Fleckentfernung

Andor Endre Gelléri, Die Großwäscherei, 1931, dt. 1962 (DDR) und 2015 (neue Übersetzung aus dem Ungarischen von Times Tankó), Berlin: Guggolz-Verlag. Der kurze Roman – einundzwanzig Kapitel auf knapp zweihundert Seiten im Oktavformat – um die Großwäscherei Phönix spielt in Budapest; Gelléri stellt die Mitarbeiter und ihren Chef vor und wirft gleichzeitig einen Blick auf die moderne Großstadt der 1920er Jahre.

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Warnemünde (1938-2013) Foto: nw2011

Im idyllischen Warnemünde nahm ich im Sommer 2011 dieses Foto einer Wäscherei auf, die Ende der 1930er Jahre eröffnet wurde. Die hektische Betriebsamkeit Budapests, mit der Gelléri seinen Roman beginnen läßt, war hier, in einer echten Sommerfrischenidylle, nicht zu spüren. Die schweren Arbeitsbedingungen werden freilich ebenfalls geherrscht haben.

Gelléri (1906-1945) hat in seinem, von den Nationalsozialisten gewaltsam verkürzten Leben viele Texte geschrieben, sein Realismus wird im Lauf der Zeit ausgeprägter, heißt es im Nachwort. Der starke Beginn macht die Stadt zur Protagonistin, doch tritt Budapest danach sehr in den Hintergrund. Die Arbeitswelt der Hauptpersonen und deren persönliches Schicksal prägen den weiteren Text.

Die episodenhaft wirkende Erzählung fügt Genrebilder mit kurzen Handlungssträngen zusammen, die vom allwissenden Erzähler aus den jeweils unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten dargeboten werden. Während sich der Wohlstand bestimmter großstädtischer Schichten, auch der Demimonde, verbreitert, so daß verstärkt Dienstleistungen in Anspruch genommen werden und die Großwäscherei floriert, bleibt die Situation der Arbeiterschicht beklemmend. Der Eigentümer der Großwäscherei, Herr Taube, genießt zunächst seinen Wohlstand und die Macht über seine Arbeiterinnen.

Taube kam sich vor, [sic] wie ein trinkfreudiger alter Mann, der seinen Sohn zum Zechen mitnahm.

Den Leuten aus seinem Umfeld konnte er nichts Neues sagen; die Männer aus seiner Gesellschaft waren raffinierte Lebenskünstler. Immer aufgeregter studierte Taube Novák. Er fühlte sich frisch, spürte, wie seine Fantasie in Gang kam und er sich etwas Neues ausdachte. Wie sehr und wie lange ihm diese warme Neugier gefehlt hatte. Schließlich bedeutet für einen alternden Menschen auch das eine Freude, wenn er einen jungen, an dem er Gefallen findet, an seine Stelle treten sieht. Aber wie könnte man erreichen,  dass dieser junge Mann von den Genüssen sofort wie von einem Strudel mitgerissen würde? Er würde ihm die nackte Wahrheit vom Leben erzählen; die Namen von edlen Damen erwähnen, die er für eine Handvoll Geldscheine bekommen konnte. Er würde ihm entgegentreten, schwungvoll wie der Teufel. Er würde ihn durstig machen, hungrig auf Frauen: Er würde ihn den Wert des Geldes lehren, des Geldes, das die Nahrung und der Saft für alles auf dieser irdischen Welt ist. (S. 37)

Wie in einem Kaleidoskop werden verschiedene Themen angesprochen: osteuropäisches Judentum, Antisemitismus, Konkurrenzdenken, Korruption durch Macht und Geld, Aufstieg und Fall, Hoffnung und Enttäuschung, Revolutionshoffnung und Ausbeutung, Liebe und Käuflichkeit, Jugend und Alter, Seelenpein, körperliche Schwäche und Krankheit.

Die vielen Male »Ich liebe Dich«, »Ich will Dich« von den Frauen waren nichts anderes als der Schrei des Alkohols nach neuen Kleidern, neuen Schuhen. (S. 67)

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Foto: nw2017

Mein Fazit: 

Das Buch ist in einem Stilmix geschrieben, der die vielfältige Wirklichkeit der modernen Stadt in den wilden Zwanzigern abbildet, inneres Erleben und Handlungsabläufe zu verbinden sucht und dabei gerade nicht logisch durchkomponiert. Dies summiert sich dann nicht zu einer validen Analyse der gesellschaftlichen Zustände, sondern rührt mich als Leser mal stärker, mal schwächer an. Vom Unterbewußtsein stimulierte Zwangshandlungen und Traumsequenzen Taubes entwickeln eine Untergangsdynamik, die schichtenübergreifend besteht und auch bei anderen Figuren auftritt. In der kapitalistischen Welt ist der Mensch entfremdet. Der kraftvolle Beginn, die pulsierende Stadt – letztendlich eine menschenfeindliche Umgebung? Das revolutionäre China ist da doch zu unbestimmt, um einen Sehnsuchtsort zu bilden. So endet alles in irrsinniger Ausweglosigkeit.

Jaja, Neinnein – am Ende bin ich doch etwas enttäuscht.

Der kleine, im Jahr 2014 gegründete Berliner Guggolz-Verlag möchte Bücher ins Bewußtsein zurückholen, die vergessen wurden oder in der Flut der vielen Titel unterzugehen drohen. Neuausgaben und Neuübersetzungen sind Programm; Vielfalt auf dem Büchermarkt soll bewahrt oder wiederhergestellt werden.

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