Gerhart Hauptmanns letztes Jahr

Hans Pleschinski, Wiesenstein | Foto nw2019 #roman #Hauptmann

Hans Pleschinski, Wiesenstein | Foto nw2019

Hans Pleschinski, Wiesenstein, 2018 (Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg), 550 Seiten.

Auf den ersten neun Seiten habe ich dreimal den starken Impuls unterdrücken müssen, das Buch schimpfend zur Seite zu legen, so sehr habe ich mich über solche Passagen geärgert:

Die meisten hockten auf ihrem Gepäck.

Kinder bekamen einen Klaps.

Säuglinge wurden gewiegt. (S. 15)

Seufzend blätterte ich noch einmal um, und dann wurde das Buch glücklicherweise deutlich besser: lesbarer, erzählerischer, unangestrengter.

Der Roman setzt nach der Bombardierung Dresdens ein und endet mit dem Tod des Schriftstellers Gerhart Hauptmann; die Leser begleiten ihn und seine Frau auf dem abenteuerlichen Weg zu ihrer schlesischen Villa.

Das Buch folgt dem Muster des Romans »Königsallee«, in dem Pleschinski sich eine Begegnung Thomas Manns mit dem einst angehimmelten Klaus Heuser nach dem Krieg in Düsseldorf ausmalte und gleichzeitig ein Porträt der Wirtschaftswunderzeit lieferte. Ich hatte dieses Buch damals nicht gelesen und eingestandenermaßen auch beim Kauf des neuen Romans nicht vor Augen. Die Herangehensweise des Autors ist offenbar erfolgversprechend und liefert den Lesern zumindest im Falle von »Wiesenstein« gute Unterhaltung vor sorgfältig recherchiertem und ansprechend präsentiertem zeitgeschichtlichen Hintergrund.

Das Reich zerfällt

Beschreibungen vom Zustand der Infrastruktur und Äußerungen von Haupt- und Nebenpersonen zeigen eine verbreitete Kriegsmüdigkeit und ein Land am Ende, erschöpft, ausgelaugt, reif für die Eroberung. Daran ändern auch letzte Gegenoffensiven und zu allem entschlossene Einzelne nichts mehr. Der Rückblick auf achtzig Jahre Leben und Werk Gerhart Hauptmanns wird mit den Widrigkeiten der aktuellen Situation verflochten, ein gigantisches Mosaik entsteht beim Lesen, und man weiß lange nicht, ob es am Ende ein fertiges Bild ergeben wird.

Das Ganze wird spannend und anschaulich erzählt, gesprächsweise werden Leben und Werk Hauptmanns zusammengefaßt und gewürdigt sowie in die jeweiligen Zeitläufte eingebunden. Im starken Kontrast zur Vergangenheit steht die Endzeitstimmung der Gegenwart dieser letzten Kriegsmonate. Der Zusammenbruch der deutschen Frontlinie, das Vorrücken der sowjetischen Verbände, die Toten am Wegesrand – ein großflächiges Untergangsszenario entsteht und läßt die private Restidylle im Haus des Nobelpreisträgers umso absurder wirken.

Immer wieder präsentiert das Buch Seitenblicke auf den Kunstsinn der Deutschen, auch der Nazis, doch werden diese sofort kontrastiert mit der Grausamkeit, den Schlächtereien, dem Stumpfsinn.

Das alte Ehepaar legt Rechenschaft ab über das politische Gebaren des Dichters, weil sie sich vor den herannahenden Russen und ihrer Rache fürchten. War er zu nahe bei der Macht oder doch in der inneren Emigration? Werden Verse ihre Rettung sein? (S. 165ff.) Wird es gelingen, die Korrespondenz des Dichters, die Erstausgaben seiner Werke, Manuskripte und vieles mehr aus seiner Bibliothek zu retten, in den Westen des Reiches zu schaffen? Auch ein Exemplar von Hitlers «Mein Kampf» befindet sich darunter, mit zahlreichen Anstreichenden Hauptmanns. Diskret soll es mit hinausgeschafft werden.

Die Frage, wie es nach der beschönigend-lebensversichernd „Endsieg“ genannten Niederlage weitergehen wird, treibt alle um.

«Die Friedensbedingungen werden härter werden als die von Versailles», sann die schöne Frau.

