Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Die Biographie

Die Biographie aus der Feder von Heimo Schwilk erschien zuerst im Jahr 2007, 2014 dann in erweiterter und aktualisierter Neuauflage. Sie ist aus der Dissertation des Autors an der TU Berlin hervorgegangen. Schwilk war Jünger zuerst 1983 persönlich begegnet, ihre freundschaftliche Beziehung dauerte bis zu dessen Tod im Jahre 1998.

Foto: nw2015

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Das Buch umfaßt auf 561 Seiten (plus Apparat) 23 Kapitel, drei für Kindheit und Jugend, dann kommt der Erste Weltkrieg mit vier Kapiteln.  Wiederum drei Kapitel für die Zeit bis 1925, dann tritt Hitler in Jüngers Leben. Ihm widmet er am 9. Januar 1926 ein Exemplar des Kriegstagebuches „Feuer und Blut“. Erneut drei Kapitel bis zum Kriegsausbruch, dem Krieg selbst sind drei weitere Kapitel gewidmet. Die restlichen sieben Kapitel behandeln die Zeit von 1945 bis 1998.

Schwilk erzählt flüssig, zitiert aus Briefen, Tagebüchern und Veröffentlichungen und verleiht dem Text damit ebenso Authentizität wie mit dem Hinweis auf Gespräche, die er mit Jünger geführt hat. Das Problem der Filterung und Stilisierung ist ihm natürlich bewußt und er macht es, soweit er kann, auch transparent.

Stilistisch und vom Zugriff her ist das Buch ganz anders als „Brüder unterm Sternenzelt“, die Doppelbiographie über Friedrich Georg und Ernst Jünger von Jörg Magenau, die ich Anfang 2013 las.  Schwilk legt eine klassisch angelegte Biographie vor, nüchterner und eher akribisch. Ein Vergleich der Passagen über die Langemarck-Episode 1917 macht das überdeutlich, weil Magenau dem Bruder Friedrich Georg naturgemäß viel Raum gewährt und ihn nicht nur von Ernst finden und wegtragen läßt.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges tritt der Schriftsteller Jünger an die Seite des Tagebuchschreibers und Soldaten. Er bearbeitet seine Kriegstagebücher und legt „In Stahlgewittern“ vor, für das kein Geringerer als Julius Caesar zum Maßstab und Vorbild genommen wird. Jünger schildert die eigenen Leistungen als Stoßtruppführer um, wie der römische Feldherr, seine weitere Karriere zu befördern. Ob der hochdekorierte Kriegsheld auf eine militärische oder politische Laufbahn zielt, ist zu der Zeit noch offen.

Jünger (Jahrgang 1895) radikalisiert sich als publizistischer Exponent der Rechten, lehnt Demokratie und Parteien als spalterisch ab. Die Einheit der Nation gilt ihm als unverzichtbar, ein starker Führer überlebensnotwendig im weltpolitischen Ringen. Gleichzeitig spöttelt er über arische Reinheitsphantasien. Privat stabilisiert er sein bislang unstetes Leben durch Eheschließung und Vaterschaft. Politisch glaubt er an die nationale Revolution durch eine geistige Elite und weist das Angebot einer Reichstagskandidatur zurück, mit dem die Nazis um ihn werben. Schwilk zitiert ihn mit den Worten:

Ich halte das Schreiben eines einzigen Verses für verdienstvoller, als sechzigtausend Trottel im Parlament zu vertreten. (S. 321)

Der an Nietzsche geschulte Jünger wendet sich von der aktiven Politik ab, deren Appell an die Massen ihm zuwider ist, und erfindet sich als Autor neu. Er arbeitet an dem Manuskript »Das Abenteuerliche Herz« und pendelt zwischen einer magischen Welt des einsamen Autors und politischen Kampfschriften, die offen Gewalt propagieren. Er sieht seine Bücher als geistigen Beitrag zur Vorbereitung Deutschlands auf den nächsten Krieg, den er für unvermeidlich hält. Gewalt wird aber auch als Begleitmusik des möglicherweise nicht vollständig zu kontrollierenden technischen Fortschritts begriffen. Jünger, der von klein auf viel las, kann an die Diskurse seiner Zeit anknüpfen und diese wirksam weiterentwickeln. Vieles, das bei Blom den »Taumelnden Kontinent« charakterisiert, spielt auch für Jünger eine wichtige Rolle.

