Briefwechsel Ernst Jünger – Carl Schmitt

Herausgegeben von Helmuth Kiesel, Stuttgart: Klett-Cotta, 1999/2012, 939 Seiten. Gelesen vom 10. März bis 6. Juli 2013

Der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger (1895-1998) und Carl Schmitt (1888-1985) besteht aus 426 Briefen und Karten, davon 249 von Jünger und 177 von Schmitt. Er beginnt am 14. Juli 1930 (CS an EJ) und endet am 17. Juli 1983 (EJ an CS).

Das Buch ist mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat versehen, in dem die Briefe erläutert und durch ein ausführliches Register erschlossen werden. Ein dreißigseitiges Nachwort des Herausgebers gibt wertvolle Hinweise und nennt weiterführende Literatur.

Die Briefeschreiber sind eifrige Leser und sichere, produktive Autoren. Anders als Schmitt kann Jünger seine Karriere nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzen, bis er sich selbst überlebt und dann als Hundertjähriger wieder Zeuge des eigenen Nachruhms wird. Schmitt verliert den öffentlichen Resonanzboden, versammelt aber treue Schüler um seinen Tisch, die ihrerseits seine Ideen und seine Prägnanz auch in der Bundesrepublik verankern. Er äußert sich in posthum veröffentlichten Aufzeichnungen sehr kritisch zu Jünger, wahrt im Brief aber immer die Form und sucht, wie umgekehrt auch Jünger, die gegenseitige Nähe des geistigen Austauschs.

Immer wieder weisen sich die beiden gegenseitig auf Bücher hin, die sie gerade lesen oder von denen sie annehmen, sie könnten den anderen interessieren. Oft dient der Brief als Anregung, eine Lektüre aufzunehmen oder Altem nachzuforschen. Die beiden schicken sich auch gegenseitig Bücher oder Aufsätze von anderen Autoren zu – oft verbunden mit der Bitte um Rückgabe. Zahlreiche eigene Veröffentlichungen werden ausgetauscht, meist mit umgehendem Dank für die freundliche Widmung. Als Jünger sich nach der Machtergreifung in die Provinz zurückzieht und auch während der Besatzungszeit ist der jeweils andere eine gerne angezapfte Quelle für neuen Lesestoff.

„Soeben finde ich [EJ] das Buch, auf das ich mich während unseres Gesprächs am Nonnenberge bezog. Es heißt  »Das Gesetz Deines Lebens« und ist von Künkel; ich sende es Ihnen gleichzeitig als Drucksache zu. Die Stelle über den Rhythmus der Kampflieder steht auf S. 104 und ist sehr gut.“ (26.6.34)

„Vielen Dank für das Buch von Künkel, das zahlreiche gute Bemerkungen und Zitate enthält, für den Durchschlag Ihres Briefes über Rasse und Berufsmoral, und vor allem Ihren letzten Brief aus Sylt […] Zur Ergänzung Ihrer Lektüre schicke ich [CS] Ihnen die längst versprochene kleine Schrift des Bernanos über die Jeanne d’Arc.“ (7.7.34)

„In meine Goslarer Arche zurückgekehrt, sende ich [EJ] Ihnen das Büchlein von Dr. Pieper über die Tapferkeit zu, auch lege ich die chinesische Aufnahme bei, von der ich sprach.“ (11.11.34)

Aber auch während des Krieges ist der Bücherversand ein Thema:

„Wo mögen Sie [EJ] jetzt sein, und hat es Zweck, Ihnen etwas zu schicken? Von Büchern möchte ich Ihnen die Novellen von Andrić (dem hiesigen jugoslawischen Gesandten) schicken, für einige Stunden der Ruhe; […]“ (28.6.40)

Ihre Rolle in Dritten Reich und ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus thematisieren sie nach dem Kriege nicht, und auch schon nach 1933 meiden beide allzu politische Themen. Während Jünger selbst auf Distanz ging, macht Schmitt zunächst Karriere, wurde dann aber 1936 kaltgestellt.

Jünger schickte Schmitt im Juni 1934 eine Kopie des Schreibens an den Völkischen Beobachter, in dem er sich dagegen verwahrte, als Mitarbeiter dieser Publikation genannt zu werden. Darin wird auch seine im November 1933 formulierte Weigerung thematisiert, Mitglied der gleichgeschalteten Deutschen Akademie für Dichtung zu werden.

Ende der 1960er Jahre werden die Briefe seltener und die Zwischenräume zwischen ihnen länger. Die Erschießung Benno Ohnesorgs wird von EJ in einem Satz erwähnt, der RAF-Terrorismus zweimal als Zeichen für den Verfall staatlicher Handlungsfähigkeit. Chomeini prognostiziert EJ ein rasches Ende. Schmitt geht auf tagesaktuelle Themen nicht mehr oder allenfalls indirekt ein. Er wendet sich häufiger der Vergangenheit zu und thematisiert zunehmendes Alter und Krankheit. EJ lobt regelmäßig CS’s Kraft und fordert ihn auf, weiter voranzugehen. Aber ab 1985 muß er seinen Weg allein weitergehen.

Die Briefe werden erst nach Jüngers Tod veröffentlicht. Sie zeigen vieles. Den anderen Gang der Zeit, die Leistungsfähigkeit der Post, die gelegentlichen Pannen der Technik und den Umgang damit (am 21.12.40 berichtet CS von einer „Verkehrsstockung der U-bahn am Gleisdreieck“, die ihm ein Stunde Zeit zum Nachdenken [offensichtlich in der Bahn sitzen bleibend!] bescherte!), ein beeindruckendes Lesepensum, das andauernde Wirken am  eigenen Werk.

Wie in den meisten Fällen: Ein Buch, das neue Lektüren nach sich zieht.

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4 Antworten zu Briefwechsel Ernst Jünger – Carl Schmitt

  1. Alexander T. schreibt:

    Jetzt hast du noch aber neugierig auf dieses Buch gemacht! Danke & liebe Grüße

  2. kai bremer schreibt:

    Schöne Zusammenfassung. Wie steht es um rechtliche Dinge, spielen die in den Briefen eine Rolle? Und wie beurteilst Du sie, wenn es sie gibt? Wird eigentlich klar, was die beiden aneinander interessiert? Was Schmitt an Jünger interessiert, kann ich mir denken. Aber was Jünger an Schmitt interessiert hat, ist mir eigentlich nie klar geworden – jenseits dessen, dass sie sich eben lange und gut kennen.

    • nweiss2013 schreibt:

      Sie schätzen sich gegenseitig als kritische Geister und Sprachkünstler, die um 1930 nationalkonservative Positionen klar auf den Punkt bringen. Echte Rechtsfragen kommen insgesamt wenig vor, eher geht es naturgemäß um Verfassungspolitik. Die sind auch immer Impulsgeber des jeweils anderen: Haben Sie dies gelesen, erinnern Sie sich daran? Als ich dort war, als ich mit X sprach, fiel mir jenes ein.

  3. Pingback: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Die Biographie | notizhefte

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