«Bedingungslose Kapitulation, wie der Reichsfunk über die alliierte Konferenz von Jalta berichtete.»

«Meine Güte, dann kapituliert man halt bedingungslos. Dadurch endet die Geschichte nicht. All dies Blutvergießen … Ich wette, in zwei drei Jahren nehmen hier wieder Kurgäste aus Magdeburg und Stockholm Platz. – Ich bleibe hier. Aber ich werde alles neu und frisch machen, weltoffener», sie machte eine kreisende Bewegung, «Café Bunzlau, das klingt doch hinterwäldlerisch.» (S. 200)

Auch die Dienerschaft blickt in die Zukunft:

«Wenn der Kram in Sicherheit gebracht wird», bemerkte neben der Speisekammer die Zofe, «warum bleiben wir dann?»

«Das frag die gnädige Frau», die Köchin opferte ordentlich Streichwurst von einer Schwarzschlachtung in Kiesewald, «weil wir hier zu Hause sind und ein Dach über dem Kopf haben.»

«Unter den Kommunisten muss ich keine Häubchen mehr tragen und auch nicht Madame das Badewasser einlassen», befand Elvira Zerbst und begutachtete ihre Fingernägel.

«Da wirst du Holz hacken müssen.»

«Werden wir ja sehen. Dann haben alle das Gleiche.»

«So viele Villen gibt es hier nicht.» (S. 207)

Während das Reich ringsum zerfällt, sendet der Reichsrundfunk Durchhalteparolen. Die Dichtergattin lädt einige Nachbarn wie früher, als verzweifeltes Zeichen für irgendeine Art von Normalität, zum Fünf-Uhr-Tee. Die Gäste tauschen sich aus:

«Mir hat Brüning nie das Herz erwärmt», bekannte Egon Hoffmann.

«Das ist nicht die Pflicht aufrichtiger Politiker. In Krisen müssen sie das Schwere sagen. Lug und Trug zieht am Ende alles in den Abgrund. Gewiss, Heinrich Brüning hat zu wenig Hoffnung verbreitet, zu wenig für die Republik begeistert. Aber wie denn auch in einem Land, das verlernt hatte, mit Kompromissen zu leben. Wahrscheinlich ist allein der Kompromiss förderlich und anregend, die Liberalität. Kompromiss bürgt für Frieden und damit auch für Wohlstand. Er war der letzte Bürger im Reichskanzleramt. Man muss doch an bedeutende Männer erinnern.» (S. 233)

Gibt es noch irgendeine Art von Beständigkeit?

«Bei Ihnen eingebrochen?» Thea Lobkind saß aufrecht.

«Nein, bei einem Bauern. Durchs kleine Fenster die Speisekammer ausgeräumt.»

«Schätze», rief Nora Hoffmann.

Pohl nickte und fügte hinzu: «Die Polizei war nicht zu erreichen. Stundenlang.»

«Keine Polizei?», fragte Egon Hoffmann ungläubig nach.

«Ein Kindheitstraum. Die Polizei ist weg», dachte Professor Kühnemann laut. (S. 234)

Am 1. Mai kommt die Meldung vom „Heldentod“ des Führers. Niemand trauert ihm nach. Keine Woche später sind die Russen da, der Rachefeldzug wogt durch Schlesien, erreicht aber nicht den Wiesenstein. Anschaulich beschreibt Pleschinski Flucht und die häufigere Selbsttötung, das Schwanken der Ausharrenden zwischen Bangigkeit, Schuldbewußtsein, Hoffnung und Wurschtigkeit.

Die neuen Herren kommen

Im Windschatten der Russen (S. 292) kommen Polen nach Schlesien. Auch sie plündern und üben Vergeltung. Auch sie sind Vertriebene, denn die Sowjetunion verschiebt ihre Grenzen nach Westen. Gerhart Hauptmann läßt sich sein Versepos «Till Eulenspiegel» vorlesen, das er nach dem Ersten Weltkrieg, 1919, verfaßt hatte, und dessen Schreckensschilderungen neuerlich gut passen.

Eine aus einem brennenden Stall entronnene Kuh schleppt sich im Todeskampf zur Villa.

«Kann wer melken?», schrie Use. (S. 336)

Die Köchin melkt, das Tier überlebt und nährt die Gruppe.

