Brigitte Glaser, Bühlerhöhe

Der Roman erschien 2016 im List-Verlag, vor mir liegt er in der angenehm dezent gestalteten Version der Büchergilde Gutenberg. Es handelt sich um einen zeitgeschichtlichen Agentenroman, der auf und um das namengebende Luxushotel Bühlerhöhe spielt, wohin Bundeskanzler Adenauer im Sommer 1952 zur Frischzellenkur reist. Die anstehenden Verhandlungen mit Israel sorgen für politische Verwicklungen, und auch die Vergangenheit, die nicht vergehen mag, liegt noch nicht lange zurück.

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Foto: nw2017

Nachdem das Hotel 1988 nach einer umfassenden Sanierung wiedereröffnet worden war, verbrachte ich einmal mit meinen Eltern ein Wochenende dort, als sie 1989 oder 1990 ihren Hochzeitstag feierten. Als junge Wirtschaftswunderkinder hatten sie während einer Spritztour über die Schwarzwaldhochstraße einmal auf der legendären Terrasse Kaffee getrunken, sich aber mehr natürlich nicht leisten können. Ich erinnere mich an ein prächtig ausgestattetes Hotel mit einer etwas sterilen Atmosphäre in sensationeller Lage. Nach mehreren Eigentümerwechseln ist das Haus inzwischen geschlossen.

Dort also spielt der Roman. Landschaft, Hotel und Nachbarschaft spielen eine Rolle, als bewußt gewähltes Setting, als Bezugspunkte für die Vergangenheit, als beglaubigende Kulisse. Zwischen Deutschland und Israel werden Verhandlungen über die Wiedergutmachung geführt, die aus unterschiedlichen Gründen in beiden Ländern nicht unumstritten ist.

Rosa Silbermann, die in einem Kibbuz lebt und arbeitet, wird vom Mossad in den Schwarzwald geschickt, um dort als Ehefrau eines Geheimagenten zu dessen Tarnung beizutragen und ihn gegebenenfalls zu unterstützen. Die Wahl fällt auf sie, weil sie als Kind in Deutschland aufwuchs, mehrmals im Schwarzwald war und auch einmal die Bühlerhöhe besucht hatte, bevor sie im Alter von 14 Jahren mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester nach Palästina emigrierte. Unglaubhaft? Ich denke nicht. Improvisation war eine zeittypische Verhaltensweise.

Die Komplikationen und Herausforderungen beginnen, als der Profiagent nicht auftaucht und Rosa ihre Mission auf sich gestellt beginnen muß. Im Hotel agieren die Hausdame und anderes Personal, diverse Gäste und dann natürlich die Personen, die in die Verhandlungen und Agententätigkeiten auf allen Seiten verwickelt sind. Der Bundeskanzler erscheint erst zur Mitte des Romans, sein Sicherheitschef, der vormals in Wehrmachtsuniform agiert hatte, schon früher. Manches ist vorhersehbar, anderes routiniert. Gleichwohl entfaltet die Erzählung trotz ihrer unaufgeregten Sprache einen Sog, der mich ständig zum Weiterlesen animierte. Die Handlungsstränge werden sicher miteinander verflochten, die Personenführung ist klar, wozu natürlich ein paar Stereotypen beitragen. Spannungspunkte werden geschickt gesetzt, die historischen Fakten – diese und wichtige Begriffe werden in einem Anhang erläutert – geben der erfundenen Geschichte Überzeugungskraft.

Die Vergangenheit, die nicht vergehen will, spukt vor allem in den Köpfen der Frauen, ob alt oder jung, prägt aber natürlich auch das Handeln der Männer. Die Zukunft, die gestaltet werden soll, fordert ihren Tribut, und wo bleibt die Moral? Wie sehen Lebensentwürfe aus, was davon läßt sich umsetzen, was verhindern die Zeitläufte? Auch davon handelt das Buch, den Aufbruchscharakter der Nachkriegszeit ebenso sichtbar machend wie das restaurative Klima. Studenten protestieren in Freiburg gegen den neuen Film von Veit Harlan. Gegner der Wiedergutmachung erinnern an Dresden und die eigenen Verluste durch den Krieg.

[Xavier Pfister, schweizerischer Waffenhändler] »Wie gut sind eure Kontakte zum Mossad?«
[Hermann von Droste, früher als Wehrmachtsoffizier in der Abwehr tätig, jetzt Adenauers persönlicher Sicherheitschef] »Interessante Frage.« Von Drostes Stimme klang spöttisch. (S. 145)

Die politischen und moralischen Themen werden nicht in langen Einschüben abgehandelt, sondern würzen als Schlagworte die Handlung oder kolorieren die Zeitstimmung. Aus meiner Sicht eine völlig legitime Vorgehensweise in einem solchen Roman. Das Motiv des Verdrängens wird immer wieder aufgegriffen, viele Personen des Romans verdrängen etwas, was sie einig Jahre zuvor getan haben oder was ihnen in der Zeit des Nationalsozialismus aber auch danach widerfahren ist. Nicht alle haben die Dämonen der Erinnerung unter Kontrolle. Ein weiteres Motiv ist – nicht verwunderlich bei einem Agentenroman – die Heimlichkeit und das das Verschweigen. Niemand spielt mit offenen Karten, alle mißtrauen sich gegenseitig.

Die Spannung steigert sich immer mehr, Verwicklungen nehmen zu, werden nur allmählich aufgelöst. Herzensangelegenheiten verkomplizieren die Angelegenheit weiter. Enttäuschung, Haß und Müdigkeit nehmen zu, die Sommerhitze läßt Füße anschwellen und Make-up zerfließen.

Dann, als Höhepunkt, ein Konzert auf der Hotelterrasse. Es gibt Schüsse und auch Tote. Doch der Bundeskanzler überlebt natürlich.

Mein Fazit:

Ein gut geschriebener Unterhaltungsroman, der mir gefallen hat. Eine gelungene Mischung von Stil- und Handlungsebenen, ein wenig Pepita und Pappritz, viel deutsche Vergangenheit und israelische wie deutsche Gegenwart sowie schließlich ausreichend – und vor allem unaufgeregte – Spannung haben mir großes Lesevergnügen bereitet.

Rezensionen des Romans gibt es z.B. auf »Analog-Lesen« und in »Karminrot’s Lesezimmer«.

 

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