Wolkengucker

Lea Singer, Anatomie der Wolken, Hoffmann und Campe 2015 (Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg)

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Foto: nw2015

Zunächst war ich enttäuscht: „Schlecht!“ lautet das erste Notat, und der angestrichene, das Verdikt begründende Satz gefällt mir noch immer nicht.

In diesem Dezember 1809 hungerte Goethe weder nach Leberpastete noch nach gefüllter Gans, nur nach Zukunft, Verstandenwerden und Liebe. (S. 6)

Das schien mir eine Nähkästchentendenz anzudeuten, klang nach Gefühligkeit und vertaner Lesezeit. Weiterlesen auf Probe, mit wachen Sinnen zwar, um nichts Gutes zu verpassen, aber doch auch absprungbereit. Keine zwei Seiten später war an Absprung nicht mehr zu denken, mit Humor, einem guten, interessant durchgeführten Thema und einer von nun bis zum Ende (fast) durchgängig überzeugenden Sprache hatte mich das Buch gefesselt.

Die Schopenhauer säuerte die süßen Tage. (S. 125)

Hier jauchzt der Freund von »Lotte in Weimar«.

Ja, es geht in diesem Buch um Wolken, aber vor allem um Alt und Jung, um Mann und Frau, Vergangenheit und Zukunft, Klassik und Romantik, Dauern und Vergessen.

Der alternde Goethe ist gefangen im Denkmal seiner selbst, innovative Texte wie »Die Wahlverwandtschaften« stoßen auf Unverständnis, die »Farbenlehre« wird als Dilettieren abgetan. Sein dichterisches Vermögen stumpft vermeintlich ab, kann sich an regelmäßig bestellten und pünktlich gelieferten Huldigungsversen nicht länger entzünden. Der Gesichtskreis wird enger und ist mit den immergleichen Personen bevölkert. Belebung verschaffen da nur junge Frauen und – da das Reisen inzwischen als zu unbequem empfunden wird – ein neues Werk. Doch thematische Neuanfänge, andere Fachgebiete, neue Formen – Goethes Denken, seine Natur und Konstitution sind dazu nur noch in Grenzen bereit, ein echtes Ausbrechen wird schlußendlich mehr gescheut als ersehnt.

Das Buch ist ein innerer Monolog des Dichters, dem gelegentlich auch Gesprächspartner Stichworte liefern dürfen, in dem die aufgeworfenen Fragen umkreist werden. Dazwischen Caspar David Friedrich, ein mit Vierzig nicht mehr ganz so junger Wilder, ein romantischer Maler. Zucht, Regelmäßigkeit, mediterrane Klarheit sind ihm fremd, ja zuwider. Friedrich, dem der Durchbruch bislang versagt blieb, hofft auf Goethes Protektion. Vergeblich, das wird im Laufe des Buches immer deutlicher.

Kann am Ende Goethes Wolkenprojekt die beiden verschiedenartigen Männer zusammenführen?

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Goethe als Athlet Foto: nw2015

Im zwölften Band der Münchner Ausgabe von Goethes Werken – »Zur Naturwissenschaft überhaupt, besonders zur Morphologie. Erfahrung, Betrachtung, Folgerung, durch Lebensereignisse verbunden « – finden sich die von 1817 bis 1824 herausgegebenen Hefte gleichen Namens mit älteren und neueren naturwissenschaftlichen Texten. Bis 1819 arbeitete Goethe am »West-östlichen Divan«, ab 1820 an »Wilhelm Meisters Wanderjahren«; außerdem entstanden viele autobiographische Schriften.

Der Kommentar (S. 1058-1061) schildert eingangs die Begebenheit mit Carl August und erläutert die weitere Entwicklung der Arbeiten Goethes mit Verweisen nach vorne und hinten, zu Früherem und Späterem. Dem Aufsatz selbst, »Wolkengestalt nach Howard« (S. 451-471), ist dann noch ein Gedicht (»Howards Ehrengedächtnis«, S. 472) beigegeben.

 

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5 Antworten zu Wolkengucker

  1. marinabuettner schreibt:

    Mir hat es damals sehr gut gefallen. Jedenfalls fand ich die Idee der Begegnung zwischen Goethe und C.D. Friedrich eine gelungene.

  2. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Klingt sehr interessant & wandert auf die Liste, danke & liebe Grüße
    Petra

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