Obama: der erste schwarze Präsident

Die Errungenschaften, die Verwerfungen und der Preis einer schwarzen Präsidentschaft sind die Themen des Buches von Ta-Nehisi Coates: We were eight years in power. Eine amerikanische Tragödie, 2017 (dt. 2018, aus dem Englischen von Britt Somann-Jung). Coates zeichnet ein nach wie vor uneiniges Land, gespalten in Schwarz und Weiß.

Ta-Nehisi Coates, We were eight years in power | Foto: nw2019

Ta-Nehisi Coates, We were eight years in power | Foto: nw2019

Für jedes der acht Jahre von Obamas Amtszeit bietet der Band einen Essay des Autors, der während dieser Zeit im Magazin »The Atlantic« erschienen ist, ergänzt um jeweils eine erläuternde und einordnende politisch-historische Betrachtung, die auch persönliche, biographische Elemente enthält. Wo nötig, ergänzt und korrigiert Coates hier auch das, was er in den früher veröffentlichten Essays geschrieben hatte.

Pathos, Wut, Verzweiflung und das stetige Ringen um Würde – in diesem Kraftfeld bewegt sich das Buch. Coates klagt jahrhundertealtes, ungesühntes und oft geleugnetes Unrecht an. Er weist Unterstellungen zurück und rückt Fehleinschätzungen zurecht. Für mich als weißen Europäer ist die Perspektive fremd und ungewohnt, aber auch sehr lehrreich.

Im Februar 2007 ist der Autor 31 Jahre alt und befindet sich nach mehrfacher Arbeitslosigkeit in einer Abwärtsspirale. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung stagniert. Barack Obama wird Kandidat für das Amt des US-Präsidenten. Coates spürt, daß etwas Neues anbricht, und er macht sich als Autor auf die Suche danach. Das Buch handelt von dieser Suche, von dem Neuen, aber auch von sehr viel Altem, das Coates auf seiner Suche herausfindet.

Am Ende steht die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Die acht Jahre sind vorbei.

Hauptthemen und Kernaussagen

Bill Cosby plädierte für starke Familien und Gemeinden, für ein verantwortungsvolles Leben der schwarzen Männer, um stark gegenüber dem Rassismus zu sein, und einen respektierten Platz in der Gesellschaft zu erlangen. Damit setzte sich der erste Essay von Coates auseinander. Cosbys Pound-Cake-Rede des Jahres 2004 und die Kritik daran, die der ebenfalls schwarze Soziologieprofessor Michael Eric Dyson äußerte, wurden von Coates – und das ist eine Herangehensweise, die sich durch das gesamte Buch zieht – in eine Tradition von Auseinandersetzungen gestellt. Die USA haben schon immer mit dem Rassismus gerungen, er steht an der Wiege ihrer Staatswerdung, er begleitet die Demokratie von Anfang an, es ist alles schon einmal gesagt worden. Das ist einerseits lehrreich und informativ, als Stilmittel aber auch etwas ermüdend.

Im Sommer 2008 war Barack Obama zum demokratischen Kandidaten für die US-Präsidentschaft geworden und Coates erhielt den Auftrag, ein Porträt über Michelle Obama zu schreiben. »American Girl« entstand.

So war das damals, im Herbst 2008. So fühlte es sich an schwarz zu sein und zum ersten Mal im Leben stolz zu sein auf sein Land. Alles war verheißungsvoll. Alles war im Aufschwung. Alles war ein Traum. (S. 62)

Selbst- und Fremdwahrnehmung, Wahrnehmung innerhalb der eigenen Gruppe oder über die Gruppengrenzen hinweg – dies ist einer der roten Fäden, der sich durch diese Buch zieht. Und auch diesen Faden knotet Coates immer wieder im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert fest.

Coates hielt Michelle Obama zunächst für weiß, dann für schwarz. Manchmal hoffte er, sie einfach als Amerikanerin sehen zu können, aber irgendwie fürchtete er sich auch davor.

