Michael Bulgakow, Ich bin zum Schweigen verdammt

Buchcover: Verlagswebseite

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Das zunächst im Jahr 2013 auf Englisch und dann 2015 auf Deutsch bei Luchterhand erschienene Buch enthält ausgewählte Tagebucheinträge und Briefe des sowjetischen Schriftstellers. Die Tagebucheinträge entstanden zwischen 1921 und 1925. Nachdem seine Tagebücher 1926 beschlagnahmt wurden, beendete Bulgakov diese Form der Selbstbefragung und Reflexion. Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1940 schrieb er aber Briefe, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben und geistigen Austausch zu pflegen. Der Staatsapparat hatte ihn im Jahr 1929 mit einem Veröffentlichungsverbot belegt und seine Stimme so zum Verstummen bringen wollen.

Das Buch hat 270 Seiten plus 80 Seiten Apparat inklusive sehr instruktiven Erläuterungen zu Leben und Werk Bulgakows, der mir bislang nur durch seinen Roman »Der Meister und Margarita« bekannt ist.

Eindrucksvoll umreißt die knappe Einleitung des britischen Slawisten Roger Cockrell die Situation des Schriftstellers in Stalins Sowjetunion. Das Buch beginnt dann mit einem Brief vom 1. November 1922 aus Moskau an die Mutter, die bald danach stirbt; in der Folge wechseln sich Tagebucheinträge und Briefe ab. Erstere sind in knappen Auszügen wiedergegeben. Armut und Hunger sind beherrschende Themen.

Bulgakov hatte in seiner Heimatstadt Kiew Medizin studiert und im Ersten Weltkrieg als Arzt gearbeitet; auch im Frieden war er zunächst im erlernten Beruf tätig, bis ihn dies zu sehr belastete. Er wandte sich der Schriftstellerei zu, von der er aber lange nicht leben konnte. Als Sproß einer bürgerlichen und europäisch orientierten Familie schrieb Bulgakow im – plötzlich als überholt geltenden – Stil der Vorkriegszeit. Zwar bekämpfte er die Revolution nicht, schrieb aber Kurzgeschichten, die als Satiren auf die neuen, sowjetischen Zustände verstanden wurden. Von da an war er ständig mit den Zensurbehörden in Konflikt. Viele seiner Werke konnten in der Sowjetunion erst in den 1980er Jahren erscheinen.

Die unregelmäßig geführten Tagebücher kreisen anfangs überwiegend um die persönliche Situation, einmal erwähnt er ein Erdbeben in Japan, dann die Inflation in Deutschland und Reichskanzler Stresemann. Sowjetische Politik wird manchmal nur vage gestreift, gelegentlich aber auch lakonisch kritisiert. Ab dem Herbst 1923 nimmt die Politisierung des Tagebuchs zu; das Deutsche Reich, Bulgarien, Polen, das Verhältnis der Sowjetunion zu Großbritannien geraten angesichts der sich verschärfenden Weltlage in den Blick des Autors, der am 18. Oktober 1923 festhält:

Vielleicht steht die Welt wirklich vor einer Generalauseinander-setzung zwischen Kommunismus und Faschismus. (S. 40)

Aber weiterhin nehmen seine Krankheit und Berufliches sowie die damit verbundenen Widrigkeiten viel Raum ein.

Die Literatur ist jetzt ein schwieriges Geschäft. (S. 44)

Ich kann nichts anderes sein als ein Schriftsteller. (S. 48)

Geldprobleme, Aufträge, angenommene und abgelehnte Artikel, Zensurfragen, Außenpolitik, Trotzki, Stalin, der Beginn des Baus der Moskauer Metro, schlechte Erfahrungen mit der Bürokratie, Kriegserinnerungen oder seine Einschätzung des Verhaltens von Intellektuellen unter den neuen Machthabern – all das fügt sich ob der nur rudimentären und sprunghaft wirkenden Niederschrift nur allmählich zu einem sehr ausschnitthaften Bild der damaligen Zeit. Schnell wird klar, daß sich Bulgakow nicht als Chronist eines Zeitalters sieht. Er führt sein Tagebuch auch nicht als ausführliche Selbstreflexion. Es wirkt durch seine Unmittelbarkeit und erlangt durch den jähen Abbruch nach einem Verhör im September 1926 nachträgliches Gewicht.

