Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Das Buch erschien erstmals 1974, es ist ein politisches Pamphlet gegen die Bildzeitung. Heinrich Böll (1917-1985), der 1972 den Literaturnobelpreis nach dem Erscheinen des Romans »Gruppenbild mit Dame« für sein Gesamtwerk erhalten hatte, kann politisch klar verortet werden. Er engagierte sich zunächst für die SPD und unterstütze später – wohl auch aus Enttäuschung – die Grünen.

»Die verlorene Ehre der Katharina Blum« steht in indirektem Bezug zum Terrorismus der „Rote Armee Fraktion“ und den durch hervorgerufenen Reaktionen.

Heinrich Böll, Die verlorene Ehre der Katharina Blum | Foto: nw2019 #Literatur

Heinrich Böll, Die verlorene Ehre der Katharina Blum | Foto: nw2019

Inhalt

Ein junger Mann wird des Bankraubs und damit der Unterstützung der Untergrundaktivitäten verdächtigt. Er steht deshalb unter polizeilicher Beobachtung; zufällig kommt er mit Katharina Blum in Kontakt, die ihm spontan und in Unkenntnis der genauen Umstände eine Unterschlupfmöglichkeit gewährt. Solcherart selbst der Unterstützungstätigkeit verdächtig, gerät sie ins Visier der Behörden und damit auch ins Fadenkreuz der sensationsgetriebenen Berichterstattung der Bildzeitung – die hier stets als die ZEITUNG bezeichnet wird. Am Ende der hieraus resultierenden Belastungen und Verwerfungen erschießt sie den verantwortlichen Journalisten.

Der Bezug zur Realität liegt im generellen Klima der damaligen politischen Diskussion:

Böll sah sich seit seiner kritischen Stellungnahme „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“, die 1972 im »Spiegel« erschienen war, selbst als Opfer einer Rufmord- und Hetzkampagne, die ihn als Sympathisanten des Terrorismus der Rote Armee Fraktion (RAF) begriff. Das Buch ist eine Reaktion auf die Berichterstattung der BILD-Zeitung und auf die damalige Gewaltdebatte. Peter Büchner, ein Psychologieprofessor aus Hannover, hatte Ulrike Meinhof einmal über Nacht beherbergt und war daraufhin vergleichbaren Kampagnen der BILD-Zeitung ausgesetzt.

Struktur und Stil

Das 130 Seiten starke Taschenbuch ist in 58 numerierte Abschnitte unterteilt, die meist zwei bis drei Seiten umfassen, nicht über zehn Seiten hinausgehen und manchmal keine halbe Seite lang sind. 

In lakonischem Stil wird aus den Akten und aus der Bildzeitung referiert, Nüchternheit und Ironie gehen oft bruchlos ineinander über. Gelegentlich finden sich gleichsam beiseite geschriebene Einschübe, die den Leser adressieren.

Der Appell an Anstand und Humanität wirkt nach wie vor stark, obwohl – oder vielleicht gerade, weil – er ohne zur Schau gestellte moralische Überlegenheit daherkommt. 

Rezeption

Von den Zeitgenossen wurde das Buch zwiespältig aufgenommen. In einer politisch klar geteilten Bundesrepublik, in der Böll vor überzogenen Reaktionen gegen die Terroristen gewarnt hatte – was ihm und anderen in der aufgeheizten Stimmung als Unterstützung ausgelegt wurde – und nach seiner Unterstützung für Willy Brandt im Bundestagswahlkampf 1972 ohnehin als linker Intellektueller wahrgenommen wurde, gab es nur ein dafür oder dagegen.

Böll war seinerseits nicht zimperlich, was die Kritik an der Bundesrepublik anging. So sagte er 1966 zur Eröffnung des neuen Schauspielhauses in Wuppertal:

Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt. Schweigen wir also vom Staat, bis er sich wieder blicken läßt. In diesem Augenblick von ihm zu sprechen, wäre Leichenfledderei oder Nekrophilie – zu beidem bin ich nicht veranlagt.

Umgekehrt beklagte er sich dann, im Hetzklima der Gegenwart als Intellektueller nicht arbeiten zu können.

Das Buch schaffte es schnell in den Kanon der Schullektüren und insgesamt wurden bis heute weit mehr als 2,5 Millionen Exemplare verkauft.

Bereits im Jahre 1975 kam eine Verfilmung unter der Regie von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotha in die Kinos.

Das Buch diente auch als Vorlage für eine Oper. Der Komponist Tilo Medek schrieb die Musik zu einem von seiner Ehefrau Dorothea verfaßten Libretto; die 1984-1986 entstandene Oper Katharina Blum. Oper in fünf Tagen und einem Nachspiel wurde im Jahre 1991 am Theater Bielefeld uraufgeführt.

Fazit

Die Bedeutung des Buches als Schullektüre ist zurückgegangen, in Zeiten von Facebook und Fake News wirkt der Meinungskampf der mittleren Bonner Republik trotz der Härte beinahe beschaulich, jedenfalls anachronistisch.

Das Buch ist ein Zeitstück, es bietet Einblicke in die Zeit des Aufschwungs und sich verbreiternden Wohlstands. Und auch dreißig Jahre nach dem Krieg sind in der Erzählung dessen Aus- und Nachwirkungen immer noch spürbar.

 

Und hier geht es zu dem YouTube-Video, das ich über »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« gemacht habe.

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Eine Antwort zu Die verlorene Ehre der Katharina Blum

  1. Susanne schreibt:

    Ich musste das Buch ebenfalls als Schullektüre lesen und es hat mich damals sehr berwegt. Es kam nicht oft vor, dass die vorgeschriebene Lektüre uns damals Jugendlichen so angerührt hat wie die „Verlorene Ehre der Katharina Blum“ und, das war das andere positive Beispiel, „Der Richter und sein Henker“ von Dürrenmatt. Damals hat die verlorene Ehre einen Nerv getroffen, ich kann mich gut erinnern, wie ich mit Kathatina Blum mitgelitten habe.

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