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Foto: nw2015 (aus dem Buch von Schwilk)

Jünger ist Ende der 1920er Jahre eine etablierte Stimme unter den rechten Intellektuellen und unterhält Verbindungen zu anderen Repräsentanten dieser Kreise. Zu ihnen gehört der Jurist Carl Schmitt; die Beziehung zu Schmitt dauerte bis zu dessen Tod. Ein umfangreicher Briefwechsel bietet interessante Einblicke in beider Denken und die damaligen Verhältnisse.

Jünger verachtet nach Aussagen Schwilks die Nazis, lehnt freilich auch ihren vor der Machtergreifung zur Tarnung ausgerufenen Legalitätskurs ab, weil er die Demokratie Weimarer Prägung gerade abschaffen will. Schwilk zeichnet das Bild eines kaltblütigen Revolutionärs, der insbesondere in seinem Buch »Der Arbeiter«, das 1932 erscheint, Bürgertum und bürgerlichen Staat auf den Müllhaufen der Geschichte befördert. Schwilk zitiert Heidegger, der Jünger in dieser Schrift als echten Nachfolger Nietzsches erkennt (S. 365), der den vom Älteren postulierten „Willen zur Macht“ tatsächlich greifbar mache.

Unter der Überschrift »Haussuchung bei Ernst Jünger« bringen die ›Danziger Neuesten Nachrichten‹ am 12. April 1933 folgende Notiz:

»Wie erst nachträglich bekannt wird, ist aufgrund einer Anzeige bei dem nationalen Schriftsteller Ernst Jünger, der als Offizier im Weltkrieg den Pour le Mérite erwarb, mehrere Kriegsbücher, darunter das erfolgreiche ›In Stahlgewittern‹, schrieb und sich in seinem letzten soziologisch-philosophischen Werk ›Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt‹ zu kollektivistischen Ideen bekannte, Haussuchung abgehalten worden. Sie ergab keinerlei belastendes Material.« (S. 367)

Jünger kommt glimpflich davon, ist aber überrascht von der Entschiedenheit, mit der Hitler die sogenannte Gleichschaltung durchführt und nicht nur von der Vernichtung seiner Gegner spricht. Wie Thomas Mann verbrennt er Tagebücher und Korrespondenzen. Anders als Carl Schmitt, der sich bereitwillig in Dienst nehmen läßt und ihn erneut für die neuen Machthaber zu gewinnen sucht, geht Jünger auf Distanz zu den Nazis und lehnt die Aufnahme in die Aufnahme in die Akademie der Künste ab. Schwilk weist darauf hin, daß Jünger als Autor aber von dem neuen Staat profitiere, weil sich seine Bücher glänzend verkauften (S. 370).

Jünger zieht nach Goslar und bricht den Kontakt zu den meisten Sympathisanten des Regimes ab; in seiner nächsten Publikation bringt er zahlreiche kritische Epigramme unter, von denen das nachfolgende in der zweiten Auflage gestrichen werden mußte:

Die schlechte Rasse wird daran erkannt, daß sie sich durch den Vergleich mit anderen zu erhöhen, andere durch den Vergleich mit sich selbst zu erniedrigen sucht. (S. 372)

Ein Reise nach Paris bringt Jünger 1937 in Kontakt mit André Gide, Julien Green und weiteren Schriftstellern, darunter die seit 1933 im französischen Exil lebende Annette Kolb. 1938 erscheint eine zweite Auflage von »Das Abenteuerliche Herz«. Diese verkünstlichte Neufassung zeigt die Perfektion des Schreckens und den Schrecken der Zivilisation vor, dargeboten aus der Distanz des beobachtenden Ästheten. Schwilk deutet dies als Absage Jüngers an einen aktiven Widerstand gegen das NS-Regime.

Am 28. Juli 1939 schließt er das Manuskript von »Auf den Marmorklippen« ab, keine vier Wochen später erhält er den Mobilmachungsbefehl, der ihn zum 30. August nach Celle ruft. Jünger wird zum Hauptmann befördert. Das Buch erschien derweil, ohne daß die Zensur eingriff, die erste Auflage von 10.000 Exemplaren war rasch vergriffen, die Wehrmacht druckte Auflagen nach, weil bald Papierknappheit herrschte und der private Verlag keine Lieferungen erhielt. Im In- und Ausland wurde das Buch trotz aller maskierenden zeitlichen und örtlichen Entrückung als Schlüsselroman über den Nationalsozialismus, als Untergangsprophezeihung des Dritten Reiches gelesen. Die Darstellung der Schinderhütte gerät zur Sensation – aber sie ist kein Fanal für den Widerstand. So wollte es der Autor nicht, und so wollen es in der erneuerten Situation des Burgfriedens und der dem Diktator zugerechneten Blitzsiege die allerwenigsten.

