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Viermal zwei besondere Bücher, die mich zum Teil schon seit Jahrzehnten begleiten. Weiterlesen
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Viermal zwei besondere Bücher, die mich zum Teil schon seit Jahrzehnten begleiten. Weiterlesen
Philippe Delerm, L’extase du selfie et autres gestes qui nous disent, 2019, 112 Seiten.

Philippe Delerm, L’extase du selfie | Foto: nw2019
Der Autor, geboren 1950, gilt als einer der meistgelesenen französischen Schriftsteller. Das schmale Bändchen enthält knapp fünfzig Alltagsbeobachtungen, wie das Glas, das man in der Hand hält, aus dem man aber nicht trinkt, die Mandarine, die man mit einer Hand schält, das rätselhafte Aufkommen der E-Zigarette – und, und, und.
In kurzen Kapiteln, oft kaum länger als eine Seite, umkreist Delerm uns und unser Verhalten, geht der Performativität alltäglicher Verrichtungen auf den Grund und hält präzise Beobachtungen fest. Er spekuliert aber auch kräftig drauflos, etwa wenn es um die Gründe für die Handhaltung der Mona Lisa geht.
Was geschieht mit mir, wenn mir jemand ein Buch in die Hand gibt? Wie zieht der Einkaufswagen mich an den Regalen des Supermarktes entlang? Beweist das Selfie unsere Existenz?
Die Lektüre dieser Vignetten ist rasch erledigt, aber man sinnt dem Gelesenen noch länger nach. Dies liegt an dem eleganten Französisch, das gleichermaßen gewählt und leichtfüßig daherkommt, aber auch an den Inhalten. Das Beobachtete betrifft uns, zeigt uns, demaskiert uns. Oder – schlimmer noch – es übergeht uns, redet von jemand anderem.
Denis Piat, Pirates and Privateers in Mauritius, frz. 2014, engl. 2015 (translation by Philippa Richmond), 142 Seiten.

Denis Piat, Pirates and Privateers in Mauritius | Foto: nw2019
Das reich illustrierte Buch widmet sich der Geschichte der Piraterie und Freibeuterei auf und um Mauritius. Madagaskar und die östlich davon gelegenen Inseln waren wichtige Stationen auf dem Seeweg nach Indien. Niederländische, französische und englische Handelskompanien machten hier Station, umschwärmt von Piraten, also privaten Kriminellen, die hier auf ihre Kosten kamen und auch genug Rückzugsgebiete fanden. Aber auch die mit offiziellen Kaperbriefen ausgestatteten Freibeuter, die im Auftrag ihrer Regierungen handelten und den gegnerischen Kompanien und Marinen Schaden zufügten, waren hier für lange Zeit, vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, aktiv.
Der Autor schildert die fragilen Machtverhältnisse auf einem solch weit vom europäischen Mutterland gelegenen Posten eines Kolonialreichs. Dies führt zu oft erstaunlicher Kompromißbereitschaft des Gouverneurs und der Kaufleute gegenüber den Piraten.
Auch das Leben an Bord und die seefahrerische Komponente der Piraterie werden anschaulich geschildert. Erwähnung finden auch Schatzsuche und reich beladene Wracks.
Ohne das Phänomen Piraterie idealistisch zu verklären, gibt das Buch doch eine nicht empathielose Darstellung dieser speziellen Zeit und des besonderen Draufgängertums in einem exotischen Setting.
Ich habe das Buch im Oktober 2019 auf Mauritius gekauft, am Hafen von Port Louis und, praktisch mit dem Museum für die Blaue Mauritius im Rücken, das ich zuvor besucht hatte, darin zu lesen begonnen.

Port Louis, Hafen | Foto: nw2019
Heide Sommer, Lassen Sie mich mal machen. Fünf Jahrzehnte als Sekretärin berühmter Männer, 2019, 256 Seiten.

Heide Sommer, Lassen Sie mich mal machen | Foto: Verlagswebseite
Die im Jahr 1940 geborene Autorin stieg mit 19 ins Berufsleben ein, machte nach anderthalb Jahren einen Abiturientenkurs bei einer Handelshochschule und kam nach einigen Übergangsstellen im Jahr 1963 zur Wochenzeitung »Die Zeit«. Marion Gräfin Dönhoff stellte die junge Frau ein, die dann für Theo Sommer, ihren späteren Geliebten und nachmaligen Ehemann, arbeitete.
Er eröffnet jenen Reigen berühmter Männer, denen Heide Sommer als Sekretärin jene unschätzbare Dienste leistet, deren Bedeutung wir heutigen, zum Selbstschreiben Verdammte kaum nachvollziehen können. Sie genießt es, auf jene Weise „dabei“ zu sein, wenn interessante Menschen spannende Dinge tun. Mit ihrem Platz in der zweiten Reihe zufrieden, möchte sie von ihren Chefs aber mit Respekt behandelt werden und erwartet, daß sie Ratschläge geben darf. Wenn das nicht oder in nicht ausreichendem Maße gegeben ist, dann sucht sie sich etwas neues.
Das Buch mischt Autobiographisches mit Beobachtungen, die sich auf die unmittelbare Arbeitsumwelt, aber – vermittelt durch die Arbeitsinteressen der jeweiligen Chefs – auch auf die politischen und kulturellen Rahmenbedingungen beziehen. Auf diese Weise bekommt man beim Lesen auch, sozusagen nebenbei, immer etwas von der Bundesrepublik Deutschland mit.
Die zeitliche Gewichtung ist allerdings etwas unausgewogen: die ersten hundertachtzig Seiten des Buches reichen bis 1984 – die anschließenden dreißig Jahre müssen sich mit siebzig Seiten begnügen.
Das hängt aber nach meinem Eindruck nicht etwa mit einer geringeren Wertschätzung der späteren Chefs oder der Arbeitsstellen zu tun. Heide Sommer ist da immerhin schon Mitte Vierzig und schreibt in diesem letzten Teil des Buches dann weniger über sich selbst; der Coming-off-age-Aspekt fällt schlicht weg.
Sie hat wenig Verständnis für die MeToo-Debatte, sagt dies einmal recht ausführlich auch ausdrücklich; im Rückblick auf die Arbeitsatmosphäre läßt sie an mehreren Stellen durchblicken, daß knisternde Erotik zum Arbeitsalltag dazugehört und jede Frau Nein! sagen könne.
Eigentliche Enthüllungen bietet das Buch nicht, eher amüsante Episoden. So greift sich der junge FJ Raddatz jedes Mal ans Gemächt, wenn er die junge Heide Sommer sieht. Als sie im Alter zusammenarbeiten, ereignet sich nichts vergleichbares. Hier erzählt sie respektvoll von seinem selbstbestimmten Sterben.
Angenehm weht ein nicht steifes Hanseatentum durch das flüssig erzählte, gut lesbare Buch. Zeitgeschichtlich und persönlich bietet es eine ansprechende und teilweise lohnende Lektüre, die in meinem Fall aber auch sehr schnell vorbei war.
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