Vor den Flegeln gibt es keine Rettung. (S. 70)

Moskau ist eine große Stadt. Meine zärtliche und einzige Liebe, den Kreml, habe ich heute nicht gesehen. (S. 71)

Die negativen Erscheinungen im Leben des Sowjetlandes wecken meine angespannte Aufmerksamkeit, weil ich darin instinktiv Nahrung für mich sehe (ich bin Satiriker). (S. 94).

Im Juli 1926 soll er ein Theaterstück – »Sonjas Wohnung« – für eine Aufführung in Moskau umarbeiten. In einem Brief an den Regisseur hadert er mit den Forderungen und reflektiert über die Bedeutung von Autorschaft. Der Brief schließt mit den Sätzen:

Ich schreibe Ihnen ohne Zähneknirschen. Sie haben sich bemüht. Ich mich auch. (S. 89)

Auf den Seiten 95-270 folgen nun nur noch Briefe, die die Zeit vom November 1927 bis Februar 1940, einen Monat vor Bulgakows Tod, abdecken. Manchmal sind es wenige Zeilen sehr privaten Charakters, manchmal längere Briefe, die vor allem das Publikationsverbot thematisieren.

Im Juli 1929 zieht Bulgakow in einem Brief an Stalin,  Kalinin und Kunstfunktionäre eine erschütternde Bilanz seiner zehnjährigen Schriftstellertätigkeit im sowjetischen Staat:

 Nach fast zehn Jahren bin ich mit meinen Kräften am Ende; außerstande, weiterhin zu existieren, abgehetzt, wissend, dass ich innerhalb der UdSSR weder gedruckt noch aufgeführt werde, dem Nervenzusammenbruch nahe, wende ich mich an Sie und bitte um Ihre Fürsprache bei der Regierung des UdSSR, MICH ZUSAMMEN MIT MEINER FRAU L.J. BULGAKOWA, die sich dieser Bitte anschließt, AUS DER UdSSR AUSZUWEISEN. (S. 104)

Ähnliche, verzweifelte Bitten schließen sich an, Zeugnisse der großen Zerrüttung des Autors. Auch Briefe an den Bruder handeln von der umfassenden Ausweglosigkeit der Situation. Ein Schreiben an die Regierung der UdSSR vom 28. März 1930 (S. 119 bis 128) und vom 30. Mai 1931 an Stalin (S. 129-133) sind bewegende Zeugnisse eines angegriffenen, mundtot gemachten Mannes.

Bulgakow muß im Land bleiben, darf nichts veröffentlichen und kann sich immerhin als Regieassistent am Theater durchschlagen; ab 1936 ist er Librettist und Übersetzer am Moskauer Bolschoi-Theater. Es schreibt Theaterstücke und Prosa für die Schublade. Sein bekanntester Roman »Der Meister und Margarita« beschäftigt ihn seit Mitte der 1920er Jahre, wird aber vor allem 1936/37 niedergeschrieben. Karl Schlögel liest ihn in seinem großen Buch »Terror und Traum. Moskau 1937« als Zeitdokument und widmet ihm das erste Kapitel. Schlögels Buch soll ein Narrativ der Gleichzeitigkeit sein und behandelt die unterschiedlichsten Quellengruppen, um sie zu einem möglichst umfassenden Gesamtbild zusammenzufügen. Bulgakows hier vorgelegte Tagebucheintragungen und Briefe gehören zweifelsohne dazu.

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5 Antworten zu Michael Bulgakow, Ich bin zum Schweigen verdammt

  1. Karin schreibt:

    Bulgakows Tagebuch reizt mich so gar nicht. Dabei ist Meister und Margarita (besonders in der neusten Übersetzung von Alexander Nitzmann) eines meiner Lieblingsbücher. Die Stücke sind ebenfalls lesenswert und die Das hündische Herz (früher Hundeherz) ebenfalls.
    Meister und Margarita ist übrigens in weiten Teilen entstanden, als er krank war und im Fieber diktiert hat. Seine Frau hat das denn geordnet und in eine zu veröffentliche Form gebracht.

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