Aufklärung (I): Das europäische Projekt

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Nachdenken und Wissen: die Aufklärung Foto: nw2017

Manfred Geier, Aufklärung. Das europäische Projekt, 2011 (Tb. 2013), 372 Seiten plus 42 Seiten Apparat. Seine „kompakte Geschichte des aufgeklärten Denkens“ (Klappentext) stellt in sieben Kapiteln Stationen und Köpfe der europäischen Aufklärung dar. In lebendiger Sprache zeichnet er die Lebensumstände der behandelten Denker nach und erläutert die Kernaussagen ihrer Philosophie.

John Locke und sein Schüler Anthony Ashley-Cooper, der dritte Earl von Shaftesbury (1671-1713), stehen am Anfang des Buches. 1666 hatte Locke dessen Großvater kennengelernt, ein Jahr darauf seine erste Toleranzschrift verfaßt und hatte an seiner Seite über Regierung und Menschenrechte theoretisiert sowie als Erzieher des Jungen gewirkt. 1679 erreichte Shaftesbury die Habeas-corpus-Akte, fiel aber später in Ungnade und ging 1683 nach Holland ins Exil, wo er kurz danach verstarb. Locke, ihm politisch eng verbunden, folgte kurz darauf und kehrte 1689 zurück, als Prinz Wilhelm von Oranien die Deklaration on the Rights of Parliaments (Bill of Rights) verkündet. England wird zur konstitutionellen Monarchie und Lockes Werke  – neben den Toleranzschriften und den „Two Treatises of Government“ auch der erkenntnistheoretische „Essay concerning Human Understanding“ – erscheinen im Druck.

Im 17. Jahrhundert, der Frühphase der Aufklärung, nimmt die sogenannte Frühe Neuzeit – außerdem geprägt durch Renaissance und Reformation, den Aufstieg des Kapitalismus und die Entdeckung Amerikas – bereits deutlich Kurs auf das anschließende Zeitalter der Moderne. Deren Fundamente werden gelegt, und der Beitrag John Lockes ist kein geringer. Eine Regierung muß durch die Zustimmung der Regierten legitimiert sein und deren Grundrechte, zuvörderst Leben, Freiheit und Eigentum, schützen.

Shaftesbury – seit 1699 der dritte Earl – nimmt zeitweilig politische Ämter wahr, zieht sich aus gesundheitlichen Gründen aber zurück und widmet sich den Studien der klassischen Autoren, setzt sich aber auch intensiv mit John Locke und Thomas Hobbes auseinander. Er argumentiert einerseits moralphilosophisch für die Ausbildung eines ausgeglichenen Charakters und bedient sich andererseits gerne des Humors: Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit enttarnt er durch Lächerlichkeit.

Als europäisches Projekt begann die Aufklärung in England. John Locke war ihr originellster und einflussreichster Initiator. Als der Mann, der zu Shaftesbury [dem Älteren] gehörte, hat er ab 1667 angefangen, sich seine eigenen Gedanken über religiöse Toleranz, die Grundlage des menschlichen Verstandes und die Legitimation politischer Macht zu machen. Die Glorreiche Revolution von 1688 hat seine Ideen populär werden lassen. Von ihnen gingen die wichtigsten Impulse einer politischen und philosophischen Entwicklung aus, die das 18. Jahrhundert zu einem europäischen Zeitalter der Aufklärung werden ließen.

Dabei spielte nach England zunächst Frankreich die wichtigste Rolle. Den Wendepunkt bildete 1715 der Tod Ludwigs XIV., dessen absolutistischer Glanz und Stolz zuvor die englische Kultur überschattete. Doch nun war der Weg frei geworden für einen intensiven Geistesverkehr zwischen Frankreich und England, der für die sozialen und politischen Schicksale der europäischen Nationen ebenso wichtig wurde wie für das Denken der Moderne. (S. 93)

Das solchermaßen eingeleitete Kapitel beschäftigt sich mit Voltaire, Rousseau und Diderot und skizziert deren wesentliche Ansätze.

