Irène Némirovsky, Pariser Symphonie

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Foto: nw2017

Elf Erzählungen aus der Zeit von 1929 bis 1942 auf rund 200 Buchseiten sind hier versammelt. Die Autorin wurde 1903 in Kiew geboren und wuchs in Sankt Petersburg auf, das ihre Familie nach der Revolution in Richtung Paris verließ. Das Französische war ihr als höherer Tochter so vertraut, daß sie ab 1921 schriftstellerisch tätig werden konnte. Insgesamt verfaßte sie fünfzehn Romane, eine Biographie über Anton Tschechow, mehr als fünfzig Novellen sowie Drehbücher und Skizzen für Filme. 1940 hatte die Familie Paris verlassen und sich in ein kleines Dorf in der Provinz zurückgezogen. 1942 wurde Némirovsky nach Auschwitz deportiert, wo sie am 19. August desselben Jahres an Entkräftung verstarb.

Némirovskys Texte wurden rasch veröffentlicht, bis sie im Jahr 1940 mit einem Veröffentlichungsverbot belegt wurde. Sie war erfolgreich, aber nicht unumstritten. Nach dem Krieg wurde sie vergessen. Erst in den 1980er Jahren entdeckten die Töchter das Manuskript des unvollendet gebliebenen Texts „Suite française“, der der vergessenen Autorin neuerliche Aufmerksamkeit bescherte.

Die Texte (übersetzt von Susanne Röckel) besitzen einen ganz eigenen Ton, der mir für eine Autorin der Zwischenkriegszeit recht außergewöhnlich erscheint. Er ist sehr modern, obwohl Vergangenes in all seiner Altmodischkeit stets eine Rolle spielt und Némirovsky mehrfach auf die Zeit  während des Ersten Weltkrieges – mitunter auf die davor – zurückgreift. Die hierbei geschilderte sehr traditionelle, ländliche Lebensweise kontrastiert mit den neueren Entwicklungen und dem pulsierenden Stadtleben. Némirovsky schreibt insgesamt direkt, mit einem hohen Diaoganteil. Daß die Autorin vom seinerzeit neuartigen Medium Film begeistert war, merkt man, obwohl diese Herangehensweise heute natürlich völlig vertraut wirkt. In hohem Maße gilt das für die titelgebende Erzählung »Pariser Symphonie« aus dem Jahre 1931: Totale, Zoom, Schnitt. Schnipselartig collagierte Hör- und Seheindrücke rufen gekonnt das Bild der Großstadt hervor. Mit dem Typus des „literarischen Drehbuchs“ oder der „filmischen Novelle“ (Nachwort, S. 214) versucht die Autorin den Roman zu erneuern, stößt dabei aber bei Publikum und Kritik auf wenig Gegenliebe.

Dabei ist ihre Sprache traditionell und wird keinesfalls strapaziert, wie das für meinen Geschmack bei experimenteller Schreibweise mitunter der Fall ist. Die Geschichten haben eine Moral, auch wenn diese gelegentlich aufgrund eines etwas abrupten Endes nicht explizit gemacht wird. Ob drei Seiten über eine zerstörerische Kraft (»Die Angst«) oder ein antithetisches Räsonnement über das (Nicht-)Verheiratetsein (»Die Jungfern«, einer der spätesten Texte der Autorin aus dem Sommer 1942), stets haben die Geschichten einen klaren Fokus und sind gradlinig erzählt. Gestörte Mutter-Kind-Beziehungen klingen häufiger an; laut Nachwort (S. 212) verarbeitete Némirovsky hier persönliche Erfahrungen.

In der Geschichte »Der Freund und die Frau« – ebenfalls aus dem Jahr 1942 – geht es durchaus melodramatisch um Treue, bis ein gallisches Klischee am Ende milden Spott verbreitet. Auch die Erzählung »Die Unbekannte« kreist in durchaus ungewöhnlicher Form um Fragen von Liebe und Ehe. Völlig anders in Ton und Tempo zeigt der Kontrast zwischen den beiden nacheinander abgedruckten Texten die stilistische Bandbreite der Autorin.

»Der Film«, eines jener „literarischen Drehbücher“, ist ein vergleichsweise langer Text. Dank gelegentlicher technischer Einschübe (Abblende, neues Bild, etc.) und der beschreibenden Szenenanweisungen entsteht ein Verfremdungseffekt, der den Fluß des Erzählens und der Dialoge aber nicht ernstlich ins Stocken bringt. Anfang der Dreißiger Jahre war das Thema dieses Films eindeutig unmoralisch. Darüber ging dann die ungewöhnliche Handhabung des Mutter-Tochter-Stoffes unter – und gerade diese ist heute fesselnd.

Némirovsky, die aufgrund des nationalsozialistischen Rassenwahns noch nicht einmal vierzig Jahre alt werden durfte, begleitet mit den hier versammelten Texten ihr Erwachsenenleben, das komplett der Schriftstellerei gewidmet war, sie kontrastiert eine statischere Vergangenheit mit einer hoch dynamisierten Gegenwart und präsentiert in ihrer Verknappung äußerst präzise Analysen von Gefühlslagen und Befindlichkeiten.

 

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3 Antworten zu Irène Némirovsky, Pariser Symphonie

  1. de Chareli schreibt:

    Ein großartiger Roman und ein üverzeugendes Porträt Frankreichs in der Vorkriegszeit.

  2. Pingback: Leseliste 2017 – 1 | notizhefte

  3. andreaschopfbalogh schreibt:

    Eine faszinierende Schriftstellerin. Sehr empfehlenswert ist auch das Buch ihrer Tochter: „The Mirador: Dreamed Memories of Irene Nemirovsky by her Daughter“

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