Hertzmann’s Coffee

Foto: nw2015

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Der bei Weissbooks erschienene Roman von Vanessa F. Fogel ist zunächst einmal ein schön hergestelltes Buch in handlichem Format mit einem tiefschwarzen Einband und ansprechendem Umschlagfoto. Ein großes Bild der attraktiven Autorin ist dem rund dreihundert Seiten starken Text vorangestellt.  Ihr zweites Buch entfaltet eine Familien- und Unternehmensgeschichte, für einen Buddenbrooksliebhaber wie mich also eigentlich genau das Richtige. Yankele Herzmann kann nachts nicht schlafen und erzählt seine Lebensgeschichte vor einer Videokamera und ein junger Freak lädt diese für ihn bei YouTube hoch. Auslöser ist ein handfester Familienkrach um die Fortführung der Firma, die der Lebensinhalt von Yankele und seiner Frau Dora gewesen ist. Soweit, so originell und mit einem Schuß Komik erzählt. Erzählstränge aus Berlin (natürlich vom Prenzlauer Berg) und Caracas gesellen sich unvermittelt und lange Zeit unverbunden dazu. Es geht dann viel um das Alter.

Vor Jahren, dachte ich bei mir, waren wir noch nicht von hellbraunen Altersflecken übersät. (S. 39)

Siehst du, Marc, es ist besser, älter zu sein. Dann weiß man mehr. (S. 109)

Jetzt bin ich alt, dachte ich mir. Auch wenn ich mich in vielen Momenten noch jung fühle. Jung, als könnte ich noch immer viel kontrollieren. Jung, als könnte ich noch immer viel bewegen. Aber auch diese Momente sind seltener geworden. Ganz besonders, seit Dora und ich nicht mehr Tennis spielen. Wer hätte gedacht, dass Spielen jung hält? (S. 117)

»Andere brauchen ein Leben lang, um weise zu werden,« sagte ich zu dem Verkäufer. »Und das Alter ist ein hoher Preis, der dafür gezahlt werden muß.« (S. 292)

Ein sehr alter Mann erinnert sich an seine Jugend und die Zeit nach dem Krieg, ein Mann erinnert sich an seine Jugend und ein Jugendlicher erinnert sich an seine Kindheit. Familienstrukturen und – bei den Jüngeren – auseinanderlaufende Lebenspfade sind wiederkehrende Muster, die den eher handlungsarmen Text ornamentieren. Ein älterer Bruder wurde in Venezuela vor langer Zeit getötet, ein anderer macht in Berlin dem jüngeren das Leben schwer. Das Buch ist insgesamt flüssig geschrieben, doch manchmal merkt man die Technik, so etwa wenn eine der erzählenden Figuren – Marc – immer wieder ein Puzzleteil in der Hosentasche anfaßt und die Berührung genießt oder ziemlich oft „Ich schwöre“ sagt. Bei dem jungen Mann handelt es sich um Yankeles Enkel, einen Sohn von Benjamin, der in Europa ein eigenes Geschäft aufgebaut hat und wegen seiner Geschäftsbeziehungen zu den Sowjets in den USA nicht wohlgelitten war. Er will wegen eines Puzzle-Wettbewerbs in die USA fliegen und seine Großeltern besuchen, aber die Eltern wollen es nicht erlauben. Auch die Waschrituale der alten Hertzmanns werden beharrlich wiederholt. Der alte Yankele ist, wie sich zunächst aus ein paar Andeutungen im letzten Drittel des Buches  ergibt, der Bruder der alten Frau, die in Caracas im Koma liegt. Die Geschichte ist durchaus lebensklug erzählt, aber auf mich wirkt die Botschaft konstruiert. Ein paar schöne Szenen und gelungene Sätze wiegen den P r o d u k t charakter der Story nach meinem Dafürhalten nicht auf. Dann es gibt  eine versöhnliche Wendung zum Schluß, die den Kitsch streift.

