Karl May, Der Ölprinz

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„Der Ölprinz“ entstand während eines guten halben Jahres 1892/93 und wurde von Oktober 1893 bis September 1894 in der Zeitschrift „Der gute Kamerad“ veröffentlicht. 1897 erschien die Erzählung dann in leicht veränderter Form als Buch. Nach einer erneuten Bearbeitung erschien „Der Ölprinz“ dann als Band 37 der Gesammelten Werke – so steht sie auch in meinem Bücherregal. 2008 schließlich erschien eine auf der Zeitschriftenfassung basierende Version in der Historisch-Kritischen Ausgabe (HKA) im Karl-May-Verlag, da eine Mitwirkung Mays an den Buchausgaben „praktisch ausgeschlossen werden könne“.

Die durch eine wechselvolle Geschichte, wie sie auch May selbst ersonnen haben könnte, gekennzeichnete HKA hat zum Ziel, dem bereits zu Lebzeiten vor Überarbeitungen und Entstellungen nicht geschützten Autoren gerecht zu werden. Mein Leseeindruck beruht auf der Version der Gesammelten Werke (Copyright 1951).

Man sagt ja, May habe seine Bücher mit einem jeweils sehr guten Atlas, Wörterbuch und Lexikon und einer blühenden Phantasie geschrieben. Hinzu kommen mancherlei andere, aus heutiger Sicht gerade auch in ihrer Verquickung verwunderliche Ingredienzien: eine grundsätzliche Menschenliebe, Einverständnis mit der technischen und intellektuellen Überlegenheit der „weißen Rasse“, dabei Annahme einer natürlichen Herausgehobenheit der Deutschen. Hieraus erwächst eine moralische Verantwortung für die Schöpfung insgesamt und für schwächere Mitmenschen.

Die Eroberung Amerikas mit der gewaltsamen Verdrängung der Indianer, die Ausrottung der Büffel- und Mustangherden – hiergegen schreibt May mit einem deutschen Faible für Wald und Natur an. Winnetou ist der „edle Wilde“ par excellence und wie sein Freund und Blutsbruder Old Shatterhand – bekanntlich das stark idealisierte Alter ego des Autors – vereinen sämtliche positiven Eigenschaften in sich.

„Der Ölprinz“ kreist um die Themen Auswanderung, Abenteuerlust und Betrug. Die Gesetzlosigkeit Arizonas wird den Lesern drastisch vor Augen geführt. Eine Räuberbande und zwei hinterhältige Brüder treiben ihr Unwesen, ein geldgieriger amerikanischer Bankier und ahnungslose sächsische Auswanderer sollen ihre Opfer werden. Doch die aufrechten Westmänner – viele ebenfalls aus Deutschland oder gar der sächsischen Heimat des Autors May stammend – und Winnetou verhelfen dem Guten am Ende natürlich zum Sieg.

Der Text lebt von detaillierten Naturschilderungen und humorvollen Passagen, wird getragen von den verschiedenen, eindringlich charakterisierten Typen, die der Autor auftreten läßt, und erzeugt bei aller zutage tretenden Gestrigkeit doch auch eine starke Nähe. Sie resultiert für mich aus der mehrfachen Jugendlektüre, zählte „Kamai“ (Joachim Fest) doch zu den prägenden Autoren meines ersten Lesejahrzehnts.

Zwei Fragen beschäftigen mich nun: Wie stark wurde der originale Text Mays durch die Buchherausgeber verändert – und nach 1945 möglicherweise wieder entschärft? Wirkt er heute noch als Jugendbuchautor?

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Wolfgang Koeppen, Das Treibhaus

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Wolfgang Koeppens Roman „Das Treibhaus“ (1953) bildet den Mittelteil der „Trilogie des Scheiterns“, zu der noch  „Tauben im Gras“ (1951) und „Der Tod in Rom“ (1954) gehören.

Diese Bücher stießen in der damaligen Bundesrepublik und ihrer Literaturkritik auf wenig Gegenliebe, wie Marcel Reich-Ranicki in der ZEIT vom 8. September 1961 schrieb:

Die nächsten Bücher Koeppens – die Romane Tauben im Gras, Das Treibhaus und Der Tod in Rom – stammen aus den Jahren 1951 bis 1954. In einer Zeit, in der die meisten deutschen Nachkriegsautoren noch im Banne Hemingways standen, griff Koeppen zu anderen angelsächsischen Vorbildern: von Joyce bis Faulkner. In einer Zeit, in der noch das Kriegserlebnis die Thematik beherrschte – Bölls Wanderer, kommst du nach Spa… war 1950, sein Wo warst du, Adam? 1951, Anderschs Kirschen der Freiheit 1952 erschienen – attackierte Koeppen in den Tauben im Gras die bundesrepublikanische Welt, in deren Leben er bereits – man schrieb das Jahr 1951 – jene Kennzeichen entdeckte, die erst mehrere Jahre später deutlich sichtbar werden sollten.