Das freie Denken der Engländer radikalisiert sich in Frankreich auf zweifache Weise: es wird explizit gottlos und politisch kühn. Die systematische Gedankenführung führt zur Kritik an den bestehenden und unter der langen Herrschaft Ludwig XIV. verkrustenden staatlichen und kirchlich-gesellschaftlichen Verhältnissen.

Der Staat hatte sich gewandelt; er wurde korrupt: aber nur, weil er absolutistisch blieb. Das absolutistische System, die Ausgangssituation der bürgerlichen Aufklärung, blieb erhalten bis zum Ausbruch der Revolution: es bildet die eine Konstante unserer Untersuchung. An ihr wird sukzessiv und in verschiedenen Beispielen die politische Entfaltung der Aufklärung gemessen. Die Aufklärung entwickelte ein Eigengefälle, das schließlich zu den politischen Bedingungen selber gehörte. Der Absolutismus bedingt die Genese der Aufklärung; die Aufklärung bedingt die Genese der Französischen Revolution. (Reinhart Koselleck, Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, 1959, Diss. Heidelberg 1954, Taschenbuchausgabe 1973, S. 4f.)

Die «Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, par une Societé de Gens de lettres» ist ein Leuchtturmprojekt der Aufklärung. Am 1. Juli 1751 wird der erste Band ausgeliefert, dessen von Jean-Baptiste d’Alembert verfaßter «Discours préliminaire» als wissenschafts- und erkenntnistheoretische Grundlegung des Gesamtprojekts gilt und folgerichtig Religion und Theologie die bisherige Deutungshoheit abspricht. Künftig sollte der erkennende Mensch im Mittelpunkt stehen und mit seinem eigenen Verstand die Welt verstehen und erklären. Vom Vertragsschluß am 16. Oktober 1747 sollte es bis 1772 dauern, daß der letzte Band der «Encyclopédie» ausgeliefert wurde. Sie umfaßt 72998 Artikel und 2885 Bildtafeln, verteilt auf siebzehn Text- und elf Tafelbände. Wirtschaftlich ein Erfolg für die Verleger, war das Werk politisch hochumstritten. Der französische König verbot das Werk, der Papst setzte es auf den Index, doch die Enzyklopädisten schrieben heimlich weiter und veröffentlichten trotzdem. Anti-religiöse und vor allem anti-klerikale Veröffentlichungen lagen zu dieser Zeit im Trend. Die Welt war auch hundert Jahre nach Molière noch voller Tartuffes. Erst die französische Revolution sollte die Vormacht des ersten und zweiten Standes – zumindest zeitweilig – brechen.

Der nachfolgende Abschnitt befaßt sich mit Moses Mendelssohn und damit mit einem Thema, das die gesamte Moderne in ungeahnter Weise beschäftigen und tief in den Abgrund blicken lassen wird: den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit der jüdischen Minderheit. Fortschreitende Judenemanzipation, kontinuierlicher Assimilationsdruck, gesellschaftliche Schranken prägen vor allem das 19. Jahrhundert. Rassetheorien, am Ende der Jahrhunderts Höhepunkte der Wissenschaftlichkeit, treffen auf tiefgrundierte antisemitische Vorurteile und werden im kolonialen Weltbild verfestigt.