Einer der zentralen Texte des Buches ist der im Jahre 2012 erschienene Essay »Angst vor einem schwarzen Präsidenten«. Obama, der „seine Präsidentschaft als ein Monument der Mäßigung errichtet“ hat, hatte sich zur Rassenfrage während der ersten drei Jahre meist zurückhaltend geäußert. Nach der Ermordung des Teenagers Trayvon Martin sagte der Präsident: „Wenn ich einen Sohn hätte, sähe er aus wie Trayvon.“ (S. 145)

In der Folge wurde, so Coates, der weiße Schütze zum eigentlichen Opfer. Obama hatte sich positioniert, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hatte sich die Sache des schwarzen Opfers zu eigen gemacht. Als auch schwarzer Mann hatte er Präsident werden können, als dezidiert Schwarzer entflammte er den wütenden Widerstand des weißen Amerikas. In einem historischen Exkurs zeigt Coates auf, wie die Rechte aus der Staatsbürgerschaft mit dem Weißsein verknüpft wurde, wie Bevorzugung der Weißen zur DNA der USA gehört.

Zwar konnte Obama die Wahl gewinnen und damit einen Sieg für die schwarze Sache erringen, aber nicht den Rassismus besiegen, so Coates (S. 156). Dieser habe sich im Gegenteil sogar noch verschärft. Coates beklagt das defensive Vorgehen des Präsidenten, der es solcherart versäume, „offen über Amerikas elendes Geburtsmal zu sprechen“ (S. 161).

Wichtig und sehr bedrückend ist sodann der Essay »Plädoyer für Reparationen« aus dem Jahr 2014, somit aus dem zweiten Term. Hier geht es um eine grundsätzliche Abrechnung mit dem Rassismus, um die gewaltigen Verletzungen und Schädigungen an den Schwarzen in den USA. Weit in die Geschichte zurückgreifend, legt Coates Mechanismen der Ausbeutung, der Diskriminierung und des Niederhaltens offen, indem er zeigt, wie zunächst Sklavenarbeit und später das Unmöglichmachen von Eigentumserwerb Abhängigkeiten schaffen und ausnutzen. Für das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts führt Coates einzelne Beispiele dafür an, daß freigelassenen Sklaven Reparationen aus moralischen und religiösen Gründen gewährt wurden. Dies setzte sich aber nicht durch. Regulatorische und gesetzgeberische Maßnahmen sorgten – und sorgen bis in die Gegenwart – vielmehr dafür, daß sich die wirtschaftliche Lage schwarzer Amerikaner nicht verbesserte.

Mit über sechzig Druckseiten ist »Die schwarze Familie im Zeitalter der Masseninhaftierung« der längste Essay in diesem Band; der Abschlußessay »Mein Präsident war schwarz« ist mit knapp 50 Druckseiten ebenfalls gewichtig.

Der erste dieser beiden Texte verfährt nach dem bekannten Muster und knüpft an Vergangenes an, konkret an einen Regierungsbericht aus dem Jahre 1965 über die Lage der schwarzen Familie und der auf sie einwirkenden Gefährdungsfaktoren. Vor diesem Hintergrund analysiert Coates die stetig ansteigenden Inhaftierungsraten, die den Vereinigten Staaten einen traurigen Spitzenplatz sichern – weit vor Rußland oder China. Er geht – unter Rückgriff auf jüngere Forschungsliteratur – deren Auswirkungen auf die schwarze Familie nach und vergleicht das mit den älteren Prognosen. Er beschreibt Fehlannahmen und irreführende Aussagen, die die Inhaftierungsraten unter schwarzen Männern immer weiter haben ansteigen lassen.

Das war eine in den Strafvollzug verlagerte Wohlfahrtspolitik vom Feinsten (S. 296)

Einen einfachen Ausweg aus dem Inhaftierungswahn der USA gibt es nicht, so viel steht nach der Lektüre dieses Textes fest.

Schließlich geht die Präsidentschaft Obamas zu Ende; Coates beschreibt ein Gespräch mit dem Präsidenten und ein Abschiedsfest im Weißen Haus.