Die Kritik reagierte auf dieses Buch zwar mit Anerkennung, aber doch mit Befremden – alles war in den Tauben im Gras ungewöhnlich: die Technik, die sprachliche Kraft und nicht zuletzt die Aggressivität der gesellschaftskritischen Anklage. Charakteristisch ist die Rezension des Monats, der Koeppen vorwirft, er habe „die Düsternis unserer Zeit zum ausschließlichen Ausgangspunkt gemacht“. Und: „Weil dieses Buch sich fast ausschließlich im Morbiden, im Sumpfe tummelt… darum auch mangelt es ihm an dem Atem, an der Überzeugungskraft.“

Vielleicht kann man erst aus der heutigen Perspektive die beklemmende Hellsicht dieses Romanes ermessen, in dem manche Abschnitte 1961 und nicht 1951 geschrieben zu sein scheinen. Und vielleicht vermochte Koeppen die Zeitatmosphäre deswegen so scharf einzufangen, weil er kühn genug war, eben „die Düsternis unserer Zeit zum ausschließlichen Ausgangspunkt“ zu machen. Immerhin war den Tauben im Gras – zum Unterschiede von den weiteren Koeppen-Romanen – ein gewisser Erfolg beschieden. Die Welt schrieb (allerdings erst 1953): „Wenn es hierzulande mit rechten Dingen zuginge, würde dieser Roman wie ein Fanfarenstoß wirken.“

Auch Das Treibhaus, in dessen Mittelpunkt ein Mann steht, der 1933 emigrierte, 1945 zurückkehrte, 1949 in den Bundestag gewählt wurde und 1952 Selbstmord beging, wirkte keineswegs wie ein Fanfarenstoß. Die meisten Rezensenten schrieben – insofern sie sich überhaupt äußerten – kühl oder geradezu feindlich. Da es aber in der Bundesrepublik, wie gesagt, keine Kritik, sondern nur einzelne Kritiker gibt, war die einzige enthusiastische Besprechung dieses ungewöhnlich heftigen Bonn-Romans just in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen, in der Karl Korn schrieb: „Die Radikalität Koeppens scheint mir aus einem tiefen Leiden an der deutschen Gegenwart zu kommen… Das Treibhaus ist eine Klasse Literatur, wie sie nur selten erreicht wird.“

Wurde die Bedeutung des Treibhauses – von Korns Besprechung abgesehen – zumindest unterschätzt, so scheint der Tod in Rom gänzlich verkannt worden zu sein. Ein Teil der Presse ignorierte das Buch, der Rest sah in ihm lediglich einen gegen Faschismus, Neofaschismus und die Wirtschaftswunderwelt gerichteten politischen Zeitroman, dessen Aggressivität von manchen Rezensenten als höchst überflüssig empfunden wurde. In der ZEIT beispielsweise wurde der Tod in Rom als ein „Zerrspiegel“ der deutschen Wirklichkeit entschieden abgelehnt.

Abgesehen davon, daß jeder satirische Roman seinem Wesen nach ein Zerrspiegel sein muß und daß es nur weniger Jahre nach Erscheinen dieses Buches bedurfte, um sich zu überzeugen, daß Koeppens Visionen keineswegs aus der Luft gegriffen waren, ist gerade der Tod in Rom weit mehr als nur eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Diese unheimliche deutsche Phantasmagorie auf römischem Hintergrund, in der ein ehemaliger SS-General zur zeitgenössischen Allegorie des Todes wird und in der Koeppen auf höchst unkonventionelle Weise mit mannigfaltigen Erscheinungen aus der Sexualsphäre die moralische Haltung seiner Helden symbolisiert, harrt noch ihres kritischen Interpreten.
Jeder der drei Romane dieser Periode wurde zunächst einmal vom Willen einer unerbittlichen Zeitanalyse getragen, jeder zeichnete sich durch eine moralische Leidenschaft und elegische Tonart aus, ein Verantwortungsgefühl und einen bitteren Ernst, die jeglichen Vorwürfen, es handle sich um extravagante Spielereien mit dem Bösen und dem Düsteren, eigentlich den Boden entziehen sollten. Zugleich müssen diese drei Romane – trotz vieler Schwächen, die keinesfalls geleugnet werden sollen – als künstlerische Leistungen angesehen werden, die allem Konventionellen weit entrückt sind und denen zumindest auf dem Hintergrund der Literatur zwischen 1950 und 1960 außerordentliche Bedeutung zukommt: Es gibt in der deutschen Prosa dieser Zeit nur sehr wenig, was man Koeppen an die Seite stellen könnte.