Wird das Dritte Reich schnell im Dunkel der Vergangenheit versinken oder zur Hypothek für Generationen werden? Wie konnte all das geschehen? Ist man mitschuldig geworden? Die Personen des Romans gehen unterschiedlich mit diesen Fragen um, aber sie tauchen immer wieder auf.

Der Dichter und seine Sekretärin gehen alte Texte durch, um Verbesserungen letzter Hand vorzunehmen. Vier Tragödien um Iphigenie, machtvolle, makellose Verse, die in den Abgrund blicken. Reichen Verse aus, ersetzt Bildung Taten? Die Fragen bleiben unbeantwortet.

Der Umsiedlungsbefehl für die verbliebene deutsche Bevölkerung, die sich durch eine Armbinde mit dem Buchstaben N zu kennzeichnen hat, ergeht für den 29. Juli 1945. Ein Besuch polnischer Offizieller auf Wiesenstein endet unerwartet. Ein Drama Hauptmanns aus dem Jahre 1937 spielt dabei eine wichtige Rolle.

Erneut kommt Besuch, diesmal aus dem neuen „Ostdeutschland“. Johannes R. Becher pilgert zu Hauptmann, um ihn für die neuzugründende Akademie der Wissenschaften zu gewinnen. Das Kapitel ist in mehrfacher Hinsicht ein Kabinettstück. Bereits das Gespräch unter Genossen auf der Fahrt zum Wiesenstein, aber auch der Besuch selbst werden meisterhaft geschildert, so daß die Widrig- und Widersprüchlichkeiten des Lebens in Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert offenbar werden. Die Verschränkung von Lebensläufen wird ebenso überzeugend dargestellt wie die Ungewißheit der weiteren Entwicklung.

Becher stützte mit seinem Arm die Dame und musste selbst auf den Pfad achtgeben. Dem Kulturbeauftragten folgten Kapitän Grigorij Weiss, der Fotokorrespondent Leutnant Chanov und Gustav Leuteritz. Die Rotarmisten und ihr Fahrer rauchten am Dodge. Neben den Eingangslöwen des Kastells harrten einige Leute aus, darunter ein Dienstmädchen mit Haube. Leuteritz und auch die sowjetischen Offiziere mutmaßten, dass es sich um die letzte Zofe zwischen Eisernem Vorhang und Wladiwostok handelte. Ein dürrer Butler verbeugte sich. (S. 460)

Die Figur des kunst- oder literaturinteressierten Besatzungsoffiziers (S. 487ff.) – irgendwie Standardrepertoire bisheriger europäischer Kriege – ermöglicht auch im Hause Hauptmann eine bessere Versorgung.

Die gesundheitliche Stabilisierung des Hausherrn, der frische Kontakt zur Außenwelt schienen Anlass genug zu sein, den Geburtstag Margarete Hauptmanns nachzufeiern und überhaupt einmal wieder einen Anflug von Festlichkeit zu wagen. Die Gefeierte erkannt nicht im Einzelnen, wer die Tafel bevölkerte. Aber sie wusste, dass sie sich zu bescheiden hatte. Statt Franz Werfel und seiner flamboyanten Gattin Alma regten sich neben ihr Annie Pollak und ein Heilpraktiker, Professor Eugen Kühnemann war kaum ein Ersatz für Walter Rathenau, der Jahrhundertregisseur Max Reinhardt wurde durch eine Charakterdarstellerin vom Breslauer Stadttheater vertreten. Immerhin leerte ein sowjetischer Offizier sein Glas. (S. 493)

Teils wirre, teils hellsichtige Prognosen werden am Ende des alkoholreichen Abendessens geäußert.

Am 21. Mai 1946 müssen die verbliebenen Deutschen Agnetendorf verlassen und sammeln sich in Hauptmanns Villa; von ihm erwarten sie Hilfe. Der Text springt zur „Umsiedlung“ der „Vertriebenen“ und einer Beobachtermission der Briten, die die schlimmsten Greuelaten verhindern soll (S. 520ff.).

Für die Nachwelt

Die Frage, was vom Werk, was vom Wirken bleibt, durchzieht das Buch von Anbeginn. Der moribunde Autor erholt sich zwischendurch zwar, nutzt aber diese Zeit besonders intensiv, um im Wortsinne mit „letzter Hand“ zu feilen. Wertvolle Teile des Archivs werden in den Westen geschafft, solange es noch geht, Gesprächspartner halten Äußerungen fest.

