Mein Rückblick auf die Lesemonate Januar und Februar 2020 ist online:
Mein Rückblick auf die Lesemonate Januar und Februar 2020 ist online:
Arne Jysch, Der nasse Fisch. Nach dem Roman von Volker Kutscher, 2016, 212 Seiten.

Graphic Novel: Der nasse Fisch | Foto: nw2020
Es muß wohl so gewesen sein, daß ich mich den Kriminalromanen um Gereon Rath, die Volker Kutscher ab 2006 veröffentlicht hat, zur falschen Zeit und unter ungünstigen Umständen genähert habe. Also eigentlich habe ich mich ja nur dem ersten Band, eben jenem »Nassen Fisch« genähert und das Buch irgendwann versanden lassen. Da hatte ich längst noch zwei weitere erworben, die bis heute ungelesen in meinem Bücherregal stehen.
Wenn Uwe Kalkowski, der Kaffeehaussitzer, bis hierhin mitgelesen hat, wird ihm fassungslos der Mund offenstehen.
Ich wundere mich darüber ja selbst: Die Zwanziger Jahre, das ist meine Zeit, und Berlin, das ist meine Stadt.
Aber irgendwie hatte es damals nicht gefunkt zwischen uns.
Und dann sah ich im Jahr 2018 diese Graphic Novel auf eine Stapel Mängelexemplare liegen. Damals war dann auch die Verfilmung schon wieder Geschichte und die gezeichnete Version wurde gerade verramscht.
Genau der richtige Zeitpunkt, um zuzugreifen. Antizyklisches Kaufverhalten.
Und nun sitze ich da im Februar 2020, lese diese Graphic Novel, bin ebenso begeistert von der Geschichte wie von der graphischen Umsetzung, die Arne Jysch mit Akribie und großem Einfühlungsvermögen umgesetzt hat – toll!
Und woher soll ich jetzt die Zeit für mehrere tausend Seiten Volker Kutscher nehmen?
Alexander Münninghoff, Der Stammhalter, Roman einer Familie, 2014, dt. 2018 (aus dem Niederländischen von Andreas Ecke), 334 Seiten.

Alexander Münninghoff, Der Stammhalter | Foto nw2020
Der niederländische Journalist und Autor (geboren 1944) legt mit diesem Buch seine bewegte Familiengeschichte vor. Diese beginnt mit einer Episode aus dem Jahr 1948, als der Erzähler also vier Jahre alt ist. Es schließt sich eine Rückblende ab dem Jahre 1915 an, dem Zeitpunkt, da sein Großvater in die Welt hinauszieht.
Münninghoff nimmt uns mit in eine sehr farbige, dynamische und offene Zeit. Der heraufdämmernde Faschismus ist zunächst eine Randerscheinung und hat wohl kaum Chancen, so scheint es, sich in einem offenen Europa der grenzüberschreitenden Begegnungen und des Handelsaustauschs zu etablieren.
Turbulente Kriegsjahre und eine sich noch sortieren müssende Nachkriegszeit ermöglichen vieles; erst in den 1950er Jahren entwickeln sich stabilisierte Rahmenbedingungen.
Der Autor erzählt konzentriert und gleichzeitig detailreich, verbindet dabei die Hoch- und Tiefpunkte der Familiengeschichte mit den weltpolitischen Entwicklungen und zeichnet ein packendes Bild der damaligen Zeit. Das Romanhaft-Erzählerische überwiegt auf weiten Strecken des Buches deutlich gegenüber dem Biographischen. Freilich sind die Dichte und Kombination der Erlebnisse ebensowenig repräsentativ wie der Reichtum und die Weltläufigkeit der Familie. Selbst mit Talent und schriftstellerischem Geschick erzählt wäre ein Bericht meines Vaters über das Leben seines Großvaters und der Famile zwischen 1915 und 1999 allenfalls von statistischem Wert für Heimatforscher. Ein Durchschnittsleben enthält einer Famile sicherlich manches vor, bewahrt sie aber auch vor einigem.
Kognak im Herrenzimmer wird geradezu zum Leitmotiv für die Mittel und Wege, die der Großvater des Autors findet, um schwierige Entwicklungen abzuwehren oder sogar zu seinen Gunsten zu drehen.
Strafpredigten und Dialoge, detaillierte Motivkenntnisse – irgendwann nimmt das auktoriale Erzählen überhand. Demgegenüber sind die Protokolle, aus denen der Autor gelegenlich zitiert, mitunter von karger Dürftigkeit – was er denn auch prompt moniert.
Authentischer wird das Buch dann nach meinem Empfinden, als Alexander und seine Mutter im zweiten Teil des Buches aus dem Haus der Großeltern ausziehen und der Autor nun seine eigene Geschichte erzählt. Auch hier mit einem für einen Sechsjährigen stupendem Erinnerungsvermögen an Dialoge und den bleigrauen Himmel an einem Januartag, aber gut.
So habe ich das Buch bei fortschreitender Lektüre des ersten Teils denn auch primär als Unterhaltung wahrgenommen. Das ist kein Manko, aber man sollte es bei der Lektüre wissen. Vieles ist Fiktion, Ausschmückung, aber auch Verkürzung. Denn:
Die Darstellung der Geschichte Posens in zwei Sätzen ist insofern verkürzt, als über hundert Jahre als preußische Stadt einfach unter den Tisch fallen. So etwas ist besonders ärgerlich, weil ich dann mißtrauisch werde: Was stimmt noch nicht oder ist in bestimmter Absicht verkürzt?
Insgesamt ist dies jedoch – trotz einiger Defizite in der Komposition – ein lesenswertes Buch, das vor allem die dreißiger und vierziger Jahre aus einer besonderen Perspektive zeigt. Kollaboration der Niederländer mit den Deutschen und weitreichende Vetternwirtschaft – ob im Vorkriegslettland oder in den Niederlanden der Nachkriegszeit – sorgen für ein mehr oder weniger ungestörtes und ungehindertes Anhäufen und Genießen von Reichtum und dafür, daß etwaige Probleme in der Regel schnell aus dem Weg geräumt werden können. Die Schilderung der Nachkriegsjahre wirft dann ein Schlaglicht auf die mehrfach begründete Außenseiterposition des Erzählers und seiner Mutter. Hier wird der Bericht im Ganzen fragmentarisch, um dann aber wieder mit inneren Monologen von Menschen zu prangen, die der Autor nur indirekt kannte.
Zum Ende hin wird die Erzählung immer düsterer, die romanhaften Ausschmückungen, was Weltläufige, alles fällt weg. Zurück bleiben vielfaches Unglück und Einsamkeit. Eine bewegende, gleichwohl überfrachtete Geschichte ist zu Ende. Ich habe aufgeatmet.
Angelika Overath, Ein Winter in Istanbul, 2018, 263 Seiten.

