Romain Rolland, Über den Gräben

Romain Rolland: Über den Gräben Foto: nw2015

Romain Rolland: Über den Gräben
Foto: nw2015

Ein schmales Buch im Rahmen meines Centennarium-Leseprojekts, freilich nur eine Auswahl aus den Aufzeichnungen über fünf Jahre, die komplett 2.000 Buchseiten füllen. Die vorliegende, von Hans Peter Buohler besorgte Auswahl umfaßt nur knapp 160 Seiten. Doch die naturgemäß eher kürzeren Textpassagen haben es in sich.

Wo der Krieg sät, geht die Feindschaft auf.
(S. 113)

Romain Rolland (1866-1944) hatte mit dem zehnhändigen Epos Jean-Christophe, erschienen zwischen 1904 und 1912, das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen untersucht und versucht, gegenseitiges Verständnis zu erreichen. Ende Juli 1914 wurde er vom Kriegsausbruch in der Schweiz überrascht, wo er blieb. Er lehnte den Krieg ab und nahm nicht Partei für eine Seite, so daß er sich bald zwischen allen Stühlen wiederfand.

Im Jahr 1916 wurde der Literaturnobelpreis zweimal vergeben; einmal für das Jahr 1915, in dem die Verleihung unterbleiben war, und für 1916. Der Preis für das Jahr 1915 wurde an Rolland verliehen, der für das Jahr  1916 an Verner von Heidenstam.

Anders als sehr viele Zeitgenossen sieht Rolland im Krieg kein reinigendes Bad, er spricht vom „Bankrott der Zivilisation“ (S. 6, 7) und nennt „ganz Europa […] ein Irrenhaus“ (S. 12). Er hofft auf eine Allianz der Intellektuellen und schreibt an Gerhart Hauptmann. Kopien dieses Briefs gehen an die internationale Presse; deutsche wie französische Zeitungen schmähen Rolland daraufhin.

Der dazugehörende Eintrag handelt von den Reaktionen des Publikums:

31. Oktober 1914

In meiner Post von heute Morgen finde ich:

  1. Einen verängstigten Brief von meinem Verleger [Alfred] Humblot [Ollendorff], der mir sagt, dass die Buchhandlungen den Jean-Christophe zu boykottieren beginnen; er  fleht mich an zu schweigen.
  2. Einen Brief voller Beleidigungen von einem Unbekannten, einem Pariser Arzt, der sagt, er habe nichts von mir gelesen, weder Bücher noch Artikel, was ihn nicht hindert, mich auf das einfältige Zeugnis des Matin hin zu verurteilen; er fordert mich auf, die Staatsangehörigkeit zu wechseln.

Jede Postzustellung bringt mir einen Haufen gemeiner Schmähungen der gegen mich aufgewiegelten französischen Presse. Henry Barenger in der Action ist der niederträchtigste meiner Gegner. […] Und ich erhalte anonyme Briefe, Postkarten, auf denen man das in Flammen stehende Reims sieht, mit der Aufschrift: «Das Werk Ihrer Freunde.» Ich bewundere, mit welch stumpfsinnigen Vertrauen die Menschen die schlimmste Anschuldigung glauben, die der verworfenste aller in den Zeitungen schreibenden Schufte gegen den ehrbarsten Mann erhebt – ohne dass sie sich die Mühe machen, die Richtigkeit nachzuprüfen. Dieser Pariser Arzt, der mich erst beschimpft und dann hinzufügt: «Ich habe nichts von Ihnen gelesen, ich habe nicht die Zeit dazu, aber das, was der Matin sagt, genügt mir, um Sie zu kennen …!» (S. 14f.)

Wie wenig sich doch in hundert Jahren ändert…

Rolland thematisiert die politisch-geistigen Haltungen in den kriegführenden Staaten ohne Partei zu ergreifen; er äußert sich zu den Ursachen des Krieges und den Gründen für seine langdauernde Fortführung ebenso wie zu den wirtschaftlichen Folgen dieser gigantischen Geldvergeudung. Er führt eine ihm sehr wertvolle Korrespondenz mit Stefan Zweig und hat Begegnungen mit Hermann Hesse, Albert Einstein, Henryk Sienkiewicz, Igor Strawinski und Annette Kolb sowie mit vielen anderen Menschen. Begierig nimmt er Informationen und Meinungen auf und reflektiert sie in seinen Notizen.

