Lucia di Lammermoor

Eine Oper, von der ich drei Studioaufnahmen und drei Livemitschnitte im Plattenregal stehen habe, von der ich fünf verschiedene Produktionen gesehen habe, deren Text und Partitur ich praktisch auswendig kenne – da ist jeder Theaterbesuch eine Herausforderung. Die Produktion an der Deutschen Oper Berlin habe ich seit 1995 bereits fünf Mal gesehen. Dreimal mit dem späten Alfredo Kraus (für den ich auch die anämische Lucia Alberti in Kauf genommen habe!) und einmal, 2004, mit Edith Gruberova, damals noch phänomenal bei Stimme.

Es ist die 131. Aufführung seit der Premiere am 15. Dezember 1980; Inszenierung, Bühne und Kostüme sind von Filippo Sanjust. Die Herren sehen aus wie „Die drei Musketiere“, nur mit Überwürfen in Schottenkaro, die Damen tragen viktorianische Ballkleider. Es gibt bemalte, zweidimensionale Kulissen und an der Rampe stehen Theaterlampen wie im 19. Jahrhundert.

Die Inszenierung hat längst Kultstatus erreicht und kann zudem mit einer recht stimmungsvollen Lichtregie punkten.

Heute singen unter der Leitung von Ivan Repušic:

  • Simone Piazzola (Enrico)
  • Pretty Yende (Lucia)
  • Joseph Calleja (Edgardo)
  • Matthew Newlin (Arturo)
  • Simon Lim (Raimondo)
  • Ronnita Miller (Alice)
  • Jörg Schöner (Normanno)
Foto: nw2015

Foto: nw2015

Pretty Yende ist koloratur- und höhensicher, sie verfügt über einen strahlenden Klang. Joseph Calleja ist kein galanter Kavalier im Sinne von Alfredo Kraus, sondern eher der  Typ feuriger Liebhaber, der sich seine Lucia im Liebesduett des ersten Aktes schon mal eng heranzieht. Es ist stimmlich kein Tenore di grazia, ohne aber gesanglich in den Al-Fresko-Stil Giuseppe di Stefanos zu verfallen.
Beide bieten im ersten Akt perfekten Duettgesang, sowohl hinsichtlich der Phrasierung als auch was die Dynamik betrifft. Simone Piazzola singt den Enrico kernig und mit sicherer Höhe; sein Porträt des Schurken bleibt allerdings etwas blaß. Auch das Duett mit Lucia vor dem Eintreffen des Bräutigams könnte nach meinem Dafürhalten feuriger ausfallen. Simon Lim singt den Priester angemessen und mit stimmlicher Autorität.

Der Chor singt sehr gut; das Orchester ist ebenfalls sehr motiviert. Repušic schlägt nicht, wie weiland Marcello Viotti, jede Nummer ab, sondern entwickelt eine Linie, die freilich vom dankbaren Publikum zu oft mit frenetischem Applaus unterbrochen wird.
Überhaupt das Publikum: Es wird gehustet wie auf dem Zauberberg!

Die Wahnsinnszene ist gut strukturiert, Yende ist mit ihrem Atem und der Höhe sicher; Sie harmoniert perfekt mit der Flöte, hat aber keine rechte Klangfarbe für den Schmerz, ihr Wahnsinn klingt eher nach Entrückung als echtem Leid. „Il Fantasma“ könnte auch einer Maus gelten, aber welche Sängerin gestaltet diesen Ausruf so wie Maria Callas.

Insgesamt war ich sehr angetan; von Routine keine Spur!

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