Wien – Berlin

Jens Wietschorke, Wien – Berlin. Wo die Moderne erfunden wurde, 2023, 345 Seiten.

Wietschorke, Wien – Berlin | Foto: nw2024

Wien und Berlin sind zwei Metropolen, die durch eine ausgesprochen intensive Anziehungs- und Abstoßungsgeschichte miteinander verbunden sind. Diese Geschichte geht bis in die Frühe Neuzeit zurück, als Wien und Berlin begannen, als Residenzstädte und politische Zentren in Konkurrenz zu treten, sie erreichte ihren Höhepunkt aber in den Jahrzehnten zwischen der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1870/71 und den frühen 1930er Jahren. (S. 1)

In seinem Buch geht Wietschorke den Formen und Konjunkturen dieser Städtekonkurrenz detailliert nach und fördert die erstaunlichsten Beispiele zutage. Die vorgestellten Beispiele sind drastisch bis polemisch. Der Autor erläutert, wie sich Klischee und Lebenswirklichkeit wechselseitig prägen, stellt „typische“ Gesichter beider Städte vor, die oftmals zugereist waren, aber erfolgreich „ihre“ Stadt verkörperten.

Das Buch führt in Erkenntnisse der soziologischen und kulturwissenschaftlichen Stadtforschung ein und stellt wahrhafte Feuilletoschlachten um Wien und Berlin vor, die natürlich durch die historischen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen geprägt wurden. Diese haben sich zwischen 1870 und 1930 in mehrfacher Hinsicht grundlegend verändert und das Gewicht zugunsten Berlins verschoben, das den Neuanfang nach 1918 anfangs besser zu meistern schien, zumindest offener war für Neues.

Zu den behandelten Themen gehören die unterschiedliche Topographie von Stadt und sie umgebender Landschaft, der Gegensatz von Tempo und Gemütlichkeit, Modernität und Tradition, Fortschritt und Stagnation, Musikleben und Theater.

Mit Blick auf die Literatur stehen in Wietschorkes Buch die kleine Form des Feuilletons und die – echten oder vermeintlichen – Reiseberichte im Zentrum. Aber auch Großromane nimmt er in den Blick: „Berlin Alexanderplatz“, „Der Mann ohne Eigenschaften“, „Die Strudelhofstiege“. Außerdem flicht er Bücher ein, die durch die Städte geprägt sind, ohne (nur) Stadtroman zu sein: „Menschen im Hotel“ oder „Die Blendung“.

Eine der wenigen Autorinnen, denen Wietschorke seine Aufmerksamkeit widmet, ist Vicki Baum, die von Wien u.a. über Darmstadt nach Berlin kam, und mit den Orten auch die ästhetisch-künstlerische Position wechselte.

Es wäre aber nicht die schlechteste Schlussfolgerung aus ein paar hundert Jahren Beziehungsgeschichte, dass man auf irgendeine Weise immer beides braucht: Wien und Berlin (S. 306)

Das ist richtig und zeigt sich für meinen Teil auch daran, daß ich immerhin sieben der in die knapp zwölf Seiten umfassenden Literaturhinweise aufgenommenen Texte zum Thema bereits gelesen habe. Viele andere Nennungen haben mich neugierig gemacht.

Gleichzeitig muß angemerkt werden, daß die Beziehung zwischen Wien und Berlin nur einen Ausschnitt aus dem Themenfeld Städtekonkurrenz darstellt. Paris, London, Moskau, Rom, Konstantinopel, Venedig – um nur einige europäische Metropolen zu nennen, dazu die Konkurrenz innerhalb der USA sowie der transatlantische, heute der weltweite Wettbewerb. All dies blendet das Buch aus, will es auch gar nicht behandeln. Aber die Frage, inwieweit Wietschorkes Feststellungen dann überhaupt repräsentativ sind, habe ich mir während und nach der Lektüre schon gestellt. Dies gilt natürlich auch für de Moderne, die innerhalb des deutschen Sprachraums und erst recht darüber hinaus andere Orte hatte als Wien und Berlin. Dies klingt immerhin an in einer solchen Passage:

Vicki Baums Schreibweise war zwar für Berlin modern genug und galt stets als Beispiel für die Neue Sachlichkeit, wirkte aber auf Leser in den Vereinigten Staaten überladen, ornamental. (S. 213)

Sehr stark gelingt Wietschorke für meine Begriffe dann das Kapitel „Wiener Wirbel im Kulturbetrieb“ (S. 225-266), hier bekommt der Text deutlich mehr Lebendigkeit und Profil als auf den ersten 200 Seiten.

Auch der Ausklang, der dann die lange Zeitspanne von der Machtergreifung der Nationalsozialisten über den Weltkrieg, Teilung, Mauerbau und Wiedervereinigung bis 2020 abrißartig behandelt (S. 267-302), gerät prägnant. 