Er ist längere Zeit in der Auskunftsstelle für Zivilgefangene des Roten Kreuzes tätig und hat Einblick in die Korrespondenz aus Deutschland und Frankreich, die ihm erschütternde Details offenbart. Rolland gibt diese im Tagebuch ebenso wieder wie Briefe oft „einfacher Leute“, die er als Hoffnungsschimmer für das Fortbestehen der Humanität sieht.

Denn daran hegt er immer stärkere Zweifel: Rolland ist entsetzt vom Hurrapatriotismus und Haß der intellektuellen Eliten. Paradigmatisch setzt er sich mit Thomas Manns Essay »Gedanken im Kriege« auseinander (S. 18f.). Auch Stefan Zweig meine, man könne nicht „vergessen, welche Haltung die Intellektuellen seines Landes während des Krieges eingenommen haben“; „er werde niemals einer Gruppe beitreten, der sie angehören (insbesondere Hofmannsthal und [Hermann] Bahr)“ (S. 116).

Außerdem brandmarkt Rolland die verbissene und immer menschenverachtendere Kriegsführung der beteiligten Staaten.

Der Gegensatz zwischen der Menschlichkeit der Einzelnen und der Unmenschlichkeit des Staates. (S. 28)

Immer wieder überrascht ihn Deutschland:

Völlig wirkungslos bleibt der Krieg auf den Lauf der Kunst. Kubismus und Futurismus stehen in Deutschland in Blüte. Bis August 1915 hat es in Berlin 23 futuristische Ausstellungen gegeben; seit 5 Jahren haben die Futuristen eine Zeitschrift; der ‚Vorwärts‘ und die ‚Blätter für Volkskunde‘ setzen sich für sie ein, verbreiten sie im Volk; und die Werke erzielen hohe Preise.
(Ende September 1915, S. 48)

Niemals haben die deutschen Literaturzeitschriften aufgehört, französische Werke zu veröffentlichen. ‚Die Weißen Blätter‘ (Leipzig) haben in ihrer Septembernummer 1915 das Drama in drei Akten von Paul Claudel, »Der Ruhetag«, vollständig veröffentlicht. […] ‚Die Aktion‘ von Franz Pfeffert in Berlin […] veröffentlichte seit September 1914 französische und russische Werke. (Anfang April 1916, S. 64)

In vielen Punkten gibt es in Deutschland mehr Freiheit als in Frankreich. So bekommt man dort alle Zeitungen und Zeitschriften aller Länder, und man kann alles lesen. Man kann auch alles in die Schützengräben und aus den Schützengräben schreiben: Die Postzensur erstreckt sich nicht auf die Feldpost. (24. Mai 1916)

Was wird aus Europa, wenn der Krieg einmal vorbei ist? Diese Frage treibt Rolland stets um. Das gerade mit Blick auf Österreich-Ungarn diskutierte Nationalitätenprinzie hält er für gescheitert, es müsse künftig einen Föderalismus benachbarter und verwandter Nationalitäten geben, schreibt er im Januar 1916. Später spricht er sich deutlich für den Internationalismus aus; Christentum und Sozialismus hätten sich endgültig diskreditiert. Daran kann auch die positive Bewertung von Papst Benedikt XV., dessen Haltung tadellos sei, aber wirkungslos bleibe, nichts ändern.

Seine Meinung zu Präsident Wilson ist Schwankungen unterworfen, die wirtschaftlichen Interessen der USA und der europäischen Bourgeoisie am Kriege und der Niederschlagung der bolschewistischen Revolution sieht er kritisch.

Selbst die kurze Auswahl, die hier vorliegt, behandelt noch eine Vielzahl weiterer und wichtiger Themen. Die persönliche Sichtweise des Autors auf den Krieg und das, was er aus den Gesellschaften macht, ist interessant und erstaunlich vielfältig.

Fazit: Klare Leseempfehlung!

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4 Antworten zu Romain Rolland, Über den Gräben

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Ich hatte es schon in der Hand…Auch wegen seiner Verbindung mit Zweig. Hab mir dann aber wegen anderer Bücher verkniffen. Jetzt hole ich es mir doch, dank Deiner Vorstellung.

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