Jünger wird an die Westfront kommandiert und rückt nach dem sechswöchigen Blitzkrieg in Paris ein. Dort herrscht ein Klima von gegenseitiger Wertschätzung und kultureller Affinität, so Schwilk, von dem auch Jünger profitiert. Er wirkt auf seine Kameraden wie auf Franzosen faszinierend, so die präsentierten Zeugnisse. Er ist Teil der Besatzungsmacht und gleichzeitig distanzierter Beobachter, der etwa Abschiedsbriefe von zum Tode verurteilten Résistance-Kämpfern übersetzt und so bewahrt. Als 1942 die Judentransporte beginnen, warnt Jünger die Résistance und ermöglicht so Betroffenen die Flucht. Die Ehe gerät in eine tiefe Krise, als seine Frau Gewißheit über seine Pariser Amouren erlangt. Jünger kann und will diese Krise überwinden.

In seinem Kriegstagebuch »Gärten und Straßen«, das 1942 erscheint, zitiert Jünger den 73. Psalm:

Ich ereiferte mich über die Ruhmreichen, als ich sah, daß es den Gottlosen so gut ging (…) Sie achten alles für nichts und reden böse; sie reden und lästern hoch her. Darum fällt ihnen der Pöbel zu und läuft ihnen zu im Haufen wie Wasser.

Goebbels schäumt und fordert von Jüngers vorgesetztem Offizier, die Passage streichen zu lassen, was dieser ablehnt, er „befehle nicht dem Geist seiner Offiziere“. Im Reich erhalten die Verlage nun offiziell kein Papier mehr für den Druck von Jüngers Büchern, die Wehrmacht aber läßt ihn weiter publizieren und seine Bücher sind in Paris bis zum Ende des Krieges offen erhältlich.

Es ist gar nicht so erstaunlich, welche Sprengkraft Zensurbehörden und Propagandaminister in diesen Sätzen erkannten; die Reaktion legt Zeugnis ab für die Wirkkraft dieser alttestamentarischen, genuin jüdisch-orientalischen Dichtung, die durch die Luther-Bibel seit Jahrhunderten sehr präsent geworden war. Und vor allem fürchten sie wohl die Abhilfe, die Gott schafft und mit der dieser Psalm endet:

Wie werden sie so plötzlich zunichte! Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken.

Von einer Inspektionsreise an die Ostfront im November kehrt der Soldat desillusioniert zurück: aussichtslos die Lage, abstoßend das Geschehen hinter der Front, von dem ihm ein General erzählt und das er im Tagebuch festhält: Vergasungsanstalten, Giftgas-Tunnels und die Tötung Tausender wie Ungeziefer. Das von ihm idealisierte Rittertum existierte nicht mehr.

Faszinierend und vielgestaltig die Erlebnisse und Geschehnisse während der letzten zwei Kriegsjahre, aber auch die wachsende innere Distanz Jüngers zur Politik der Nationalsozialisten, die im Tagebuch klar dokumentiert wird. Als sein Sohn Ernst gemeinsam mit Wolf Jobst Siedler inhaftiert wird, weil beide Feindsender gehört und Hitler den Strick an den Hals gewünscht haben, besucht er ihn im Gefängnis. Die Episode ist berühmt: Jünger trägt alle seine Orden, der Gefängniskommandant fragt kritisch: „Orden an einem solchen Ort?“

Ja, das ist in diesen Zeiten die einzige Gelegenheit, da man seine Orden anlegen darf. – Wenn man seine Söhne in der Zelle besucht.

Dramatisch die Entwicklungen an der Westfront nach dem Attentat am 20. Juli 1944; fatal die Eideskraft, die viele hohe Offiziere wider besseres Wissen an den Führer bindet:

Da das Schwein am Leben geblieben ist, sind meine Hände gebunden, ich habe seine Befehle auszuführen.