Mein Fazit: Ein informatives und lesenswertes Buch, das in der ersten Hälfte an manchen Stellen etwas ermüdend um Vollständigkeit bemüht ist.

Vier Sterne

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Das dritte Licht (Foster)

Claire Keegan, Das dritte Licht, 2010, dt. 2013 (aus dem Englischen von Hans-Christian Leser) (beide Fassungen überarbeitet 2022 und 2023), Steidl, 95 Seiten.

Claire Keegan, Das dritte Licht | Foto: nw2024

Als die Autorin mit einem neueren Text größere Bekanntheit erlangt hat, wurde auch diese ältere Erzählung neu herausgebracht. Glücklicherweise!

An einem Sonntagmorgen, nach der Frühmesse in Clonegal, fährt mein Vater, statt mich nach Hause zu bringen, ins tiefste Wexford, zur Küste, wie die Leute meiner Mutter herkommen.

Dieser erste Satz leitet eine Beschreibung dieser Fahrt ein, während der die Erzählerin Überlegungen anstellt:

Ich frage mich, wie es wohl bei den Kinsellas zu Hause sein wird. Ich sehe eine hochgewachsene Frau vor mir, die sich über mich beugt und mich zwingt, kuhwarme Milch zu trinken. Ich sehe eine andere, weniger wahrscheinliche Version von ihr, eine Frau mit Schürze, die Pfannkuchenteig in eine Bratpfanne gießt und mich fragt, ob ich noch einen möchte, so wie es meine Mutter manchmal tut, wenn sie guter Laune ist.

Damit ist der Rahmen abgesteckt und der Ton gesetzt. Ein Mädchen, das in einer armen Familie mit Problemen aufwächst, zu viele Kinder – die nächste Niederkunft der Mutter steht kurz bevor – ein Vater der spielt und trinkt, wird zu Verwandten gebracht, damit diese es für eine Zeit aufnehmen.

Dort, bei einem kinderlosen Ehepaar, erfährt das Mädchen Zuwendung und erlebt eine strukturierte Welt – karg, aber herzlich. Es gibt Lösungen statt Strafen, wenn Probleme auftauchen, und eine spürbare Familiengemeinschaft. Die Außenwelt blickt neugierig auf die Welt der Kinsellas, begierig auf Klatsch und Tratsch.

Das Mädchen gewöhnt sich ein, wächst und verändert sich, was ihm auch bewußt wird. Während der Zeit, die es dort verbringt, aber vor allem auch, als es nach ein paar Monaten zu seiner Familie zurückkehrt.

Das schmale Buch spricht an, was für das Aufwachsen von Kindern wichtig ist. Es macht kein Aufheben, sondern bleibt ruhig und überzeugt mit einer sanften, mitunter poetischen Sprache. Einiges bleibt auch in der Schwebe, behält die für das Leben übliche Ambivalenz.

Mir hat die Erzählung von Claire Keegan sehr gut gefallen: Inhaltlich berührend, stilistisch ansprechend und im Gesamteindruck nachhallend. Ein Text, der zum wiederholten Lesen einlädt!

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Die Erinnerung nicht vergessen

Ljudmila Ulitzkaja, Die Erinnerung nicht vergessen, 2023 (Übersetzung aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt und Christina Links), 192 Seiten.

Ljudmila Ulitzkaja, Die Erinnerung nicht vergessen | Foto: nw2024

Das Buch enthält Texte, die auf Russisch zwischen 2016 und 2022 erschienen sind sowie bislang unveröffentlichte Texte.

Die 1943 geborene russische Schriftstellerin, die seit März 2022 mit ihrem Ehemann in Berlin lebt, steht in Opposition zur Politik von Präsident Putin. Die studierte Biologin, die aus einer jüdischen Familie stammt, arbeitete zunächst als Genetikerin und ist erst später zur Schriftstellerin geworden. Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Meine erste Begegnung mit ihrem Werk fand im letzten Jahr statt, als ich den Roman „Ein fröhliches Begräbnis“ las.

Unsere Freunde teilen wir mit anderen, es entstehen Freundeskreise, die sich manchmal überschneiden. Erst jetzt, da für mich die Zeit der Erinnerungen angebrochen ist, wird mir bewusst, wie viel Licht unsere großartigen Freundschaften in die dunklen und schwierigen sowjetischen Zeiten gebracht haben. Wir brauchten unsere Freunde nicht, um Spaß zu haben, wir brachten sie zum Überleben. Warmherzige Beziehungen waren für uns in dem menschenfeindlichen Sowjetsystem äußerst wichtig, denn wahre Menschlichkeit erfuhren wir fast nur von unseren Freunden. Wir teilten alles miteinander – unsere Zeit, Bücher, Essen, Geld. Diese Freundschaften sind eines der zwei Geschenke, die meine Generation von der ungeliebten Sowjetmacht mitbekommen hat. Das zweite Geschenk bestand darin, daß wir besonders viel und intensiv lasen. Aber das ist ein anderes Thema. (S. 107f.)

