlich nichts über den Ausgang der Geschichte verraten werden.

Veröffentlicht unter Bücher, Literatur, Neuerwerbungen | Verschlagwortet mit , , , , , , | 4 Kommentare

Wiedergelesen: Fruttero & Lucentini (Teil 1)

Ende der 1980er Jahre hörte ich meiner Erinnerung nach erstmals von F&L, dem italienischen Autorenduo. Damals machte ihr Buch »Liebhaber ohne festen Wohnsitz« Furore, und bei Piper erschienen dann weitere Titel, darunter:

  • Der rätselhafte Sinn des Lebens
  • Das Geheimnis der Pineta
  • Die Wahrheit über den Fall D.

Diese vier jedenfalls finden sich in meinen Bücherregalen und Taschenbuchschubladen. Es handelt sich, so die recht ähnliche Beschreibung auf den Verlagsseiten, bei Wikipedia und einem großen Internethändler, um Gesellschafts- und Kriminalromane, die die Zustände im seinerzeitigen Italien kritisch-liebevoll reflektierten. Meine Erinnerung ist am stärksten in Hinsicht auf die »Pineta«, weil ich das Buch bestimmt drei oder vier Mal gelesen habe. Ein scharfer Blick auf die Angehörigen der italienischen Oberschicht in einer exklusiven Ferienwohnanlage; natürlich haben alle etwas zu verbergen und trauen sich gegenseitig nicht über den Weg. Amüsant und spannend dazu. Im »Fall D.« sind die besten Detektive der Kriminalliteratur versammelt, um einen unvollendeten Roman von Charles Dickens fort- und seiner Lösung zuzuführen. Das Buch las ich nur einmal, weil ich den Sound der Detektive, soweit ich sie kannte, nicht richtig getroffen fand; insgesamt habe ich ferner eine gewisse Langatmigkeit in Erinnerung. Danach las ich dann auch keine weiteren Bücher von F&L mehr. An die beiden anderen Titel habe ich keine Erinnerung mehr; vom »Liebhaber« wußte ich immerhin noch, wie das Buch aussieht, der Besitz des »rätselhaften Sinns« überraschte mich hingegen. Soviel zur Ausgangslage. Was würde ein Wiederlesen erbringen? Das war die Anschlußfrage und gleichzeitig der Ausgangspunkt eines neuen, kleinen Leseprojekts. Zunächst kurz ein paar Fakten: Carlo Fruttero (1926–2012) und Franco Lucentini (1920–2002) lernten sich Ende der 1950er Jahre beim Verlag Einaudi in Turin kennen. 1972 erschien ihr erster gemeinsamer Roman »Die Sonntagsfrau«. Der rätselhafte Sinn des Lebens. Ein philosophischer Roman, 1975, dt. 1995.

Foto: nw2015

Foto: nw2015

18 Kapitel, die 1974 in der Zeitung Il Giornale als Fortsetzung erschienen, bilden dieses Buch, eine Rechercheerzählung der beiden Autoren auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Es entpuppt sich als ironisch formulierter Reisebericht, halb Road-movie in der Eisenbahn, halb Wettrennen mit bzw. Flucht vor mafiösen Dunkelmännern, hinter denen Wirtschaftsbosse und Politiker stehen. In Griechenland angekommen, wird das Tempo der Sinnsuche erhöht. F&L karikieren Pauschalreisen, deutsche KZ-Aufseher und sowjetische Straflager, den damals noch blühenden Eurokommunismus und doktrinäre Denkweisen:

Er war Mitglied einer speziellen Anti-Warum-Sektion (AWS) der Geheimpolizei und hatte den Auftrag, gerade solche ›metaphysischen Schakale‹ wie mich zu entlarven. (S. 101)

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Bücher, Literatur, Orte | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 7 Kommentare