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Michael Innes, Zuviel Licht im Dunkel

Das 1936 unter dem Titel “Death at the President’s Lodging” erschienene Buch behandelt den Mord am Rektor des ehrwürdigen Colleges St. Anthony nahe Londons in einer fiktiven Universitätsstadt. Michael Innes, der selbst von 1930 bis 1973 an Universitäten in Leeds, Adelaide und Oxford lehrte, entwirft ein typisiertes College der Zwischenkriegszeit mit mehr oder weniger verschrobenen Dozenten. Aber auch drei Studenten kommen in Episoden vor und charakterisieren die Epoche.

Die Szenerie – mit einem hilfreichen Grundriß auf S. 8 veranschaulicht – ist klassisch: Der Mörder muß Zugang zu einem von zehn Schlüsseln gehabt haben, um die Tat begehen zu können; die fraglichen Schlösser waren zudem am Tag des Mordes ausgetauscht worden.

Inspektor Appleby von Scotland Yard wird gerufen – St. Anthony’s hat als Kaderschmiede exzellente Verbindungen – und trifft auf den gründlichen, aber nicht akademisch gebildeten Inspektor Dodd. Appleby steht für neue, wissenschaftliche Ermittlungsmethoden und taucht gewandt ein in die Welt von St. Anthony’s.

Die Ermittlungen bringen überraschende Details zu Tage und Innes hält trotz eines breiten Erzähltempos stets die Spannung. Die Rivalitäten zwischen den Wissenschaftlern begründen eine Nebenhandlung, die an wichtigen Schaltstellen mit dem Mord verknüpft ist und auch den Ermittlungen zunächst eine falsche Richtung gibt. Aber methodisch und zielstrebig im Sinne der klassischen Kriminalliteratur wird die Lösung vorangetrieben.

Innes hat sich mit dem nebenberuflichen Krimiautor Professor Gott ein Alter ego erschaffen, dessen Diskussionen mit dem Inspektor die Ermittlungen reflektieren und neu fokussieren. Ein furioses Finale bringt alle Beteiligten zusammen und führt zur Lösung des Falles.

Das Nachwort von Volker Neuhaus weist darauf hin, daß Innes mit diesem Roman ein Referenzwerk der sogenannten donnish oder campus mysteries gelungen ist; die spezifische Atmosphäre mit der Intelligenz der Bewohner verbindend.

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Lucia di Lammermoor

Eine Oper, von der ich drei Studioaufnahmen und drei Livemitschnitte im Plattenregal stehen habe, von der ich fünf verschiedene Produktionen gesehen habe, deren Text und Partitur ich praktisch auswendig kenne – da ist jeder Theaterbesuch eine Herausforderung. Die Produktion an der Deutschen Oper Berlin habe ich seit 1995 bereits fünf Mal gesehen. Dreimal mit dem späten Alfredo Kraus (für den ich auch die anämische Lucia Alberti in Kauf genommen habe!) und einmal, 2004, mit Edith Gruberova, damals noch phänomenal bei Stimme.

Es ist die 131. Aufführung seit der Premiere am 15. Dezember 1980; Inszenierung, Bühne und Kostüme sind von Filippo Sanjust. Die Herren sehen aus wie „Die drei Musketiere“, nur mit Überwürfen in Schottenkaro, die Damen tragen viktorianische Ballkleider. Es gibt bemalte, zweidimensionale Kulissen und an der Rampe stehen Theaterlampen wie im 19. Jahrhundert.

Die Inszenierung hat längst Kultstatus erreicht und kann zudem mit einer recht stimmungsvollen Lichtregie punkten.

Heute singen unter der Leitung von Ivan Repušic:

  • Simone Piazzola (Enrico)
  • Pretty Yende (Lucia)
  • Joseph Calleja (Edgardo)
  • Matthew Newlin (Arturo)
  • Simon Lim (Raimondo)
  • Ronnita Miller (Alice)
  • Jörg Schöner (Normanno)
Foto: nw2015

