Münninghoff, Der Stammhalter

Alexander Münninghoff, Der Stammhalter, Roman einer Familie, 2014, dt. 2018 (aus dem Niederländischen von Andreas Ecke), 334 Seiten.

Alexander Münninghoff, Der Stammhalter | Foto nw2020

Alexander Münninghoff, Der Stammhalter | Foto nw2020

Die eigene Familiengeschichte

Der niederländische Journalist und Autor (geboren 1944) legt mit diesem Buch seine bewegte Familiengeschichte vor. Diese beginnt mit einer Episode aus dem Jahr 1948, als der Erzähler also vier Jahre alt ist. Es schließt sich eine Rückblende ab dem Jahre 1915 an, dem Zeitpunkt, da sein Großvater in die Welt hinauszieht.

Münninghoff nimmt uns mit in eine sehr farbige, dynamische und offene Zeit. Der heraufdämmernde Faschismus ist zunächst eine Randerscheinung und hat wohl kaum Chancen, so scheint es, sich in einem offenen Europa der grenzüberschreitenden Begegnungen und des Handelsaustauschs zu etablieren.

Turbulente Kriegsjahre und eine sich noch sortieren müssende Nachkriegszeit ermöglichen vieles; erst in den 1950er Jahren entwickeln sich stabilisierte Rahmenbedingungen.

Stil und Inhalt

Der Autor erzählt konzentriert und gleichzeitig detailreich, verbindet dabei die Hoch- und Tiefpunkte der Familiengeschichte mit den weltpolitischen Entwicklungen und zeichnet ein packendes Bild der damaligen Zeit. Das Romanhaft-Erzählerische überwiegt auf weiten Strecken des Buches deutlich gegenüber dem Biographischen. Freilich sind die Dichte und Kombination der Erlebnisse ebensowenig repräsentativ wie der Reichtum und die Weltläufigkeit der Familie. Selbst mit Talent und schriftstellerischem Geschick erzählt wäre ein Bericht meines Vaters über das Leben seines Großvaters und der Famile zwischen 1915 und 1999 allenfalls von statistischem Wert für Heimatforscher. Ein Durchschnittsleben enthält einer Famile sicherlich manches vor, bewahrt sie aber auch vor einigem.

Kognak im Herrenzimmer wird geradezu zum Leitmotiv für die Mittel und Wege, die der Großvater des Autors findet, um schwierige Entwicklungen abzuwehren oder sogar zu seinen Gunsten zu drehen.

Strafpredigten und Dialoge, detaillierte Motivkenntnisse – irgendwann nimmt das auktoriale Erzählen überhand. Demgegenüber sind die Protokolle, aus denen der Autor gelegenlich zitiert, mitunter von karger Dürftigkeit – was er denn auch prompt moniert.

Authentischer wird das Buch dann nach meinem Empfinden, als Alexander und seine Mutter im zweiten Teil des Buches aus dem Haus der Großeltern ausziehen und der Autor nun seine eigene Geschichte erzählt. Auch hier mit einem für einen Sechsjährigen stupendem Erinnerungsvermögen an Dialoge und den bleigrauen Himmel an einem Januartag, aber gut.

Wirkung der Lektüre

So habe ich das Buch bei fortschreitender Lektüre des ersten Teils denn auch primär als Unterhaltung wahrgenommen. Das ist kein Manko, aber man sollte es bei der Lektüre wissen. Vieles ist Fiktion, Ausschmückung, aber auch Verkürzung. Denn:

Die Darstellung der Geschichte Posens in zwei Sätzen ist insofern verkürzt, als über hundert Jahre als preußische Stadt einfach unter den Tisch fallen. So etwas ist besonders ärgerlich, weil ich dann mißtrauisch werde: Was stimmt noch nicht oder ist in bestimmter Absicht verkürzt?

Insgesamt ist dies jedoch – trotz einiger Defizite in der Komposition – ein lesenswertes Buch, das vor allem die dreißiger und vierziger Jahre aus einer besonderen Perspektive zeigt. Kollaboration der Niederländer mit den Deutschen und weitreichende Vetternwirtschaft – ob im Vorkriegslettland oder in den Niederlanden der Nachkriegszeit – sorgen für ein mehr oder weniger ungestörtes und ungehindertes Anhäufen und Genießen von Reichtum und dafür, daß etwaige Probleme in der Regel schnell aus dem Weg geräumt werden können. Die Schilderung der Nachkriegsjahre wirft dann ein Schlaglicht auf die mehrfach begründete Außenseiterposition des Erzählers und seiner Mutter. Hier wird der Bericht im Ganzen fragmentarisch, um dann aber wieder mit inneren Monologen von Menschen zu prangen, die der Autor nur indirekt kannte.

Zum Ende hin wird die Erzählung immer düsterer, die romanhaften Ausschmückungen, was Weltläufige, alles fällt weg. Zurück bleiben vielfaches Unglück und Einsamkeit. Eine bewegende, gleochwohl überfrachtete Geschichte ist zu Ende. Ich habe aufgeatmet.

 

 

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