Der bei Weissbooks erschienene Roman von Vanessa F. Fogel ist zunächst einmal ein schön hergestelltes Buch in handlichem Format mit einem tiefschwarzen Einband und ansprechendem Umschlagfoto. Ein großes Bild der attraktiven Autorin ist dem rund dreihundert Seiten starken Text vorangestellt. Ihr zweites Buch entfaltet eine Familien- und Unternehmensgeschichte, für einen Buddenbrooksliebhaber wie mich also eigentlich genau das Richtige. Yankele Herzmann kann nachts nicht schlafen und erzählt seine Lebensgeschichte vor einer Videokamera und ein junger Freak lädt diese für ihn bei YouTube hoch. Auslöser ist ein handfester Familienkrach um die Fortführung der Firma, die der Lebensinhalt von Yankele und seiner Frau Dora gewesen ist. Soweit, so originell und mit einem Schuß Komik erzählt. Erzählstränge aus Berlin (natürlich vom Prenzlauer Berg) und Caracas gesellen sich unvermittelt und lange Zeit unverbunden dazu. Es geht dann viel um das Alter.
Vor Jahren, dachte ich bei mir, waren wir noch nicht von hellbraunen Altersflecken übersät. (S. 39)
Siehst du, Marc, es ist besser, älter zu sein. Dann weiß man mehr. (S. 109)
Jetzt bin ich alt, dachte ich mir. Auch wenn ich mich in vielen Momenten noch jung fühle. Jung, als könnte ich noch immer viel kontrollieren. Jung, als könnte ich noch immer viel bewegen. Aber auch diese Momente sind seltener geworden. Ganz besonders, seit Dora und ich nicht mehr Tennis spielen. Wer hätte gedacht, dass Spielen jung hält? (S. 117)
»Andere brauchen ein Leben lang, um weise zu werden,« sagte ich zu dem Verkäufer. »Und das Alter ist ein hoher Preis, der dafür gezahlt werden muß.« (S. 292)
Ein sehr alter Mann erinnert sich an seine Jugend und die Zeit nach dem Krieg, ein Mann erinnert sich an seine Jugend und ein Jugendlicher erinnert sich an seine Kindheit. Familienstrukturen und – bei den Jüngeren – auseinanderlaufende Lebenspfade sind wiederkehrende Muster, die den eher handlungsarmen Text ornamentieren. Ein älterer Bruder wurde in Venezuela vor langer Zeit getötet, ein anderer macht in Berlin dem jüngeren das Leben schwer. Das Buch ist insgesamt flüssig geschrieben, doch manchmal merkt man die Technik, so etwa wenn eine der erzählenden Figuren – Marc – immer wieder ein Puzzleteil in der Hosentasche anfaßt und die Berührung genießt oder ziemlich oft „Ich schwöre“ sagt. Bei dem jungen Mann handelt es sich um Yankeles Enkel, einen Sohn von Benjamin, der in Europa ein eigenes Geschäft aufgebaut hat und wegen seiner Geschäftsbeziehungen zu den Sowjets in den USA nicht wohlgelitten war. Er will wegen eines Puzzle-Wettbewerbs in die USA fliegen und seine Großeltern besuchen, aber die Eltern wollen es nicht erlauben. Auch die Waschrituale der alten Hertzmanns werden beharrlich wiederholt. Der alte Yankele ist, wie sich zunächst aus ein paar Andeutungen im letzten Drittel des Buches ergibt, der Bruder der alten Frau, die in Caracas im Koma liegt. Die Geschichte ist durchaus lebensklug erzählt, aber auf mich wirkt die Botschaft konstruiert. Ein paar schöne Szenen und gelungene Sätze wiegen den P r o d u k t charakter der Story nach meinem Dafürhalten nicht auf. Dann es gibt eine versöhnliche Wendung zum Schluß, die den Kitsch streift.


