Gerhart Hauptmanns letztes Jahr

Hans Pleschinski, Wiesenstein | Foto nw2019 #roman #Hauptmann

Hans Pleschinski, Wiesenstein | Foto nw2019

Hans Pleschinski, Wiesenstein, 2018 (Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg), 550 Seiten.

Auf den ersten neun Seiten habe ich dreimal den starken Impuls unterdrücken müssen, das Buch schimpfend zur Seite zu legen, so sehr habe ich mich über solche Passagen geärgert:

Die meisten hockten auf ihrem Gepäck.

Kinder bekamen einen Klaps.

Säuglinge wurden gewiegt. (S. 15)

Seufzend blätterte ich noch einmal um, und dann wurde das Buch glücklicherweise deutlich besser: lesbarer, erzählerischer, unangestrengter.

Der Roman setzt nach der Bombardierung Dresdens ein und endet mit dem Tod des Schriftstellers Gerhart Hauptmann; die Leser begleiten ihn und seine Frau auf dem abenteuerlichen Weg zu ihrer schlesischen Villa.

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Moltke, Tagebuch und Briefe aus der Haft

Helmuth James von Moltke, Tagebuch und Briefe aus der Haft, 2008 | Foto: nw2019 #Nationalsozialismus #Widerstand

Helmuth James von Moltke, Tagebuch und Briefe aus der Haft, 2008 | Foto: nw2019

Helmuth James von Moltke, Im Land der Gottlosen. Tagebuch und Briefe aus der Haft 1944/45, hrsg. und eingeleitet von Günter Brakelmann, 2009, 350 Seiten.

Der Urgroßneffe des älteren Moltke, der die militärischen Grundlagen für die Reichseinigung 1871 legte und dessen Denkmal (1905) im Berliner Tiergarten gegenüber der Siegessäule steht, war Zivilist, hatte Jura studiert und lebte auf seinem Gut Kreisau in Schlesien und in Berlin. Er hatte berufliche und familiäre Kontakte ins britische Empire. Seine Anwaltspraxis – er entschied sich nach dem Assessorexamen aus politischen Gründen gegen das Richteramt – war internationalrechtlich ausgerichtet; nach Kriegsausbruch trat er in das Kaiser-Wilhelm-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Berlin ein, wo er in der völkerrechtlichen Abteilung der Amtsgruppe Ausland/Abwehr tätig war.

Helmuth James Graf von Moltke, dem weder die Bundesrepublik Deutschland noch die Deutsche Demokratische Republik ein Denkmal errichteten, war Mitglied des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Er machte die Aktivitäten der Weißen Rose im Ausland bekannt und diskutierte ab 1940 zusammen mit Peter Graf Yorck von Wartenburg und anderen Mitgliedern des Kreisauer Kreises Möglichkeiten und Ziele des Widerstandes sowie eine mögliche Gestaltung der Nachkriegsordnung.

Am 19. Januar 1944 wurde Moltke verhaftet. Am 11. Januar 1945 verkündete der Volksgerichtshof das Todesurteil, das am 23. Januar 1945 in Plötzensee durch den Strang vollstreckt wurde.

1931 hatte er Freya Deichmann geheiratet. Während ihrer gewaltsam abgekürzten Ehe schrieben sie sich viele Briefe, die als bewegende Zeugnisse des Lebens im „Dritten Reich“ und des Widerstands gelten. Die Briefedition »Briefe an Freya«, die 1988 erschien, sparte die Briefe aus der Haft weitestgehend aus; erst im Jahre 2008 gab die Witwe diese Briefe zusammen mit dem Tagebuch, das ihr Mann bis zum 19. August 1944 führte, zur Veröffentlichung frei.

Das Tagebuch ist eine knapp gefaßte Übersicht über den Tagesablauf und die Beschäftigung Moltkes, die im wesentlichen aus Lektüre in der Zelle bestand, zu der aber auch das Arbeiten an amtlichen Schriftstücken und Gespräche mit Kollegen und Mitarbeitern gehörten.

Die Briefe an seine Frau, die etwas überraschend sämtlich – bis auf den letzten hier abgedruckten – mit der Eingangsformel „Mein Lieber“ beginnen, sind ausführlicher, detailreicher und beziehen das Gut und die Wirtschaft, die Kinder und Verwandte ein. Sie sind weltzugewandt, haben aber auch den Auftrag, zwischen den Eheleuten Nähe herzustellen und so etwas wie Normalität zu vermitteln.