Ulitzkaja blickt zurück, wobei sie eine strenge Chronologie vermeidet und assoziativ vorgeht. Familie, Freunde, Lebensstationen, aber auch der eigene Körper und der eigene Name werden erinnert, bedacht, angesprochen, aufgeschrieben. Nur manchmal zerfasert dieser Gedankenstrom, doch stets bemerkt die Autorin es rechtzeitig und fängt sich wieder ein.

Insgesamt stellt das Buch ein ereignisreiches Leben vor und gibt Einblicke in eine fremde, untergegangene Welt.

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Schlaraffenland abgebrannt 

Michel Friedman, Schlaraffenland abgebrannt. Von der Angst vor einer neuen Zeit, 2023, 222 Seiten.

Michel Friedman, Schlaraffenland abgebrannt | Foto: nw2023

Eines ist sicher: Wenn jemand dieses Buch in dreißig oder fünfzig Jahren in die Hand nimmt, wird er nicht lächeln und sagen „Über was für Kinkerlitzchen hat man sich damals aufgeregt!“ Wenn es diesen zukünftigen Leser gibt und das Buch, ob im Antiquariat oder in einer öffentlichen Bibliothek frei zugänglich ist, dann ist alles doch nicht ganz so schlimm gekommen und die europäischen Gesellschaften haben damals, Anfang der 2020er Jahre, doch noch die Kurve gekriegt. Denn dieses Buch handelt von existentiellen Krisen und vom Nichtstun, von Lähmung, von Angst, von Gleichgültigkeit. 

Friedman schildert gegenwärtige und künftige Bedrohung von innen und außen, und er läßt uns seinen inneren Zwiespalt, das Hin-und-hergerissen-sein zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Wut und Fassungslosigkeit sehr nah miterleben. Friedman schreibt eindringlich, hämmert Sätze in appellativem Staccato, teilt gleichsam sein Herzklopfen. 

In vier Teilen (I – Ruhe bitte; II – Brandherde: Was wir nicht sehen wollen; III – Schlafmittel; Was wir tun, um nichts tun zu müssen; IV – Auswege: Worauf es jetzt ankommt) präsentiert Friedman einen flotten Mix aus Befürchtungen, Beobachtungen, Analyse und Appell. Vieles wird mehrfach wiederholt, manches als Dichotomie dargestellt – wodurch der Text genau jenen Eindruck  der bequemen Unentschiedenheit hervorruft, den Friedman der Gesellschaft – uns! – immer wieder vorwirft. Das Buch ist eine große, an das den Autor einschließende Kollektiv gerichtete  Selbstanklage, oftmals geprägt von Ratlosigkeit, immer wieder durchwirkt von dem Willen, nicht einfach aufgeben zu wollen, auch wenn es schlimm um uns steht.

Friedmann ist verzweifelt, ungläubig, traurig darüber, daß nichts passiert, daß zu wenige etwas tun, etwas ändern wollen, nicht sehen, nicht begreifen, nicht begreifen wollen, daß etwas getan werden muß.

Mehrfach plädiert er für die Neuentdeckung des lösungsorientierten Streitens, des konstruktiven Austauschs von Argumenten. Doch das bedeute, den zähen Brei des Schlaraffenlandes (von dem überdies die allermeisten gar nicht kosten dürfen) zu überwinden. Friedman übt harsche Kritik an dem Milieu, dem er selbst und wahrscheinlich die meisten seiner Leser angehören, an dessen Trägheit und Blindheit, Selbstgerechtigkeit und Saturiertheit. Gibt es einen Ausweg aus der selbstgebauten Falle?

Wir wollen nicht gestört werden. Wir wollen nicht bedrängt werden.Wir wollen von unseren bequemen Sesseln aus das Elend der Welt nicht sehen, nicht einmal das eigene. Wir wollen es bequem haben. (S. 25)

Wir sind lernfähig. Wir können uns verändern. Wir können Überzeugungen überzeugend demonstrieren. Wir müssen nicht statisch, wir können dynamisch leben. (S. 194)

Ich plädiere für einen skeptischen Optimismus. (S. 197)

Das Buch liest sich schnell und gut – einigen Wiederholungen, Pauschalisierungen und Widersprüchen zum Trotz. Viele Passagen habe ich zustimmend gelesen, andere mit Fragezeichen versehen, manchen widersprochen. Der Text ist lebendig, ein echter Friedman. Manche Passagen sind das Ergebnis langer, persönlicher Erfahrung oder intensiver Beschäftigung mit Texten und Sachverhalten, andere bieten eher Meinungen und Positionen dar, die sich auf die Teilnahme am oder das Verfolgen des öffentlichen Diskurses stützen. Diese werden dann geflissentlich von der in der Danksagung erwähnten Anne Jacoby mit Belegen unterfüttert.

Leseempfehlung!

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