Angelika Overath, Ein Winter in Istanbul | Foto: nw2020
Clas, ein Religionslehrer aus der Schweiz, reist mit einem Forschungsstipendium nach Istanbul, wo er zu Nikolaus von Kues oder Nicolaus Cusanus (1401-1464) arbeiten möchte. Cusanus war als päpstlicher Legat im Jahr 1437 von Basel nach Konstantinopel gereist, um den oströmischen Kaiser und den Patriarch von Konstantinopel dazu zu bewegen, zu einem Unionskonzil nach Venedig zu fahren.
Der Mann aus dem Engadin ist fasziniert von der Stadt am Wasser, zwischen Europa und Asien mit ihrem antiken und mittelalterlichen Erbe sowie den Vielfältigkeiten und Widersprüchen der heutigen Türkei. Eines Tages lernt er zufällig Baran kennen, der in einem Café als Kellner arbeitet und ihm die Stadt aus der Perspektive der Einheimischen zeigt. Die Männer kommen sich näher und Clas, der bislang heterosexuell lebte und mit einer Kollegin verlobt ist, lernt eine neue Seite an sich kennen, die er immer lustvoller auslebt. Ein Überraschungsbesuch seiner Verlobten Alva fordert dann eine Entscheidung von ihm.
Wie leicht man sich täuschte über die Realität, in der man meinte, sicher zu sein. (S. 199)
Overath verknüpft diese durchaus starke Erzählung, die eine gute Novelle hätte sein können, mit den Reflexionen von Clas und den Gesprächen der beiden Männer, die sich wie Sheherazade Geschichten erzählen. So mäandert der Text oft, zu oft vor sich hin, und nicht selten wirkt es, als habe an mancher Stelle eben ein Rechercheergebnis zu Cusanus oder einem osmanischen Denker abgeladen werden müssen. Wenig gefallen haben mir dann Passagen zum Kopftuchtragen und zur aktuellen Lage in der Türkei, mit denen Baran manchmal zum Sprachrohr offizieller Positionen wird. In anderen äußert er sich kurz kritisch zu den Folgen des Putsches. Das wirkt oft aufgesetzt und dabei geht fast ein wenig unter, wie einfühlsam und überhaupt nicht voyeuristisch sie Sexszenen zwischen den beiden Männern schildert.
Insgesamt ist der Roman eine lesenswerte Hommage an die Stadt Istanbul, die immer nur Teile ihrer Vielfältigkeit und Geschichte zeigt, aber stets durch eine Fülle von Querverbindungen und Längsschnitten überrascht. Die Figuren der Vergangenheit und Gegenwart verhandeln Fragen von Zeit und Vergehen, von Nähe und Distanz, von Sicheinlassen und Abweisen, von Reden und Nichtverstehen, von Ehrlichkeit miteinander und vor sich selbst. Das ist gut und fesselnd, ja durchaus, aber für mich hätte weniger – vor allem der Verzicht auf die Schilderung der Eroberung der Stadt durch die Türken, letztlich aber auch auf den Handlungsstrang um Cusanus – mehr bedeutet. Die Dreieckgeschichte hätte für sich stehen können, finde ich.
Wir hätten ein gemeinsames Leben leisten können. Pragmatisch. So wie es viele tun. (S. 252)
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