Phantasie – Schriftsteller im Gespräch

„Der Prozess dauert oft jahrelang, vor allem der Denkprozess.“ (Pavel Kohout, S. 187) 

„Ich musste nur noch einen Prozess nachvollziehen.“
(Günter Grass, S. 224)

„Der Roman, den ich jetzt schreiben will, den gibt es schon.“ (Walter Kempowski, S. 298)

„Die Arbeit liegt vor dem Schreiben.“
(Heinrich Böll, S. 309)

Toulouse-Lautrec: Detail aus "Die Loge mit der Goldmaske" Foto: nw2014

Toulouse-Lautrec: Detail aus „Die Loge mit der Goldmaske“
Foto: nw2014

Zwischen 1980 und 1982 führte Siegfried Lenz Gespräche mit den Autorenkollegen Pavel Kohout, Günter Grass, Walter Kempowski und Heinrich Böll. Diese wurden seinerzeit im Fernsehen ausgestrahlt und 1982 auch in Buchform veröffentlicht. In dem umfangreichen Gesprächsband, den Hoffmann und Campe ein Jahr nach dem Tod von Lenz herausbrachte, nehmen sie mit 158 Seiten das zweite Drittel ein.

1979 war Margaret Thatcher Premierministerin des Vereinigten Königreichs geworden, 1980 hatte Franz Josef Strauß die Bundestagswahl verloren und den bei den Linken in der eigenen Partei ungeliebten Helmut Schmidt im Amt gehalten, 1981 wurde dann Ronald Reagan US-Präsident. Über ihn, den Schauspieler, fühlen sich die Schriftsteller turmhoch erhaben. Rüstung und Atomkrieg sind ihre Schreckgespenster, der Generalsekretär der KPdSU – nota bene Leonid Breschnew – gilt Grass, Lenz und Böll als ein Friedensfürst.

Interessant sind die Gespräche aus anderen Gründen. Lenz (1926-2014), Grass (1927-2015), Kempowski (1929-2007) und Kohout (*1928) sind Angehörige einer Generation; der ältere Böll (1917-1985) fing erst nach dem Krieg zu schreiben an.

Kohout und Kempowski äußern sich mehr als Literaten, Grass und Böll eher und vordringlich als politisch Engagierte. Bei Grass kommt der schnell störende, dozierende Duktus hinzu. Phantasie ist allen vier Autoren wichtig, wobei mir der kakanisch geprägte Kohout mit seiner erzählerischen Opulenz am liebsten ist, gefolgt vom ruhigen, unaufgeregten Kempowski. Beide äußern sich als Leser und als Autoren, beide sind in Biographie und Werk politisch. Grass und Böll drängen in den Gesprächen  vom Literarischen hin zum für sie Eigentlichen, der Politik.

Der Zusammenhang von Erinnerung, Phantasie und Kreativität wird in allen Gesprächen hergestellt; als Anknüpfungspunkt bringt Lenz gerne Kafka und Proust ins Spiel und stellt außerdem Bezüge zu den Veröffentlichungen der Gesprächspartner her.

„Kein Autor weiß, was er anrichtet,“ befindet Böll (S. 303). Der Leser bleibt ein unbekanntes Wesen, diese Gespräche bringen uns die fünf beteiligten Schriftsteller näher.

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2 Antworten zu Phantasie – Schriftsteller im Gespräch

  1. dasgrauesofa schreibt:

    Lieber Norman,
    einen kleinen Blick über die Schultern der Schriftsteller werfen zu können, um in ihre Schreibwerkstatt zu schauen, das finde ich immer sehr interessant (s. Deine Zitate). Der Blick zeigt ja immer wieder – so ist es mir auch bei Terézia Moras Frankfurter Poetikvorlesung sehr deutlich geworden -, wie anstrengend, wie aufwendig der Prozess des Schreibens ist – nichts zu sehen vom Genie, das „mal eben“ einen tollen Roman schreibt.
    Und die Erinnerungen an die 1970er und 1980er Jahre und ihre politischen Strömungen sind ja aus unserer heutigen Sicht sehr amüsant: Breschnew, ein Friedesnfürst!
    Viele Grüße, Claudia

  2. Pingback: Gespräche mit Siegfried Lenz | notizhefte

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