Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit

Sechs Kapitel, gerahmt von Vorbemerkung und Ausblick, widmet Sloterdijk der Moderne, ihrer Entstehung und ihren Folgen. Ein großes Thema, das selbst auf 480 – kleinformatigen und nicht eng bedruckten – Seiten nur in vergröbernder Form und nur unter ausgewählten Gesichtspunkten behandelt werden kann.

Seine Anhaltspunkte und Untersuchungsparadigma sind der Hiatus, die Filiation sowie die nachhaltige Störung von Sukzession und Genealogie. Wo jedes Erbe überflüssig geworden ist, wird nichts bewahrt; dies ist die bittere Konsequenz des „anti-genealogische[n] Experiment[s] der Moderne“, das der Untertitel des Buches beschwört.

Wortgewaltig wettert Sloterdijk gegen Verfalls- und Untergangserscheinungen, ohne die Vergangenheit zu verklären. Seine Diagnose bleibt trotz der gelegentlich formulierten Rage seltsam unbeteiligt und gerinnt zu einem resignativen: So ist es wohl.

Die Lektüre des Buches ist gleichwohl äußerst anregend, ich habe interessante Argumente entdeckt und viele Hinweise auf Bücher und Autoren erhalten. Hier ist Nach- und Weiterarbeiten erforderlich, wie bei jedem guten Buch.

Sloterdijk sieht uns Heutige „im Delta“, einem gigantischen Zwischen-Raum – halb Nirwana, halb Labor.

„Die entropischen Konsequenzen aus dem zivilisationsdynamischen Hauptsatz für das Kommende sind evident: Bei fortschreitender Mobilisierung werden die Freisetzungen den moderierenden Instanzen mit wachsender Fluchtgeschwindigkeit davonlaufen. Synchronisierung (Vernetzung), Aspirisierung (Ausweitung der Forderungszone), Urbanisierung (Wachstum der Komfortchancenzone) uznd Sekurisierung (Expansion der Paranoia-Zone) bleiben die regierenden Vektoren – wobei der Monetarisierung die Funktion des Mediators zufällt. Die Ausweitung der Staatsdienste in den rund 200 im UNO-Raum angemeldeten politischen Körpern zieht die Modernisierung der Korruption nach sich – für diesmal konventionell verstanden als Unterwanderung des Rechts durch Angehörige der öffentlichen Dienste, die nicht sehen, was dem Charme eines zweiten Einkommens widerstehen könnte. Die wachsende Aktivität der »Staatsdiener« in staatsunfähigen Kulturenwird ohne explodierende Korruption – und mitwachsende Anklagen gegen sie – nicht zu haben sein . Als Garanten der Korruption wird die Mehrheit der etablierten wie der improvisierten Nationalstaaten des 21. Jahrhunderts zu dem machen, was es aus der Sicht des 22. gewesen ist. Sie bereiten ihr Versagen vor, das man ihnen vorwerfen wird, sollten die Bilanzen eines Tages offengelegt werden.“ (S. 484f.)

Ein zutiefst pessimistischer Text, der vor einer umstandslosen Fortschrittsgläubigkeit warnt, aber keine Remedur anzubieten hat.

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Goethe am Sonnabend Nr. 19

3.

Wie der Stifter dieser Schule, der außerordentliche Newton, zu einem solchen Vorurteile gelangt, wie er es bei sich festgesetzt und anderen gelegentlich mitgeteilt, davon wird uns die Geschichte künftig unterrichten. Gegenwärtig nehmen wir sein Werk vor, das unter dem Titel der Optik bekannt ist, worin er seine Überzeugungen schließlich niederlegte, indem er dasjenige, was er vorher geschrieben, anders zusammenstellte und aufführte. Dieses Werk, welches er in späten Jahren herausgab, erklärt er selbst für eine vollendete Darstellung seiner Überzeugungen. Er will davon kein Wort ab, keins dazu getan wissen, und veranstaltet die lateinische Übersetzung desselben unter seinen Augen.

4.

Der Ernst, womit dise Arbeit unternommen, die Umständlichkeit, womit sie ausgeführt war, erregte das größte Zutrauen. Eine Überzeugung, daß dieses Buch unumstößliche Wahrheit enthalte, machte sich nach und nach allgemein; und noch gilt es unter den Menschen für ein Meisterstück wissenschaftlicher Behandlung der Naturerscheinungen.

