Blom, Die zerrissenen Jahre

Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre. 1918-1938, 2014

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Foto: Verlagswebseite

Stilistisch und methodisch knüpft der Autor an das vorher von mir gelesene Buch von ihm über die Zeit vor dem Krieg an: Auch dieses ist temporeich und in klarer Sprache geschrieben. Inhaltlich es es durchaus voraussetzungsreich, überzeugt dabei durch klare Thesen. Das Erspüren des „Zeitgefühls“ wird in den jahresweise organisierten Kapiteln jeweils an einem Ereignis, einem Ort beziehungsweise einer Person festgemacht.

Blom unterstreicht, daß der Krieg keine Epochenscheide darstelle, sondern daß die Geschehnisse der Zwischenkriegszeit an Entwicklungen anknüpften, die es bereits seit der Jahrhundertwende gegen habe: etwa Massengesellschaft, beschleunigte Modernisierung, Ästhetik, die Verbindung von Wissenschaft und Ideologie. Befreit von den gesellschaftlichen fesseln der Kaiserzeit bietetsich die Großstadt nun endgültig als das ungeschützte Labor der Moderne dar.

Engumschlungenes Tanzen ist vielleicht die beste Immunisierung gegen Ideologie. (S. 25)

Wie Gerwarth beurteilt Blom die Zwischenkriegszeit als äußerst unfriedliche Epoche (S. 26); dies soll auch in dem Panorama deutlich werden, aus dem „das Gesamtbild der gefühlten Zeit“ gewonnen werden soll. Dabei geht es ihm um Selbstgefühl und Weltsicht der Zeitgenossen, die in diesen mentalen und realen Konfliktlandschaften lebten. All dies soll sich in dem Buch zu einem Geschichtenmosaik fügen.

Nur einige Punkte sollen zur Illustration seiner Vorgehensweise erwähnt werden:

Als im Jahr 1927 der Justizpalast in Wien brennt, gerät dies zum Fanal für die österreichische Republik – der Reichstagsbrand in Berlin sechs Jahre später ist nur ein willkommener Vorwand für die Nazis, um durchzugreifen.

Berlin symbolisiert im Jahre 1930 Wertewandel und -verfall, skandalträchtige Sexualität ist ein großes Thema, personifiziert etwa in der Figur von Anita Berber (porträtiert von Otto Dix), die in diesem Jahr auf den noch engelsschönen Klaus Mann trifft. Die Eulenburg-Affäre ist zwar schon lange her, aber Homosexualität ist nach wie vor ein riskantes Thema – auch wenn die Reichshauptstadt zahlreiche Möglichkeiten zu ihrer Ausübung bereithält und deshalb auch Ausländer wie W.H. Auden und Christopher Isherwood anzieht. Das aufklärerische Wirken von Magnus Hirschfeld werden die Nazis rasch beenden.

Das Kapitel über das Jahr 1933 ist dem Exodus der Intellektuellen gewidmet – sofern ihnen Ausreise und Flucht noch gelingen. Erwähnt werden aber auch diejenigen, die bleiben: Richard Strauss etwa, eine menschlich ambivalente Figur von politischer Naivität.

Wie entwickelte sich der Faschismus in England? Welche Krisen mußten die USA vor Kriegsausbruch durchmachen? Wohin konnte man fliehen – und wie erging es einem dort? Welche Möglichkeiten gab es im Kulturbetrieb? Blom präsentiert die Besetzungliste des Films Casablanca als Dokument der Emigration (S. 431ff.). Was tat man in Palästina? Arbeitete man der sozialistischen Vision einer neuen Welt mit oder etablierte man einen heimwehdurchtränkten Ort in der orientalischen Fremde (S. 434ff.)?

Ausgehend von den Olympischen Spielen 1936 nutzt Blom den Körperkult zu einer Erörterung der Ideologien, die – seit Rousseau – die Erschaffung eines „neuen Menschen“ (S. 445) zum Gegenstand haben. Hegel, Marx, Nietzsche und Darwin liefern Grundideen und Versatzstücke für den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts, wie dieses Kapitel herausarbeitet.

Der Umgang mit Sexualität wird bei aller Wichtigkeit (Fortpflanzung!) schwierig. Einerseits ruft die sogenannte Rassehygiene zur Zügelung auf, andererseits wird der individuelle Leib dem Volkskörper untergeordnet. Die Kunst greift dies auf, sowohl in den klassischen Formen von Malerei und Skulptur, als auch im modernen Medium Film (Leni Riefenstahl).

Mein Fazit:

Es gelingt Blom auch mit diesem Buch, die betrachtete Epoche vor dem geistigen Auge lebendig werden zu lassen. Jedenfalls stellen sich bei mir ausreichend Verknüpfungen mit bereits vorhandenen Kenntnissen ein, die das Ganze zu einem äußerst lebendigen Panorama werden lassen. Positiv fand ich, daß der spanische Bürgerkrieg ebenso mitverhandelt wird wie die englische Industrie- und Innenpolitik oder die wirtschaftliche Situation in Teilen der USA nach einer dürrebedingten Binnenwanderung. Damit wird die oft dominant zentraleuropäische Perspektive gewinnbringend erweitert; es werden Ähnlichkeiten und Unterschiede der Entwicklungspfade deutlich.

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