Petr Borkovec: Lido di Dante

Der schmale Band des Autors Petr Borkovec enthält zwölf Erzählungen, die von dem titelgebenden Stück »Lido di Dante« eingeleitet werden und sich um das Leben in einem Ferienort nahe der italienischen Stadt Ravenna drehen. Der österreichische Verlag Edition Korrespondenzen hat seit 2001 vier weitere Bücher von Borkovec herausgebracht.

Petr Borkovec, Lido di Dante | Foto: nw2019 #Erzählungen

Petr Borkovec, Lido di Dante | Foto: nw2019

Erzählungen aus Italien

In seinen Texten variiert der im Jahre 1970 geborene Autor das Leben in einer italienischen Kleinstadt am Meer. Selbst aus Louòovice pod Blaníkem in Böhmen stammend und in Prag lebend, ist er regelmäßiger Feriengast dort.

Bücher hatten die Erlebnisse abgelöst, das ist kein gutes Zeichen. (S. 20)

Detailreich, keine noch so abstruse Einzelheit – etwa zu Bräunungstechniken am Nacktbadestrand – aussparend, bieten die Texte ein wahres Mosaik, das sich im Kopf des Lesers, ergänzt um die eigenen (in meinem Fall gänzlich anderen Kindheits-) Erinnerungen und um entsprechende Lektüren, zu einem farbigen Italienbild zusammenfügen. Die Tonlage erinnert mich gelegentlich an Fruttero & Lucentini.

Die Texte sind sowohl stimmungsreich als auch verstörend, kreisen viel um Sex und Verbrechen, oft mäandern sie umher und manchmal kommen sie schlagartig auf den Punkt. Italien ist mehr Schreckens- denn Sehnsuchtsort:

Den ganzen Tag zeigen sie am von Hunden zugeschissenen Strand ihre Riesentitten her, überfressen sich zu Mittag mit Miesmuscheln, feilschen mit einem Schwarzen um ein geschmackloses Handtuch (wobei sie ihm auf den Schritt starren und sich alles vorstellen, was sie einmal in der Kategorie Zwei schwarze Schwänze und eine scharfe weiße Mutti in sich hineingesogen haben), nachher beim Auto quetschen sie ihre Speckwülste in rosa Kleider mit goldenen Trägern, nehmen dazu die vor einer Woche in Ravenna gekauften Riemchenstilettos und Sonnenbrillen und stiefeln zum Abendessen los und dann in eine Bar. Ihre zufriedenen Göttergatten stehen nicht hinter ihnen zurück, ziehen rosa und violette Markenpolos an, dazu Mokassins ohne Socken und die komplett gleichen Sonnenbrillen. In der Bar schreien sie laut durcheinander, bequatschen jeden Scheiß eine Stunde lang, trinken einen Negroni nach dem anderen, die Weiber lassen sich von ihren Männern am Hintern halten, lassen sich mit der Hand in den schwarzen Tanga fahren, der ihnen wie eine orthopädische Vorrichtung aus dem Rock ragt, und dann gibt ein bezahlter Exzentriker in glänzendem Hemd das Kommando und schon stürzen alle zum Mikrofon. (S. 40)

Wieso der Slip aus dem Rock „ragt“, wenn die Frauen Kleider anhaben, weiß ich nicht, aber das ist ja nur ein Detail.

Stilistisch und inhaltlich decken die Erzählungen eine große Bandbreite – durchaus auch unerwarteter Themen wie das Schießen von Kolibris –  ab.

Der Vater meiner Frau ist ein lieber Mensch, das schon. Gewöhnlich sitzt er in der Küche und erfreut sich an der Geschichte der Philosophie und Mathematik. Dazwischen schweift er ab zu Joyce und Proust, die, wie er behauptet, die einzigen Literaten sind, die zeitweise über etwas anderes schreiben als über sich selbst. Sobald wer immer aus der Familie den Fuß in die Küche setzt, wird er erbarmungslos und für lange Zeit in einen Vortrag über Nikolaus von Kues, die Poesie von Gleichungen oder über all die Dummheiten, mit denen der heilige Umberto Eco die Welt behelligt, gezogen. (S. 54f.)

Schlanke Spatzen in schlampigen Formationen beschäftigen sich mit der morgendlichen Kälte. (S. 60)

Häufig geht es um Nacktbaden, Sex und Geschlechteridentitäten, wobei die Heftigkeit der Schilderungen sich nicht in der Tiefe der Analyse widerspiegelt. Als lediglich kolorierende Zutat scheint mir das Element freilich etwas überbetont.

So blickt der Erzähler eigentlich recht einfühlsam auf die Zustände in einem Strandhotel während der Nachsaison, um dann unvermittelt und unironisch eine „Grab-them-by-the-pussy“-Phantasie (S. 87) einzuflechten.

Als „reportagenartigen Führer“ (Klappentext) habe ich die Erzählungen nicht wahrgenommen, obwohl man das unter Berücksichtigung der bis vor kurzem hochgehandelten Relotius-Maßstäbe wohl durchaus einmal sagen konnte. Da ich dessen Texte jedoch allesamt nicht kannte, hätte ich Borkovecs Erzählungen immer als fiktionale Texte eingeordnet und nie als konventionell verstandene Reportagen.

Mein Fazit

Die sowohl realistisch als auch phantastisch wirkenden einzelnen Teile fügen sich letztlich zu einem impressionistischen Gesamtbild, das für jeden Leser anders aussieht. Ich hatte etwas anderes erwartet und war deshalb zugegebenermaßen enttäuscht. Das Unerwartete der Texte hat mich leider nur mäßig gefesselt und auch nicht durchgängig begeistert. Angesichts der Uneinheitlichkeit und nur sehr lockeren Verbindung der Erzählungen untereinander ist letzteres freilich nicht allzu überraschend und gehört zu den normalen „Risiken“ von Bänden mit Erzählungen.

Der kleine Band ist – das soll nicht unerwähnt bleiben! – ansprechend gestaltet und solide verarbeitet. Die Farbgebung in rot, grün und silber gefällt mir ebenso wie das schöne Papier.

Ich danke dem Verlag für die Zusendung und Überlassung des Rezensionsexemplars.

Petr Borkovec, Lido di Dante, 2016 (dt. 2019, aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier), 109 Seiten.

 

Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Literatur abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.