Ein Winter in Istanbul

Angelika Overath, Ein Winter in Istanbul, 2018, 263 Seiten.

Angelika Overath, Ein Witer in Istanbul | Foto: nw2020 #roman

Angelika Overath, Ein Winter in Istanbul | Foto: nw2020

Clas, ein Religionslehrer aus der Schweiz, reist mit einem Forschungsstipendium nach Istanbul, wo er zu Nikolaus von Kues oder Nicolaus Cusanus (1401-1464) arbeiten möchte. Cusanus war als päpstlicher Legat im Jahr 1437 von Basel nach Konstantinopel gereist, um den oströmischen Kaiser und den Patriarch von Konstantinopel dazu zu bewegen, zu einem Unionskonzil nach Venedig zu fahren.

Der Mann aus dem Engadin ist fasziniert von der Stadt am Wasser, zwischen Europa und Asien mit ihrem antiken und mittelalterlichen Erbe sowie den Vielfältigkeiten und Widersprüchen der heutigen Türkei. Eines Tages lernt er zufällig Baran kennen, der in einem Café als Kellner arbeitet und ihm die Stadt aus der Perspektive der Einheimischen zeigt. Die Männer kommen sich näher und Clas, der bislang heterosexuell lebte und mit einer Kollegin verlobt ist, lernt eine neue Seite an sich kennen, die er immer lustvoller auslebt. Ein Überraschungsbesuch seiner Verlobten Alva fordert dann eine Entscheidung von ihm.

Wie leicht man sich täuschte über die Realität, in der man meinte, sicher zu sein. (S. 199)

Overath verknüpft diese durchaus starke Erzählung, die eine gute Novelle hätte sein können, mit den Reflexionen von Clas und den Gesprächen der beiden Männer, die sich wie Sheherazade Geschichten erzählen. So mäandert der Text oft, zu oft vor sich hin, und nicht selten wirkt es, als habe an mancher Stelle eben ein Rechercheergebnis zu Cusanus oder einem osmanischen Denker abgeladen werden müssen. Wenig gefallen haben mir dann Passagen zum Kopftuchtragen und zur aktuellen Lage in der Türkei, mit denen Baran manchmal zum Sprachrohr offizieller Positionen wird. In anderen äußert er sich kurz kritisch zu den Folgen des Putsches. Das wirkt oft aufgesetzt und dabei geht fast ein wenig unter, wie einfühlsam und überhaupt nicht voyeuristisch sie Sexszenen zwischen den beiden Männern schildert.

Insgesamt ist der Roman eine lesenswerte Hommage an die Stadt Istanbul, die immer nur Teile ihrer Vielfältigkeit und Geschichte zeigt, aber stets durch eine Fülle von Querverbindungen und Längsschnitten überrascht. Die Figuren der Vergangenheit und Gegenwart verhandeln Fragen von Zeit und Vergehen, von Nähe und Distanz, von Sicheinlassen und Abweisen, von Reden und Nichtverstehen, von Ehrlichkeit miteinander und vor sich selbst. Das ist gut und fesselnd, ja durchaus, aber für mich hätte weniger – vor allem der Verzicht auf die Schilderung der Eroberung der Stadt durch die Türken, letztlich aber auch auf den Handlungsstrang um Cusanus – mehr bedeutet. Die Dreieckgeschichte hätte für sich stehen können, finde ich.

Wir hätten ein gemeinsames Leben leisten können. Pragmatisch. So wie es viele tun. (S. 252)

 

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