Wiedergelesen: Fruttero & Lucentini (Teil 1)

Ende der 1980er Jahre hörte ich meiner Erinnerung nach erstmals von F&L, dem italienischen Autorenduo. Damals machte ihr Buch »Liebhaber ohne festen Wohnsitz« Furore, und bei Piper erschienen dann weitere Titel, darunter:

  • Der rätselhafte Sinn des Lebens
  • Das Geheimnis der Pineta
  • Die Wahrheit über den Fall D.

Diese vier jedenfalls finden sich in meinen Bücherregalen und Taschenbuchschubladen. Es handelt sich, so die recht ähnliche Beschreibung auf den Verlagsseiten, bei Wikipedia und einem großen Internethändler, um Gesellschafts- und Kriminalromane, die die Zustände im seinerzeitigen Italien kritisch-liebevoll reflektierten. Meine Erinnerung ist am stärksten in Hinsicht auf die »Pineta«, weil ich das Buch bestimmt drei oder vier Mal gelesen habe. Ein scharfer Blick auf die Angehörigen der italienischen Oberschicht in einer exklusiven Ferienwohnanlage; natürlich haben alle etwas zu verbergen und trauen sich gegenseitig nicht über den Weg. Amüsant und spannend dazu. Im »Fall D.« sind die besten Detektive der Kriminalliteratur versammelt, um einen unvollendeten Roman von Charles Dickens fort- und seiner Lösung zuzuführen. Das Buch las ich nur einmal, weil ich den Sound der Detektive, soweit ich sie kannte, nicht richtig getroffen fand; insgesamt habe ich ferner eine gewisse Langatmigkeit in Erinnerung. Danach las ich dann auch keine weiteren Bücher von F&L mehr. An die beiden anderen Titel habe ich keine Erinnerung mehr; vom »Liebhaber« wußte ich immerhin noch, wie das Buch aussieht, der Besitz des »rätselhaften Sinns« überraschte mich hingegen. Soviel zur Ausgangslage. Was würde ein Wiederlesen erbringen? Das war die Anschlußfrage und gleichzeitig der Ausgangspunkt eines neuen, kleinen Leseprojekts. Zunächst kurz ein paar Fakten: Carlo Fruttero (1926–2012) und Franco Lucentini (1920–2002) lernten sich Ende der 1950er Jahre beim Verlag Einaudi in Turin kennen. 1972 erschien ihr erster gemeinsamer Roman »Die Sonntagsfrau«. Der rätselhafte Sinn des Lebens. Ein philosophischer Roman, 1975, dt. 1995.

Foto: nw2015

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18 Kapitel, die 1974 in der Zeitung Il Giornale als Fortsetzung erschienen, bilden dieses Buch, eine Rechercheerzählung der beiden Autoren auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Es entpuppt sich als ironisch formulierter Reisebericht, halb Road-movie in der Eisenbahn, halb Wettrennen mit bzw. Flucht vor mafiösen Dunkelmännern, hinter denen Wirtschaftsbosse und Politiker stehen. In Griechenland angekommen, wird das Tempo der Sinnsuche erhöht. F&L karikieren Pauschalreisen, deutsche KZ-Aufseher und sowjetische Straflager, den damals noch blühenden Eurokommunismus und doktrinäre Denkweisen:

Er war Mitglied einer speziellen Anti-Warum-Sektion (AWS) der Geheimpolizei und hatte den Auftrag, gerade solche ›metaphysischen Schakale‹ wie mich zu entlarven. (S. 101)

Das Orakel von Delphi ist umgeben von einem Ring aus Geschäftemachern und Touristenneppern. Die dann endlich nach weiteren Hindernissen erlangte Selbsterkenntnis führt die meisten Besucher in den Tod. F&L begegnen einer früheren Reiseegleitung wieder, die nun als delphische Sibylle unterwegs ist und gleichzeitig die 74. Reinkarnation der Tochter des Pythagoras verkörpert – oder andersherum, denn nun geht es in wenigen Absätzen munter durcheinander. Am Ende dämmert es und die Eule der Minerva fliegt davon. Claude Debussy meinte zu den »Lyrischen Stücken« seines Kollegen Edvard Grieg, es handele sich um „rosa Bonbons, mit Schnee“ gefüllt. Das paßt recht gut auf das Buch »Der rätselhafte Sinn des Lebens«, wie ich finde. Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz, 1986, dt. 1988.

Foto: nw2015

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Dies ist eine Liebesgeschichte, die in Venedig spielt. Und es ist, das habe ich beim Wiederlesen gleich gemerkt, wirklich ein gutes Buch. Das Phänomen Reisegruppe muß es den beiden Autoren angetan haben, denn das Buch startet mit der Anreise von gleich drei solcher Gruppen nach Venedig. Mr. Silvera, die männliche Hauptfigur des Romans, ist Reiseleiter einer dieser Gruppen und trifft im Flugzeug auf die weibliche Hauptfigur, eine römische Prinzessin. Die Klage über Touristen und Geschäftsreisende ist allgegenwärtig. Venedigliebhaber werden ebenso auf die Schippe genommen, wie Familien, die alten Plunder hüten.

