#Neuland – Jaron Lanier und die virtuelle Realität

Jaron Lanier, Wenn Träume erwachsen werden. Ein Blick auf das digitale Zeitalter, Essays und Interviews 1984-2014, 2015, dt. 2015., Hoffmann und Campe.  Titel und Untertitel umreißen recht gut, worum es in diesem 440 Seiten dicken Buch geht. Interessant ist, daß Lanier – darin der vielgescholtenen Bundeskanzlerin ähnlich – mehrmals und uneronisch von Neuland und von Grenzgebiet spricht.

9783455503593

Cover: Verlagswebseite

Nicht alle Texte haben mich gleichermaßen interessiert, manche habe ich auch nicht verstanden; zumindest fehlte mir mitunter jegliches Anknüpfungswissen. Man muß das Buch nicht am Stück lesen, sondern kann durch das Inhaltsverzeichnis und anhand der Nachweise der Erstveröffentlichungen thematisch einschlägige Texte finden, die zu den Fragen passen, die einen gerade beschäftigen.

Sätze wie „Kinder können komplexe Websites in HTML und Java programmieren, lassen aber regelmäßig Toastscheiben verbrennen.“ (S. 189) überraschen mich etwas. Am anschließenden Befund von 1997, die breite Masse sei mit Blick auf Computer und Programme fachkundig,  habe ich meine Zweifel. Das Smartphone hat uns doch überwiegend zu bloßen Anwendern gemacht.

Lanier ist einerseits begeistert von den Möglichkeiten der virtuellen Realität, aber andererseits schreibt er auch erstaunlich kritische Sätze wie diese hier:

In Zukunft werden radikale Strategien erforderlich sein, um sich dem Internet zu entziehen. (S. 193)

Nach meiner Erfahrung erhält man bei Computern, im Gegensatz zu anderen Werkzeugen, die besten Resultate, wenn man ihnen feindlich gegenübersteht. (S. 230)

Kevin Kelly sagt über die PopUrls-Seite: »Es gibt keine bessere Möglichkeit, Schwarmintelligenz bei der Arbeit zu beobachten.« Aber diese Schwarmintelligenz ist größtenteils dumm und langweilig. Warum sollte man ihr Aufmerksamkeit schenken? (S. 353)

Insgesamt ein sehr interessantes Buch, mit dem man sich intensiv auseinandersetzen kann.

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Hieroglyphen – Ernst Ludwig Kirchner

Am Sonntag, den 29. Januar 2017 besuchte ich die Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner – Hieroglyphen“ im Hamburger Bahnhof / Museum für Gegenwart – Berlin. Eine aus meiner Sicht konsequente Fortsetzung des kürzlichen Besuchs im Brücke-Museum.

Also bei sommerlichem Winterwetter auf in die endlich boomende Gegend um den Berliner Hauptbahnhof. Dieser, an der Stelle des ehemaligen Lehrter Stadtbahnhofs als monumentaler Bau errichtet, stand ja lange Zeit in Sichtweite der schweizerischen Botschaft ziemlich alleine in einer Brachlandschaft herum. Ein Schienenkreuzungspunkt mit Shoppingcenter – oder umgekehrt. Wer in die Stadt will, egal ob West oder Ost, muß mühsam zu den hochfrequentierten Nahverkehrsgleisen vordringen, die für einen Massenansturm schlicht nicht ausgelegt sind. Nun, man sieht, ich bin kein Freund dieses Bahnhofs. Deswegen hieß die Devise auch heute: schnell weiter.

Nur wenige Minuten Fußweg sind es zu dem schönen Gebäude des ehemaligen Hamburger Bahnhofs, der als solcher nur von 1846 bis 1884 in Betrieb war (Der Güterbahnhofbetrieb wurde bis in die 1980er Jahre fortgeführt) und als letzter der elf ringförmig um die Stadt angelegten Kopfbahnhöfe noch erhalten ist. Von 1906 bis 1944 wurde das Hauptgebäude als Verkehrsmuseum genutzt, danach stand es leer. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten dient das Gebäude seit 1996 als Museum für Gegenwart – Berlin.