 

Wie beurteile ich den Roman heute (zuletzt las ich ihn im Jahr 2004)? Damals erschien er in der Bibliothek der Süddeutschen Zeitung als einer von „50 große[n] Romane[n] des 20. Jahrhunderts“.

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Netzalmanach Juni 2016

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In Frankreich findet im Juni und Juli 2016 die Fußball-Europameisterschaft der Männer statt. Die aufgeblähte Vorrunde, so hörte man, war langweilig. Ansonsten war mehr los:

Massensterben im Mittelmeer, neue Terroranschläge, der Brexit – ganz schön viel zu verdauen in den letzten Wochen.  All das treibt einen ins Internet, aber dort nehme ich mir natürlich trotzdem auch Zeit, um Interessantes für den Netzalmanach zu sammeln.

In den Literaturblogs meines Vertrauens hat der »Kaffeehaussitzer« ein neues Leseprojekt gestartet, das sich mit dem Spanischen Bürgerkrieg beschäftigt. Die »Klappentexterin« stellt Naomi Woods Roman „Als Hemingway mich liebte“ vor. Auf »Sätze&Schätze« kann man die Neuübersetzung von Thomas Wolfes Roman „Von Zeit und Fluss“ aus dem Jahr 1935 kennenlernen.

Viele Blogger beschäftigen sich mit der Frage, warum sie lesen und haben schöne Texte dazu geschrieben. Die Zusammenstellung der Beiträge und Erläuterungen zu einem Folgeprojekt gibt es beim Initiator »novolero«.

Ich habe auch ein paar Blogs neuentdeckt, von denen ich zwei erwähnen möchte:

Friederike betreibt den Blog »Japanische Literatur« – für mich ganz neue Einsichten und Themen. Daniela und ihr Team sind die Blogger der »Buchbegegnungen«. Wenn das nicht neugierig macht!

Netzrundschauen für den Juni gibt es zum Beispiel auf »Buchpost« und auf »SchöneSeiten«.

Und, last not least, Tobi von »Lesestunden« hat die legendäre Toplist aktualisiert und kann erneut mehr Daten einspeisen.

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Leseliste 2016 – 2

Jan Werner Müller, Das demokratische Zeitalter, Eine politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert, 2013

Interessanter Streifzug durch die Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts in sechs Kapiteln.

Jochen Schimmang, Neue Mitte, 2011

Deutschland nach Militärjunta und Befreiungskrieg. Berlins Mitte als Kreativlabor.

Agatha Christie, Das unvollendete Bildnis, Neuübersetzung 2015

Erst spricht Poirot mit allen Beteiligten, dann liest er ihre schriftlichen Schilderungen. Am Ende kennt er den Mörder.

Victor Klemperer, Man möchte weinen und lachen ein einem. Revolutionstagebuch 1919

Umbruchszeiten – dramatisch und doch auch drollig.

Willem Elsschot, Villa des Roses, 1913, dt. 1993.

Charmant, aber man muß das Buch nicht kennen.

Uwe Ellerbrock/Sylvia Winkelmann, Die Parther. Die vergessene Großmacht, 2. Aufl. 2015

Sehr interessantes Buch über eine untergegangene Kultur, die über ein Reich östlich von Rom herrschte und als Bindeglied bis weit nach Asien hinein diente.

Stiftung Deutsches Historisches Museum (Hrsg.), Kaiser und Kalifen. Karl der Große und die Mächte am Mittelmeer 800, 2014

Schön gemachtes und hochinteressantes Buch über Begegnung, Austausch und Rivalität.

Richard T. Neer, Kunst und Archäologie der Griechischen Welt, Von den Anfängen bis zum Hellenismus, 2012, dt. 2013

Knapp dreitausend Jahre in vierzehn Kapiteln, gut lesbar und informativ, reich bebildert.

Bernard von Brentano, Theodor Chindler, 1936 (2015).

Das Buch ist ein starkes Psycho- und Soziogramm, es behandelt eine beeindruckende Fülle von Themen, formuliert knapp, aber mit erstaunlicher Tiefenschärfe.

Aktuell werden (mit mehr oder weniger Unterbrechungen) gelesen:

Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre 1918-1938, 2014

Karl Christ, Krise und Untergang der römischen Republik, 8. Aufl. 2013

 

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