Es gibt noch hundert, noch tausend solcher Haushalte in Venedig: dänische Bildhauerinnen, englische Komponisten,  holländische Photographen, mexikanische Dichterinnen, guatemaltekische Romanciers, alle mit einem Künstlerkollegen oder der »großen Liebe« als Lebensgefährten, den sie aushalten oder von dem sie sich aushalten lassen. Sie haben »alles« (meistens war es nichts) aufgegeben, um in der romantischsten Stadt der Welt ihren Traum zu verwirklichen; und sie vergessen diese Stadt keinen Augenblick, wollen sie wie die Touristen bis zum letzten Cent ausnützen: sie haben bezahlt, um hier zu sein, und Venedig muß ihnen etwas geben für ihr Geld. Suggestionen und Inspirationen, Exaltationen, Sublimationen. (S. 34)

Das Buch ist geprägt von dem Tempo kürzerer Textabschnitte, in denen anfangs abwechselnd Mr. Silvera und seine Reisegruppe beziehungsweise die Principessa mit ihrer Suche nach lohnenden Antiquitäten auftreten. Dies spiegelt wohl auch die Produktionsweise des Autorenduos, die sich per Fax immer ein Kapitel zuschickten, damit der andere weiterschreiben konnte. Venedig, das etwa bei Donna Leon letztlich trocken geschildert wird, perlt hier, wirkt lebendiger. Dann geschieht, auf nur anderthalb Seiten, etwas Entscheidendes: David Ashver Rivera verlässt die Reisegruppe, nimmt ein Zimmer in einer kleinen Pension. „Der Notfonds der Imperial Tours wird nur eine gewisse Zeit lang reichen.“ (S. 55) Danach sind beide unterwegs, bis sie sich zufällig begegnen (S. 71). Sie schlendern durch die Stadt, und ganz dezent mündet die Begegnung dahinein, daß Mr. Silvera ihr behutsam „die Brille abnimmt“ (S. 94).  Aber anders als im »Zauberberg«, wo Hans Castorp Clawdia Chauchat um einen Bleistift bittet, und das Dazwischenliegende nur durch die zusätzlich zu nehmende Treppe angedeutet wird, spricht die Principessa auf der nächsten Seite aus, was geschah:

Auch wenn ich, wie man sagt, ein gewisses Temperament habe, bin ich immer eine eher zurückhaltende, vorsichtige Frau gewesen, alles andere als leicht zu erkennen (im biblischen Sinn). Deshalb hätte mir die Tatsache, daß ich, wie man ebenfalls sagt, »mich ihm hingegeben« hatte – zwei Stunden lang mich ihm ununterbrochen hingegeben hatte, in diesem Hotelzimmerchen, auf diesem schmalen Bett –, hätte mir also die Tatsache unerhört scheinen müssen. Nachgerade ein Weltuntergang. (S. 94)

Das ist in meinen Augen wunderbar gemacht, bei aller Leichtigkeit nicht oberflächlich. Das Verhältnis der beiden zueinander ist geprägt von der Ungewißheit – Mr. Silvera rechnet mit einem Anruf, der ihn wegruft – und von einer beträchtlichen Gier nach Sex. Der charmante Plauderton des Buches vermeidet das Eigentliche von Mr. Silveras Existenz anzusprechen, oder besser: ermöglicht ihm, den eher ziellosen Nachforschungen der Principessa auszuweichen. Andeutungen und Bilder fügen sich zu einem Bild, das länger verschwommen bleibt.

In Ermangelung eines Gatten oder eines durch Gebrauch bewährten Liebhabers empfing er, als Cosima Vetter, die Gäste. (S. 177)

So beginnt die Schilderung eines Gesellschaftsabends, eines herrschaftlichen Diners, wunderbar choreographiert und andeutungsreich. Mr. Silvera eröffnet der Gastgeberin, wer er ist; die Principessa fühlt sich ausgeschlossen und eifersüchtig. Im Hotel liegt eine Nachricht, daß der Anruf erfolgt sei; Mr. Silvera bricht am nächsten Morgen auf und läßt eine ratlose Principessa zurück. Elegant sammeln F&L die Andeutungen, die sie bislang verstreut hatten, wieder auf und fügen sie zu einer Erklärung zusammen, die die Identität von Mr. Silvera enthüllt. Aus dem Strudel von Andeutungen erhebt sich eine mythische Figur, die es schließlich ablehnt, sich von einer Schickse begleiten zu lassen. So hat sich das Wiederlesen nur in einem Fall gelohnt. Aber für den »Liebhaber ohne festen Wohnsitz« spreche ich gerne eine Leseempfehlung aus.

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7 Antworten zu Wiedergelesen: Fruttero & Lucentini (Teil 1)

  1. otiumsatis schreibt:

    Hat dies auf otiumsatis rebloggt und kommentierte:
    Wonderful, another one to love those great books

  2. saetzeclaudio schreibt:

    Meine Lesererfahrung ist ähnlich: An die „Pineta“ habe ich eine gute Erinnerung, den Fall D. habe ich ziemlich bald abgebrochen, der sagte mir wenig zu. Aber alles in allem Kriminalliteratur der anspruchsvollen Sorte, schon empfehlenswert!

    • nweiss2013 schreibt:

      Das ist ja interessant! Ich bin neugierig, wie es mir mit der Pieta und dem Fall D. beim Wiederlesen gehen wird. Der Liebhaber hat mich dieses Mal jedenfalls überzeugt.

  3. dasgrauesofa schreibt:

    Ich bin schon gespannt auf Dein Wiederlesen der „Pineta“. An den Titel kann ich mich erinnern und meine, die Ferienhaussiedlung sei irgendwo an der toskanischen Küste. Mehr Erinnerung kann ich aber beim besten Willen nicht reaktivieren.
    Viele Grüße, Claudia

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