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Foto: nw2017

Gezeigt werden Werke Kirchners aus der Sammlung der Nationalgalerie, die ja derzeit wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Ein Fokus liegt auf den bekannten Bildern der Großstadt, die als Montage von Hieroglyphen rekonstruiert werden. Der Begriff der Hieroglyphe wurde von Kirchner selbst in diesem Zusammenhang geprägt. Bei diesen handelt es sich um Chiffren, die vom Maler abstrakt skizziert und gleichzeitig pointiert überzeichnet werden. Dies führt zu einer Verdichtung der Bildsprache, deren scheinbares Hingeworfensein durch Skizzen, Fotos sowie dichte kulturelle Bezüge vorbereitet ist, was in der Ausstellung auch gut sichtbar gemacht wird.

Hier geht es zu Erläuterungen auf der Webseite der Ausstellung, wo es auch ein Video gibt.

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Leseprojekt Nationalsozialismus

Die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft prägen die staatliche Struktur Deutschlands, gesellschaftliche Debatten, das Bild unseres Landes in der Welt und seine Politik bis heute. Der Umgang mit der deutschen Geschichte vor 1933 war nach 1945 ein anderer, der Begriff der Nation belastet.

Die insgesamt halbherzige juristische Aufarbeitung, die Karriereoptionen für ehemalige Nationalsozialisten in West und Ost, das von den 68ern in Westdeutschland aufgebrochene kollektive Beschweigen, die anschließende, teils extrem freudianisch aufgeladene Aufarbeitungsdebatte, der RAF-Terrorismus sind ebenso zu nennen wie der Holocaust als Schulstoff, die Rede Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, der Historikerstreit oder die Wehrmachtausstellung – alles Spätfolgen, die dann, anläßlich der Wiedervereinigung nochmals aufs Tapet kamen und – nicht zuletzt angesichts der Aufschwünge rechter Bewegungen – neu bedacht werden mußten.

Wissen und Offenheit sind die Grundvoraussetzungen für den Umgang mit dieser Vergangenheit. Neben den Gesprächen mit Zeitzeugen – Opfern wie Tätern –, die freilich immer schwieriger und seltener möglich werden, ist es die Lektüre, die uns das Wissen vermittelt und dabei auf unsere Offenheit angewiesen ist.

Vernichtungslager Auschwitz Birkenau #Holocaust #KZ

Vernichtungslager Auschwitz Birkenau | Foto: nw2016

#Holocaust #KZ #Menschenverachtung

Krankenstation im Konzentrationslager – gemalt von einem Insassen (Haus der Wannseekonferenz) | Foto nw2017

Ernst Jünger und Carl Schmitt 1941 #Nationalsozialismus #Weltkrieg

Ernst Jünger und Carl Schmitt 1941 |Foto: nw2015

Die nachstehend aufgeführten Werke (Stand Januar 2017) sind thematisch gruppiert und nach Autorennamen alphabetisch sortiert.

 

Adolf Hitler:

Joachim Fest, Hitler. Eine Biographie, 1973, 2. Aufl. 1999

Volker Ullrich, Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs 1889-1939, 2013

 

Andere Nationalsozialisten:

Peter Longerich, Joseph Goebbels. Biographie, 2010

 

Ideologie und Herrschaft:

Johann Chapoutot, Der Nationalsozialismus und die Antike

Johann Chapoutot, Das Gesetz des Blutes. Von der NS-Weltanschauung zum Vernichtungskrieg, 2014, dt. 2016.

Friedrich Kießling (Hrsg.), Quellen zur deutschen Außenpolitik 1933-1939, 2000

Mark Mazower, Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, 2008, dt. 2009

 

II. Weltkrieg:

Winston Churchill, Der Zweite Weltkrieg. Mit einem Epilog über die Nachkriegsjahre, einbändige Fassung 1948, dt. 1954, Tb. 2003

 

Holocaust:

Eugen Kokon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, 1974

 

Forschungsüberblick:

Ian Kershaw, Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, 1985, 3. Aufl. 1993, dt. Tb. 1994, 4. Aufl. 2006

 

Anderes:

Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, 1951, 29. Aufl. 2016

Martin Broszat/Norbert Frei (Hrsg.), Das Dritte Reich im Überblick, 1989, 6. Aufl. 1999

Felix Hartlaub, Aus Hitlers Berlin 1934-1938

Wolfgang Martynkewicz, Salon Deutschland. Geist und Macht 1900-1945, 2009

Hartmut Mehrlinge, Widerstand und Emigration. Das NS-Regime und seine Gegner, 1997