Im Zentrum von Moltkes Lektüre stehen die Bibel, Luthers Werke und religionswissenschaftliche Schriften, er befaßt sich aber auch mit landwirtschaftlichen Themen. Er liest viel, neben den Werken des älteren Moltke auch die »Times« und Debatten aus dem britischen Parlament.

Da sich manches aus den Tagebucheintragungen in den Briefen wiederfindet, habe ich eine Lesepause eingelegt, um die Briefe besser auf mich wirken zu lassen. Das Tagebuch bezeugt letztlich ein privilegiertes Häftlingsdasein – das freilich schlimm genug ist – und gibt so einen Einblick in diese spezifische Haftsituation. Die Briefe sind demgegenüber einfach reicher, persönlicher, aussagekräftiger.

Die beiden letzten Briefe vom 10. und 11. sind natürlich besonders bewegend. Plastisch schildert Moltke das Verfahren vor dem Volksgerichtshof:

Typisch war ein Vorfall: aus irgendeinem Grunde wurde ein St.G.B. gebraucht, weil Freisler etwas daraus vorlesen wollte. Es stellte sich aber heraus, dass keines aufzufinden war. (S. 331)

Seine Abschiedsworte sind selbstbewußt und stark.

Die vorliegende Quellensammlung ist thematisch und zeitlich eng fokussiert, sie erlaubt einen detaillierten Einblick in einen zentralen Abschnitt der deutschen Geschichte. Für historisch Interessierte eine klare Leseempfehlung!

 

 

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Petr Borkovec: Lido di Dante

Der schmale Band des Autors Petr Borkovec enthält zwölf Erzählungen, die von dem titelgebenden Stück »Lido di Dante« eingeleitet werden und sich um das Leben in einem Ferienort nahe der italienischen Stadt Ravenna drehen. Der österreichische Verlag Edition Korrespondenzen hat seit 2001 vier weitere Bücher von Borkovec herausgebracht.

Petr Borkovec, Lido di Dante | Foto: nw2019 #Erzählungen

Petr Borkovec, Lido di Dante | Foto: nw2019

Erzählungen aus Italien

In seinen Texten variiert der im Jahre 1970 geborene Autor das Leben in einer italienischen Kleinstadt am Meer. Selbst aus Louòovice pod Blaníkem in Böhmen stammend und in Prag lebend, ist er regelmäßiger Feriengast dort.

Bücher hatten die Erlebnisse abgelöst, das ist kein gutes Zeichen. (S. 20)

Detailreich, keine noch so abstruse Einzelheit – etwa zu Bräunungstechniken am Nacktbadestrand – aussparend, bieten die Texte ein wahres Mosaik, das sich im Kopf des Lesers, ergänzt um die eigenen (in meinem Fall gänzlich anderen Kindheits-) Erinnerungen und um entsprechende Lektüren, zu einem farbigen Italienbild zusammenfügen. Die Tonlage erinnert mich gelegentlich an Fruttero & Lucentini.

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Madeleine Albright: Faschismus

Madeleine Albright, Faschismus | Foto: nw2019 #Politik #Sachbuch

Madeleine Albright, Faschismus | Foto: nw2019

Der Titel sagt alles: »Faschismus. Eine Warnung« – in ihrem neuen Buch setzt sich die frühere Außenministerin der USA und Holocaust-Überlebende, Madeleine Albright, mit dem Wiedererstarken autoritärer und populistischer Regierungen auseinander.

Geschichte des Faschismus

Italien stand kurz vor dem staatlichen Zerfall. Das Parlament galt selbst seinen Mitgliedern als korrupter Basar, auf dem Gefälligkeiten an jene verteilt wurden, die über politische und gesellschaftliche Beziehungen verfügten. König Vittorio Emanuele war schwach, ängstlich und unentschlossen. In den 22 Jahren seiner Regentschaft hatte er nicht weniger als 20 Premierminister kommen und gehen sehen. Die führenden Politiker lagen unablässig miteinander im Streit, hatten aber so gut wie jeden Kontakt zur Bevölkerung verloren. Vielen schien die Zeit reif für eine wirkliche Führungsperson, für einen Duce, der Italien wiedervereinigen und das Land erneut zum Mittelpunkt der Welt machen konnte. (S. 29)

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