So begründet Feldmarschall Kluge, daß er nicht die Pläne der „Operation Walküre“ umsetzt. Jünger, der während der Geschehnisse Käfer sammelt, weiß, daß den Verschwörern politische Entschlußkraft und die letzte Leidenschaft fehle, den Sprung ins Nichts zu wagen. Doch die fürchterliche Rache, die das Regime nimmt, zeigt auch, daß nur ein umfassender Erfolg auf breiter Front tatsächlich etwas geändert haben würde. Die punktuelle Aktion erfüllt nur, nein, vor allem die Forderung Henning von Tresckows, ein Zeichen zu setzen. Darin liegt bis heute ihre Bedeutung und Kraft, nicht in ihrem Scheitern.

Der Tod des ältesten Sohnes in Italien im November 1944, von dem die Familie erst Ende Januar erfährt, trifft Greta und Ernst Jünger sehr.

Dann ist der Krieg vorbei, es folgt die Ungewißheit über das eigene Schicksal, das Publikationsverbot. Seine Frau organisiert das Leben in den stürmischen Besatzungstagen, Jünger überarbeitet seine Tagebücher. Ab 1947 schreibt er den Roman »Heliopolis«. Es erfolgt der Umzug in die französische Besatzungszone, wo er bis zum Tode bleiben wird, und wo auch das Publikationsverbot bald aufgehoben wird. Er begegnet dem Verleger Ernst Klett, der die Werke Jüngers ab Mitte der 1950er Jahre bis heute herausbringt.

Jüngers Prosa wird ob ihrer sprachlichen Qualität auch von seinen politischen Gegnern gerühmt; seine Produktionskraft läßt nicht nach, und so entsteht Text um Text, Tagebücher, Reiseberichte, Essays, Romane.

1955, im Todesjahr von Thomas Mann, wird Jünger sechzig. Er erfährt nun eine breite öffentliche Anerkennung in Staat, Gesellschaft und im Literaturbetrieb. Der Bundespräsident gratuliert, eine Werkausgabe wird in Angriff genommen. Gleichzeitig veröffentlicht er ungebrochen Neues. Die Wiederveröffentlichung in der Werkausgabe erfolgt nicht ohne Bearbeitung; Jünger weist Kritik daran zurück: Es handele sich um eine Ausgabe letzter Hand durch den Autor selbst, nicht um eine historisch-kritische. Es setzt die Musealisierung ein, und Jünger will die Kontrolle darüber behalten, wie man sich an ihn erinnert. Ab 1978 kommt es dann zur großen Ausgabe: Sämtliche Werke. Schwilk weist darauf hin, daß Jünger nach Klopstock, Wieland und Goethe der erste Autor ist, dem zu Lebzeiten eine zweite Gesamtausgabe vergönnt ist (S. 540f.). Ab dem 30. März 1965, einen Tag nach seinem siebzigsten Geburtstag, beginnt er im nun „biblischen Alter“ bis zu seinem Tode wieder regelmäßig Tagebuch zu führen – »Siebzig verweht« erscheint in mehreren Bänden.

Auf die zwölf Jahre von 1953 bis 1965 verwendet Schwilk zweiundzwanzig Seiten, was Verdichtung und Oberflächlichkeit gleichermaßen bedeutet. Jüngers Ehefrau Greta stirbt im November 1960, im März 1962 heiratet er seine langjährige Lektorin. Er setzt die Drogenexperimente fort, unternimmt ausgedehnte Reisen und veröffentlicht ohne größere Pause. »Subtile Jagden«, erschienen 1967, entfacht dann eine Kontroverse zwischen Jünger und den Achtundsechzigern. Diese ordnen Jünger als „Präfaschisten“ ein; Nicolaus Dombart schreibt:

Das Erstaunlichste an Ernst Jünger, wie an Adolf Hitler, ist sein Erfolg. (zitiert nach Schwilk, S. 520)

Politisch sieht sich Jünger fern aller Standpunkte und bezeichnet sich selbst als deutschen Patrioten, der die Ostpolitik nicht versteht und die Ununterscheidbarkeit der Parteien (alle links) beklagt.

Das zu Jüngers Lebzeiten publizierte Alterswerk ist umfangreich; ich führe nur die wichtigsten Titel an: 1970 erscheint »Annäherungen«, 1973 »Die Zwille«, 1977 »Eumeswil«, 1978 »Sturm«, 1984 »Aus der goldenen Muschel«, 1987 »Zwei Mal Halley«, 1990 »Zeitsprünge« und »Die Schere« sowie zwischen 1980 und 1997 fünf Bände von »Siebzig verweht«.