Denken und Wirken Mendelssohns hatten dem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts  eigentlich entgegenwirken wollen. Der wißbegierige Außenseiter hatte sich dem Zwiespalt von Religiosität und Vernunft ausgesetzt und durch ungebremste Lektüre Antworten zu finden gesucht. Im Austausch mit Lessing und Friedrich Nicolai entfaltete Mendelssohn eine große Wirkung. Einfühlsam schildert Geier den Lebensweg und Lernpfad Mendelssohns, der es, obschon als gesellschaftlicher Außenseiter gestartet, zu hohem, internationalem Ansehen bringt. 1770 sieht er sich einem von Johann Caspar Lavater eingeleiteten Disput ausgesetzt; Lavater will ihn zum Christentum bekehren, die beiden wechseln öffentlich Schriften, andere Autoren schließen sich an, Mendelssohn – der an seinem Glauben festhält – erleidet eine Krisis, an deren Ende eine neues Selbstverständnis steht. Er begreift sich nun als Repräsentant des Judentums und übersetzt zunächst Schriften aus dem Hebräischen ins Deutsche, dann den Pentateuch. Schließlich äußert er sich auch zu Fragen der Judenemanzipation. Im aufgeklärten Absolutismus Preußens und Österreichs wird zwar die Religionsfreiheit anerkannt, doch die Diskriminierung bleibt und wird, wenn in der Französischen Revolution der Nationalismus erwacht, stärker werden. In den von Revolutionen verunsicherten europäischen Gesellschaften hatten es Liberale mit ihren Themen Freiheit und Gleichberechtigung in einem restaurativen Umfeld schwer, besonders in Deutschland.

Um die Aktualität von Philosophie und Aufklärung zu zeigen, steigt Geier in das Kapitel über Immanuel Kant mit den Anschlägen vom 11. September 2001 ein, in deren Folge sich ein Disput über Aufklärung entsponnen hatte. Derrida und Habermas, Präsident George W. Bush, Robert Kagan (Mars und Venus), Peter Sloterdijk, Ralf Dahrendorf und Timothy Garton Ash, Volker Gerhardt und andere werden als Teilnehmer einer mehrere Jahre währenden Debatte benannt.

Geier stellt Kant vor allem als Leser vor, der sich mit den wichtigsten Schriften des 18 Jahrhunderts auseinandersetzte und an ihnen seinen Verstand entzündete. Auf der Grundlage dieser ausführlichen Lektüre entwickelt Kant dann, in der zweiten Lebenshälfte, seine großen Hauptwerke, die Kritiken. Über den brieflichen Kontakt mit seinem ehemaligen Studenten Marcus Hertz und den Salon von dessen Frau Henriette gelangen Proben der Kant’schen Überlegungen in den Kreis der Berliner Aufklärung, wo sie begierig aufgenommen werden. 1781 erscheint die »Kritik der reinen Vernunft« – und wird irritiert zur Kenntnis genommen, aber kaum verstanden. Über die 1783 gegründete Mittwochsgesellschaft und deren Berlinische Monatsschrift nimmt Kant dann an den Debatten der deutschen Aufklärung teil. Doch schon mit der 1785 erscheinenden »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« stößt er wieder auf Unverständnis. Mit religionskritischen Schriften ruft er das Mißfallen des neuen preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. hervor. Die späten Schriften schließlich werden, so Geier, erst im ausgehenden 20. Jahrhundert umfassend gewürdigt, läßt sich doch der international verflochtene Verfassungsstaat auf sie zurückführen. Geier knüpft dann wieder an die Diskussionen zu Beginn des 21. Jahrhunderts an, die er als neue Chance für den wahren Kant verstanden wissen möchte.

Betrachtungen zu Karl Popper, vor allem zu seinem Hauptwerk »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde«,  und zu Hannah Arendt und u.a. ihrem Buch »Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen« beschließen den Abschnitt über Kant. Es folgen kurze Kapitel zu Olympe de Gouges und Wilhelm von Humboldt.

Ich habe das informative und zum Weiterdenken und -lesen anregende Buch Geiers gerne studiert und kann es nur empfehlen.

 

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4 Antworten zu Aufklärung (I): Das europäische Projekt

  1. de Chareli schreibt:

    Kompakt und informativ – das liest man gern. Kommt auf die To-Buy-Liste. Im Blog war der Druckteufel unterwegs: Karl Popper heißt der Autor der „Offenen Gesellschaft“. 😄

  2. Pingback: Hermann Kesten, Dichter im Café | notizhefte

  3. dj7o9 schreibt:

    Das Buch fand ich ebenfalls äußerst anregend. War Teil meiner Hirngymnastik Philosophie:
    https://bingereader.org/2016/07/30/hirngymnastik-part-i-philosophie/
    Liebe Grüße 🙂

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