Die #Neuland-Debatte. Oder: Es hört doch jeder nur, was er versteht.

Die Bundeskanzlerin tritt mit einem Nebensatz eine aufgeregte Debatte in diesem Internet los. Viele regen sich auf, andere rufen die zum Teil selbsternannten Internetprofis zur Selbstreflexion auf, die fröhlich Verachtung über die Regierungschefin äußern und spotten, so würde das nichts, mit der modernen CDU, und den High-Tech-Standort Deutschland gleich mit abschreiben.

Selbst ein Gelegenheitstwitterer wie @sigmargabriel landet einen echten Punch:

Oho, der Herr Gabriel! Aber jenseits solch billigen Surfens auf der Empörungswelle haben sich auch Leute ein paar gute Gedanken zum Thema gemacht:

Gefallen haben mir die unter anderem die folgenden Texte: Zunächst der von Christian, der in seinen Berliner Notizen zu Recht auf den derzeitig stattfindenden Kulturwandel hinweist. Friedemann gibt in einem vieldiskutierten Beitrag offen zu: „Eigentlich wissen wir nichts.“ Auch er konstatiert eine Umbruchsphase. Johannes Kuhn hat in der Süddeutschen Zeitung zu Recht darauf hingewiesen, daß die Welt der Beantwortung der entscheidenden Fragen des grenzenlosen Internets bis heute nicht näher gekommen ist. Enno Park formuliert von der Ennomane aus treffend:

„Wir Digital Natives und frühen Digital Immigrants sind tatsächlich die ersten Siedler eines Neulandes. Wir machen das Neuland urbar, wir schaffen Strukturen und Zivilisation. Wir sind die Pioniere.“

In Anlehnung an Reinhart Koselleck könnte man von einer Sattelzeit sprechen, in der sich die Gesellschaft durch das Internet und seine Möglichkeiten für Interaktion neu finden müssen. Neue Akteure sind sichtbar geworden – selbst ich schreibe jetzt einen Blogbeitrag! – und alte Akteure müssen sich neu positionieren.

Ich selbst bin – trotz der Erwähnung Kosellecks – kein Historiker, habe mich bei #Neuland aber gleich an das Phänomen der Frontier erinnert. Und meines Erachtens sprechen die oben zitierten Beiträge diese Situation auch an. Bei dem Konstanzer Geschichtswissenschaftler Jürgen Osterhammel liest man („Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts“, 2009):

„Die Frontier [ist] die bewegliche Grenze der Ressourcenerschließung […] Stadt wie Frontier [sind] die großen Wanderungsmagneten des 19. Jahrhunderts. Als die Räume erträumter Möglichkeiten ziehen sie Migranten an wie sonst nichts in der Epoche. Gemeinsam ist der Stadt wie der Grenze die Durchlässigkeit wie die Formbarkeit der sozialen Verhältnisse. Wer nichts hat, aber einiges kann, mag es hier zu etwas bringen. Die Chancen steigen und ebenso die Risiken. An der Frontier werden die Karten zwischen Gewinnern und Verlierern neu gemischt.“

„In Relation zur Stadt ist die Frontier <Peripherie>. […] Doch die Frontier ist keine passive Peripherie. An ihr entstehen besondere Interessen, Identitäten, Lebensentwürfe und Charaktertypen, die auf die Zentren zurückwirken.“

Ich finde, daß dies die Lage im Netz recht treffend charakterisiert. Und daher kann ich an dem Begriff #Neuland nichts Aufregendes finden.

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4 Antworten zu Die #Neuland-Debatte. Oder: Es hört doch jeder nur, was er versteht.

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