5.

Wir finden daher zu unserem Zwecke dienlich und notwendig, dieses Werk teilweise zu übersetzen, auszuziehen und mit Anmerkungen zu begleiten, damit denjenigen, welche sich künftig mit dieser Angelegenheit beschäftigen, ein Leitfaden gesponnen sei, an dem sie sich durch ein solches Labyrinth durchwinden können. Ehe wir aber das Geschäft selbst antreten, liegt uns ob, einiges voranzuschicken.

Enthüllung der Theorie Newtons Des Ersten Bandes Zweiter, Polemischer Teil
Münchner Ausgabe 1989, Bd. 10, S. 277f.

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1. Januar

Der Beitrag zum 1. Januar ist eine Woche später verfaßt, beruht aber auf Notizen vom in Rede stehenden Tag. Da bereits der Beitrag zum 1. Dezember ausgefallen ist, reiche ich das heute nach. Er ist Teil einer Reihe, die ich „Monatserster“ betitelt habe.

Im Dezember 2014 war erschreckend viel Kleinkram zu erledigen, bis endlich die Weihnachtsferien anstanden. Der Januar gehört alten und ersten neuen Projekten und steht damit selbst ein wenig „zwischen“ den Jahren, wie ich finde.

Das Literarische Geburtstagsbuch aus dem Radius-Verlag, auf das an dieser Stelle gleichsam traditionell Bezug genommen wird, erinnert unter dem 1. Januar an die Geburtstage von:

  • Ulrich Zwingli (1484)
  • Jerome D. Salinger (1919)
  • Maurice Béjart (1927)

An einem 1. Januar sind gestorben:

  • Johann Christian Bach (1782)
  • Jakob Wassermann (1934)
  • Werner Schwab (1994)

Erich Kästner hat dreizehn wunderbare Monatsgedichte geschrieben.

Der Januar

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.

Die Amseln frieren.
Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
dass sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.

Frieden und Krieg waren Thema im Jahr 2014 und werden dies auch im neuen Jahr bleiben. Auch für Schiffsunglücke, Flugzeugabstürze, Anschläge wird das wohl gelten.

Das Jahr 2015 begann u.a. mit der Euro-Einführung in Litauen und dem Start der sonderbaren Eurasischen Union zwischen Rußland, Belorus und Kasachstan als Wirtschaftsunion, nun erweitert um Armenien und Kirgistan.

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Leseliste 2014 – 3

Im vierten Quartal wurden gelesen:

Fritz J. Raddatz, Unruhestifter. Erinnerungen

 FJR besichtigt sein Leben und läßt uns Einblicke tun. Wir Voyeure!

Alan Hollinghurst, Des Fremden Kind

Junger Dichter fällt im Ersten Weltkrieg. Ist seine Biographie ein Lügengebäude?

Gaito Gasdanow, Glück

Wer weiß schon, was Glück ist?

 William Trevor, Die Geschichte der Lucy Gault

Wunderschöner Roman über ein Mädchen und sein Schicksal.

 Patrick Modiano, Villa Triste

Meine zweite Begegnung mit dem Werk des diesjährigen Nobelpreisträgers. Erneut geht es um Erinnerungen, erneut ein intensives Leseerlebnis.

 

Aktuell werden (mit mehr oder weniger Unterbrechungen) gelesen:

Heimo Schilk, Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben, erw. Neuauflage 2014.

Karl Christ, Krise und Untergang der römischen Republik, 8. Aufl. 2013

Richard T. Neer, Kunst und Archäologie der Griechischen Welt, Von den Anfängen bis zum Hellenismus, 2012, dt. 2013

Elmar Faber/Carsten Wurm (Hrsg.), Bühne auf! Erstlingswerke deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts, 2012

Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, 2011

Christopher Clark, The Sleepwalkers – How Europe went to War in 1914, 2012 (Kindle)

George F. Kennan, Bismarcks Europäisches System in der Auflösung. Die französisch-russische Annäherung 1875-1890, 1979, dt. 1981

Karl Helfferich, Der Weltkrieg, 1. Band: Die Vorgeschichte des Weltkriegs, 1919 (Kindle)

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