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Pretty Yende ist koloratur- und höhensicher, sie verfügt über einen strahlenden Klang. Joseph Calleja ist kein galanter Kavalier im Sinne von Alfredo Kraus, sondern eher der  Typ feuriger Liebhaber, der sich seine Lucia im Liebesduett des ersten Aktes schon mal eng heranzieht. Es ist stimmlich kein Tenore di grazia, ohne aber gesanglich in den Al-Fresko-Stil Giuseppe di Stefanos zu verfallen.
Beide bieten im ersten Akt perfekten Duettgesang, sowohl hinsichtlich der Phrasierung als auch was die Dynamik betrifft. Simone Piazzola singt den Enrico kernig und mit sicherer Höhe; sein Porträt des Schurken bleibt allerdings etwas blaß. Auch das Duett mit Lucia vor dem Eintreffen des Bräutigams könnte nach meinem Dafürhalten feuriger ausfallen. Simon Lim singt den Priester angemessen und mit stimmlicher Autorität.

Der Chor singt sehr gut; das Orchester ist ebenfalls sehr motiviert. Repušic schlägt nicht, wie weiland Marcello Viotti, jede Nummer ab, sondern entwickelt eine Linie, die freilich vom dankbaren Publikum zu oft mit frenetischem Applaus unterbrochen wird.
Überhaupt das Publikum: Es wird gehustet wie auf dem Zauberberg!

Die Wahnsinnszene ist gut strukturiert, Yende ist mit ihrem Atem und der Höhe sicher; Sie harmoniert perfekt mit der Flöte, hat aber keine rechte Klangfarbe für den Schmerz, ihr Wahnsinn klingt eher nach Entrückung als echtem Leid. „Il Fantasma“ könnte auch einer Maus gelten, aber welche Sängerin gestaltet diesen Ausruf so wie Maria Callas.

Insgesamt war ich sehr angetan; von Routine keine Spur!

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1. Februar

Ich setze eine Reihe fort, die ich „Monatserster“ betitelt habe. Das Literarische Geburtstagsbuch aus dem Radius-Verlag, auf das an dieser Stelle gleichsam traditionell Bezug genommen wird, erinnert an interessante Menschen:

Geburtstagskinder am 1. Februar sind

  • Hugo von Hofmannsthal (1874)
  • Günter Eich (1907)
  • Muriel Spark (1918)

An einem 1. Februar sind gestorben

  • Ernst Troelsch (1923)
  • Piet Mondrian (1944)
  • Hildegard Knef (2002)

Als Opernliebhaber habe ich eine Passage aus einem Libretto ausgewählt, aus der Oper „Der Rosenkavalier“:

(Marschallin allein)
Da geht er hin, der aufgeblasene, schlechte Kerl,
und kriegt das hübsche, junge Ding und einen Binkel Geld dazu,
als müßt’s so sein.
Und bildet sich noch ein, daß er’s ist, der sich was vergibt.
Was erzürn‘ ich mich denn? ist doch der Lauf der Welt.
Kann noch auch an ein Mädel erinnern,
die frisch aus dem Kloster ist in den heiligen Ehestand kommandiert word’n.
(Nimmt den Handspiegel)
Wo ist die jetzt? Ja, such dir den Schnee vom vergangenen Jahr.
Das sag‘ ich so:
Aber wie kann das wirklich sein,
daß ich die kleine Resi war
und daß ich auch einmal die alte Frau sein werd! . .
Die alte Frau, die alte Marschallin!
»Siegst es, da geht’s, die alte Fürstin Resi!«
Wie kann denn das geschehen?
Wie macht denn das der liebe Gott?
Wo ich doch immer die gleiche bin.
Und wenn er’s schon so machen muß,
warum lasst er mich denn zuschau’n dabei,
mit gar so klarem Sinn? Warum versteckt er’s nicht vor mir?
Das alles ist geheim, so viel geheim.
Und man ist dazu da, daß man’s ertragt.
Und, in dem »Wie« da liegt der ganze Unterschied –

Der Rückblick auf den Januar 2015 ist von den Stichworten Rußland, IS, Charlie Hebdo, EZB, Pegida, Auschwitz geprägt. Am letzten Tag des Monats starb dann auch noch Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker im hohen Alter. „Er war ein Herr,“ würde meine Oma gesagt haben, um diesen Mann zu charakterisieren.

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