Hans Rudolf Vaget, Thomas Mann der Amerikaner. Leben und Werk im amerikanischen Exil 1938-1952, 2011

 

 

 

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Kommerz, Kommunikation, Privates

(3) Fisch im Wasser. – Seit der umfassende Verteilungsapparat der hochkonzentrierten Industrie die Sphäre der Zirkulation ablöst, beginnt diese eine wunderliche Post-Existenz. Während den Vermittlerberufen die ökonomische Basis entschwindet, wird das Privatleben Ungezählter zu dem von Agenten und Vermittlern, ja der Bereich des Privaten insgesamt wird verschlungen von einer rätselhaften Geschäftigkeit, die alle Züge der kommerziellen trägt ohne daß es eigentlich dabei etwas zu handeln gibt. Die Verängstigten, vom Arbeitslosen bis zum Prominenten, der sich im nächsten Augenblick den Zorn jener, deren Investition er darstellt, zuziehen kann, glauben nur durch Einfühlung, Beflissenheit, zur Verfügung Stehen, durch Schliche und Tücke der als allgegenwärtig vorgestellten Exekutive sich zu empfehlen, durch Händlerqualitäten, und bald gibt es keine Beziehung mehr, die es nicht auf Beziehungen abgesehen hätte, keine Regung, die nicht einer Vorzensur unterstünde, ob man auch nicht vom Genehmen abweicht. Der Begriff der Beziehungen, eine Kategorie von Vermittlung und Zirkulation, ist nie in der eigentlichen Zirkulationssphäre am besten gediehen, auf dem Markt, sondern in geschlossenen, monopolartigen Hierarchien. Nun die ganze Gesellschaft hierarchisch wird, saugen die trüben Beziehungen auch überall dort sich fest, wo es noch den Schein von Freiheit gab. Die Irrationalität des Systems kommt kaum weniger als im ökonomischen Schicksal des Einzelnen in dessen parasitärer Psychologie zum Ausdruck. Früher, als es noch etwas wie die verrufen bürgerliche Trennung von Beruf und Privatleben gab, der man fast schon nachtrauern möchte, wurde als unmanierlicher Eindringling mit Mißtrauen gemustert, wer in der Privatsphäre Zwecke verfolgte. Heute erscheint der als arrogant, fremd und nicht zugehörig, der auf Privates sich einläßt, ohne daß ihm eine Zweckrichtung anzumerken wäre. Beinahe ist verdächtig, wer nichts »will«: man traut ihm nicht zu, daß er, ohne durch Gegenforderungen sich zu legitimieren, im Schnappen nach den Bissen einem behilflich sein könnte. Ungezählte machen aus einem Zustand, welcher aus der Liquidation des Berufs folgt, ihren Beruf. Das sind die netten Leute, die Beliebten, die mit allen gut Freund sind, die Gerechten, die human jede Gemeinheit entschuldigen und unbestechlich jede nicht genormte Regung als sentimental verfemen. Sie sind unentbehrlich durch Kenntnis aller Kanäle und Abzugslöcher der Macht, erraten ihre geheimsten Urteilssprüche und leben von deren behender Kommunikation. Sie finden sich in allen politischen Lagern, auch dort, wo die Ablehnung des Systems für selbstverständlich gilt und damit einen laxen und abgefeimten Konformismus eigener Art ausgebildet hat. Oft bestechen sie durch eine gewisse Gutartigkeit, durch mitfühlenden Anteil am Leben der andern: Selbstlosigkeit auf Spekulation. Sie sind klug, witzig, sensibel und reaktionsfähig: sie haben den alten Händlergeist mit den Errungenschaften der je vorletzten Psychologie aufpoliert. Zu allem sind sie fähig, selbst zur Liebe, doch stets treulos. Sie betrügen nicht aus Trieb, sondern aus Prinzip: noch sich selber werten sie als Profit, den sie keinem anderen gönnen. An den Geist bindet sie Wahlverwandtschaft und Haß: sie sind eine Versuchung für Nachdenkliche, aber auch deren schlimmste Feinde. Denn sie sind es, die noch die letzten Schlupfwinkel des Widerstands, die Stunden, welche von den Anforderungen der Maschinerie freibleiben, subtil ergreifen und verschandeln. Ihr verspäteter Individualismus vergiftet, was vom Individuum etwa noch übrig ist.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, 1951, 29. Aufl. 2016, S. 18f.

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