War das mein letztes Wort? (S. 484)

Die Ausweisung aus Polen wird am Hauptmann’schen Haushalt nicht vollzogen, die Einladung nach Ostberlin steht, aber die Reise ist zu beschwerlich. Man harrt aus – lange wird es ja ohnehin nicht mehr sein, dieser Gedanke schwebt unausgesprochen über allem. Doch was dann?

Vor dem Hintergrund der nicht enden wollenden Allgegenwart des Sterbens von der ersten bis zur letzten Seite, wird eine Welt, die rings umher längst untergegangen ist, im Hause Gerhard Hauptmanns irgendwie aufrechterhalten. Aura und stetig schwindende Reste aus besseren Zeiten lassen einen Widerschein fortbestehen, der immer blasser und fadenscheiniger wird. Umso bedeutsamer werden das Wort und das Angedenken. Unter Umständen auch das von unerwarteter Seite:

Nach einigen verdrießlichen Gedanken wünschte man der Heimatlosen, dass sie überlebte [– die Zofe hatte sich aus dem Staub gemacht und einiges mitgehen lassen, darunter eine Pelzjacke der Hausherrin –]. Womöglich würde sie als Polin im hohen Alter in Warschau ihre Erinnerungen an die Zeit auf dem Wiesenstein niederschreiben und veröffentlichen. Sollte sie doch, sie wäre nicht die erste mit solchen Memoiren. (S. 489)

Das vorerwähnte Diner mit dem sowjetische Offizier droht zu kippen, als dieser, nachdem die Rede wieder einmal auf „Dr. Spitz“ gekommen ist – die im Hause übliche Bezeichnung für Thomas Mann, dem Hauptmann für dessen politische Haltung freilich Respekt bezeugt – den »Zauberberg« erwähnt (S. 500). Prallgefüllte Seiten voller Anspielungen auf das wechselseitige Verhältnis folgen.

Eine Nachtszene, in der der Dichter alleine zurückblickt, mit seinen Brüdern, mit seinen Figuren, mit Goethe und wieder mit der Kasperfigur spricht, und ein letzter gedankenvoller Aufenthalt im Turmzimmer krönen das Buch. Dann Krisis und Tod am 6. Juni 1946. Mühsame Überführung in die sowjetisch besetzte Zone, schließlich Beisetzung auf Hiddensee.

Mein Fazit

Das Buch betrachtet in vielfältigen Facetten die Ambivalenz des Daseins, die Folge von Auf und Ab. Seitenblicke auf Familie und Vergangenheit der handelnden Personen fügen der letztendlich doch etwas mageren Handlung Wichtiges hinzu, sodaß ein gleichsam gestaffeltes Bild von Deutschland entsteht.

Zuvörderst ist das Buch natürlich eine Einladung, Texte von Gerhart Hauptmann zu lesen. Den «Webern» der Schulzeit, danach im Abstand von Jahrzehnten zweimal im Theater gesehen, gilt es einiges hinzuzufügen.

Die Republik, die als Reaktion auf jenes Unheil, das im Buch zu Ende geht, gegründet wurde und heute, im Jahr 2019, ihren siebzigsten Jahrestag begeht, sie ist nicht auf militärische Eroberungen aus. Doch wie steht es um ihre innere Friedfertigkeit, ihre Offenheit und Liberalität? Wie wird sie mit den Herausforderungen der allernächsten Zukunft umgehen?

«Demokratie bleibt der Maßstab für das Fortschrittsstadium eines Volkes», notiert der Schriftsteller Gerhart Pohl bei einem der letzten Spaziergänge mit dem Dichter (S. 332).

Nach dem für mich schwierigen Start ein sehr gutes Buch, das einerseits eine spannend erzählte Story bietet, andererseits oft zum Innehalten führt und viel Stoff zum Nachdenken bietet.

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2 Antworten zu Gerhart Hauptmanns letztes Jahr

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Eines dieser Bücher, die ich unbedingt lesen wollte/will. Aber oft sind diese Bücher verbunden mit der besonders großen Vorfreude auch jene, die etwas länger auf ihre Lektüre warten müssen. Jedes Buch braucht seine Zeit, seinen Moment. Aber dieser Beitrag ist vielleicht auch ein Anstoß, es endlich zu lesen. Viele Grüße

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