Jünger überlebt seine Geschwister und zahlreiche Freunde. Besonders trifft ihn der Tod Friedrich Georgs im Jahre 1977. 1979 spricht er auf einer Gedenkveranstaltung in Verdun und setzt ein vielbeachtetes Zeichen der Versöhnung. Als er 1982 mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet werden soll, entfachen Grüne und SPD einen Sturm der Entrüstung. Joseph Fischer hingegen gibt sich im »Pflasterstrand« als Leser Jüngers –wie auch Carl Schmitts – zu erkennen und erklärt dies zum essentiellen Bestandteil seiner eigenen, „linksradikalen Biographie“. Bundespräsident Karl Carstens bleibt der Zeremonie ebenso fern wie der CDU-Politiker Alfred Dregger. Wolf Jobst Siedler, der gemeinsam mit Jüngers Sohn im Gefängnis saß, hält die Preisrede; Zwischenfälle bleiben aus.

1984 ist Jünger auf Einladung von Bundeskanzler Helmut Kohl bei der Versöhnungsfeier in Verdun dabei, der ihm 1985 zum 90. Geburtstag gratuliert und kurz darauf erneut, nun in Begleitung des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand, erscheint. Dieser kennt Jüngers Werk und bewundert den Autor, den er, die Symbolkraft des republikanischen Pomp hochschätzend, wohl auch als Nationalhelden begreift.

Der Neunzigjährige, mehr noch dann der Hundertjährige beeindruckt seine Umwelt – gerade auch die Menschen, die keines seiner Bücher kennen – durch seine bloße Existenz, durch sein Immer-noch-da-Sein. Zahlreiche Ehrungen im In- und Ausland folgen, 1986, nach sechsundsiebzig Jahren sieht Jünger den Halleyschen Kometen wieder, dieses Mal von Südostasien aus. Jünger erlebt den Fall der Mauer und den Zusammenbruch der Sowjetunion, Ereignisse, die er in seinen Schriften vorausgesagt hatte. Er trifft Golo Mann wieder und lernt Friedrich Dürrenmatt kennen, der ihn bewundert. Er schickt Wolfgang Schäuble ein Buch, als der nach dem Attentat im Krankenhaus liegt. Zum sich ankündigenden Krieg gegen Saddam Hussein schreibt Jünger:

Wenn man das faustdicke Unrecht bedenkt, das überall wuchert, fragt man sich, ob man die Orientalen nicht besser unter sich ließe. Aber wann, wo und gegen wen die Amerikaner moralisch werden – das ist eine Frage für sich. (Schwilk, S. 560f.)

Aber grundsätzlich enthält er sich Stellungnahmen zur Tagespolitik, entrückt als uralter Mensch natürlich vielen Dingen, konzentriert sich einerseits auf die Gegenwart des jeweiligen Tages, denkt aber andererseits die großen Fragen der letzten hundert Jahre durch. Den letzten Tagebuchband, der bis 1995 reicht, schließt Jünger mit den Worten:

Die Handschrift ist noch präsentabel – ein alter Krieger zittert nicht.

Aufschlußreich und berührend der Abschnitt über die letzten Lebenstage, das Sterben und die Beisetzung Jüngers. Hier gelingt Schwilk in meinen Augen eine der besten Passagen des Buches!

Schwilks Biographie kennt nur einen Helden, an dem es insgesamt wenig zu kritisieren gibt und um den sich das Universum zu drehen scheint. Carl Schmitt bietet eine geeignete Folie, um Jünger hell strahlen zu lassen. Auch Thomas Mann wird als Kleingeist gezeichnet, der Jüngers Bedeutung nicht erkannt habe. Viele Namen werden genannt, aber die Menschen dahinter bleiben meist blaß. Eine Diskussion über die Angemessenheit oder heutige Gültigkeit von Jüngers Ansichten unterbleibt. Auch als Besichtigung eines Jahrhunderts bleibt das Buch letztendlich eigentümlich unscharf. Ich bin also zugegebenermaßen etwas enttäuscht, weil ich mehr Zeitgeschichtliches erwartet hatte, kann das Buch insgesamt aber dennoch empfehlen. Sechs Monate der trotz gelegentlicher Unterbrechungen intensiven Lektüre sind zu Ende, aber das Buch wird mich weiter begleiten.

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7 Antworten zu Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Die Biographie

  1. zeilentiger schreibt:

    Sehr spannend. Schade, dass Schwilk zu unkritisch ist. Ganz am Rande: Sind Sätze wie „Jünger kann und will diese Krise überwinden“ Jünger, Schwilk oder Weiß?
    Danke für die Besprechung.

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