Als der Schauspiele Jesse Williams die Bühne betrat, sichtlich ergriffen von der schwarzen Vortrefflichkeit, der Üppigkeit vor seinen Augen, nur wenige Schritte entfernt von Orten, an denen einst Sklaven geschuftet hatten, sagte er nur: »Seht euch das an, wo wir stehen. Seht euch an, wo wir in diesem Augenblick stehen.«

Es würde nicht wieder passieren, und alle wussten es. Es war nicht nur so, dass es vielleicht nie wieder einen afroamerikanischen Präsidenten der USA geben würde. (S. 335)

Coates blickt zurück und ist insgesamt enttäuscht, ein schwarzer Präsident hätte seiner Ansicht nach anderes tun und sagen müssen, aber dann – so räumt er ein – wäre er niemals Präsident geworden. Diese Erkenntnis variiert Coates nun mehrmals und bleibt damit seinem ermüdenden Stil treu.

Analytisch stärker gerät dann der Epilog über den 45. Präsidenten der USA, für Coates „Amerikas erster weißer Präsident“ (S. 388).

 

Stil

In den hinzugefügten Betrachtungen schreibt Coates sehr viel über sich.

Aber die Freue am erkundenden Schreiben lag auch in der Freiheit, über die Gegenwart hinaus zu denken und Ideen in Betracht zu ziehen, die rundheraus als verrückt abgetan würden. Und wenn ich auch selbst mitsamt meinen Ideen abgetan würde. (S. 178)

Der Preis einer schwarzen Präsidentschaft fesselte mich und wurde zur zentralen Frage des Essays »Angst vor einem schwarzen Präsidenten«. Was mir vom Prozess des Schreibens am stärksten in Erinnerung ist, ist das Gefühl, nach 15 Jahren Übung zum ersten Mal Kontrolle über die Form zu gewinnen. In all diesen Jahren hatte ich versucht, meine Einflüsse zu vermischen – Dichtung, HipHop, Geschichte, persönliche Erinnerungen, Reportage – und etwas Originelles und Schönes zu erschaffen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass es mir gelungen war und dass ich zudem verstand, wie und warum. (S. 139)

Sein Leben, seine Situation, sein Fühlen, sein Schreiben – das hatte ich nicht erwartet, jedenfalls nicht in dieser Ausführlichkeit – und so furchtbar interessant ist das nun auch nicht. Wenn man als Mitglied einer Gruppe über die Gruppe schreibt, dann schreibt man stets auch über sich – das läßt sich nicht vermeiden. Doch Coates übertreibt das für meinen Geschmack etwas.

Die Essays selbst enthalten die vorgenannten Elemente – Dichtung, HipHop, Geschichte, persönliche Erinnerungen, Reportage – und sind stets sowohl kämpferisch als auch resignativ. Die Texte liefern viele Details, sie bringen bei mir als Leser große Wissenslücken zum Vorschein, sie verändern das Bild von den Vereinigten Staaten.

Freilich neigt Coates zu Wiederholungen, vor allem innerhalb der Essays, aber auch zwischen den Texten.

 

Fazit

Man kann der Frage nicht entkommen, indem man die Vergangenheit durchwinkt und die Taten der Vorfahren leugnet oder indem man darauf verweist, die eigenen Vorfahren seien erst vor kürzerer Zeit eingewandert. […] Eine Nation überdauert ihre Generationen. (S. 207)

Ein starker Satz, eine wichtige Aussage. Das Buch enthält einige solcher Schlüsselpassagen, birgt wichtige Erkenntnisse. Es ist gerade deswegen auch für mich als Deutschen, mit unserer historischen Schuld, ein lesenswertes Buch.

Auf der anderen Seite hatte ich eine andere politische Analyse erwartet, die vielleicht ebenso interessant, aber mit Sicherheit weniger lehrreich gewesen wäre.

Abgesehen von dem gelegentlich eitel-autobiographischen Element, das sich mitunter recht beharrlich in den Vordergrund schiebt, handelt es sich um ein oft gut geschriebenes und interessant konzipiertes Buch, das lohnende Einblicke in die Geschichte und Gegenwart der USA vermittelt. Aus meiner Sicht hätte es aber deutlich kürzer ausfallen können.

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