Richard Powers, Orfeo

Foto: nw2015

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Orfeo, Orpheus – das evoziert bei mir als Opernfreund natürlich zunächst Monteverdi, Gluck und, ja, Offenbach. Und hier vor allem Theo Lingen: https://youtu.be/IWh30Xzhi88

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Aber ich finde auch ein possierliches Bühnenfoto einer Inszenierung von »Orfeo ed Euridice« aus Florenz beim Maggio Musicale im Juni 1951. Man sieht Maria Callas als Euridice und Tyge Tygesen als Orfeo. Hier und heute geht es aber um einen 2014 erschienenen Roman, geschrieben von Richard Powers, den ich in der Lizenzausgabe der Büchergilde gelesen habe. 492 Seiten, gelber Leineneinband mit Lesebändchen und illustriertem Schutzumschlag. Worum geht es? Powers, ein us-amerikanischer Erfolgsautor, der schon eine Reihe von Romanen vorgelegt hat – von denen ich eingestandenermaßen aber keinen kenne –, präsentiert hier ein Buch über das Leben, in dem ein Mann in seinen Siebzigern zurückblickt auf seine Kindheit in den USA der 1950er Jahre und die Zeit danach, über Liebe, Ehe und Familie. Aber der Mann erlebt auch in der Gegenwart allerhand, und zwar im Kontakt mit den (Sicherheits-)Behörden. Alles fängt damit an, daß er den Notruf wählt, als sein Hund stirbt. Es entwickelt sich eine turbulente Geschichte, die die paranoide Haltung der Amerikaner und den Druck staatlicher Überwachungsmöglichkeiten sehr gut sichtbar macht. Gleichzeitig und vorrangig ist dies aber auch ein Buch über die Musik. Peter Els, die Hauptfigur, ist Musiker, unterrichtete Komposition an einer Universität und verbrachte ein Leben damit, Klangstrukturen zu begreifen, Musik zu hören, zu schreiben und vorzutragen.

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Liebe denkt in süßen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.

Diese berühmte Passage aus Ludwig Tiecks Gedicht »Liebe« kam mir beim Betrachten des Buches und dem Studium des Klappentextes ebenso in den Sinn wie Thomas Manns »Doktor Faustus«. Powers macht freilich etwas ganz anderes aus dem Künstlerthema. Sein Buch verknüpft Musik, Biotechnologie und Terrorbekämpfung zu einer Geschichte, in der das Motiv des Protagonisten für seine nach der Pensionierung durchgeführten Laborexperimente darin besteht, Melodien in DNA-Strukturen festzuhalten. Überwiegend ist das Buch furios erzählt und spannend konstruiert. Das Außenseitertum des sich für klassische Musik interessierenden Kindes, die ersten Liebeserfahrungen des Teenagers, das Verhältnis zu dem musikalischen Hund, erste Hörerfahrungen und wissendes Wiederhören komplexer Musik – all das fast Powers gut, ja mitunter fesselnd in Worte. Ein paar Beispiele:

Er hatte noch nie von Zemlinsky gehört. Sie bedachte ihn mit einem Lächeln, das zu verstehen gab, dass die Liste von Dingen, von denen er noch nie gehört hatte, sehr lang war. (S. 48)

Diese Lieder mit achtzehn zu hören, mit der Hand auf Claras Brust, das war, als sei er von der Achter-Buntstiftbox zum Regenbogenset mit 64 Farben aufgestiegen. Jetzt mit siebzig, allein im Haus mit einem Glas Scotch, das er nicht angerührt hat, hört Els in den Tiefen dieser Lieder immer noch den Keim zu einer Freiheit, die noch nicht fertig mit ihm ist. (S. 54f.)

Die Lieder wurden zweimal aufgeführt, im Abstand von sieben Jahren, jedes Mal vor einem Dutzend ratloser Zuhörer. (S. 76)

Die Verknüpfung von Musik und Naturwissenschaften im Leben von Peter Els erlaubt dem Autor schöne Passagen zu Struktur und Notation, zu Klang- und Raumwelten, die im Kopf entstehen. Die volle Absurdität einer Episode aus dem Krieg läßt mich, wie so häufig, fassungslos und zutiefst beschämt zurück. Powers führt zu diesem Abschnitt im Kriegsgefangenenlager hin:

Die Deutschen schicken Pasquier in die Steinbrüchen von Strzegom. Doch ein Lagerverwalter begreift, dass es sich um den Cellisten des berühmten Trios Pasquier handelt, und gibt ihm eine andere Aufgabe. Auch die anderen Musiker bekommen etwas mehr zu essen und etwas weniger schwere Arbeit. Krieg ist Krieg, aber für die Deutschen ist Musik Musik. (S. 151)

Mit ungeheurem Selbstbehauptungswillen, wie er auch im Falle des Historikers Braudel vorlag, komponiert Olivier Messiaen sein »Quatuor pour la fin du temps«, das am 15. Januar 1941 aufgeführt wird: unter schwierigen Bedingungen, aber mit Unterstützung der Lagerleitung.

Die deutschen Offiziere, allesamt Musikliebhaber, nehmen ihre Vorzugsplätze in den vorderen Reihen ein. (S. 156)

Els rekapituliert dies, als er, schon halb auf der Flucht, weil die Sicherheitsbehörden sein Haus mit dem „gefährlichen“ Laboratorium räumen, aber, weil er noch nicht weiß, wohin er fliehen soll, im örtlichen Altenheim seinen wöchentlichen Vortrag zur Musikgeschichte extemporiert. Das Altenheim heißt übrigens »Schattiger Hain«; eine nette Referenz an das Fernsehen, wie ich finde. Das Buch blendet zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her, aber so, daß ich dabei den Überblick behalte. Musiktheoretische und -historische Betrachtungen wechseln mit – nicht zwingend dynamischen – Handlungsabschnitten.

Musicircus: Cages neuester Versuch, der Welt zu sagen, dass Lärm der Mädchenname der Musik ist. (S. 182)

Er fühlt sich verkatert, obwohl er die ganze Nacht nichts außer Chaos getrunken hat. (S. 190)

Das Stück war die Art Charterflug nach Paris, die am Ende in Havanna landet. (S. 207)

Während Els auf der Flucht ist, läßt Powers ihn die vielfältigen technischen Ortungsmöglichkeiten durchdenken, im Autoradio hört er die Nachrichten, in denen es auch um ihn, den flüchtigen Terrorverdächtigen geht. All dies summiert sich zu einem Eindruck der Gehetztheit, ohne daß Erzähl- und Handlungstempo steigen. Das finde ich gut gemacht. Abrupt hineingeschnittene Passagen aus der Vergangenheit (Familiengründung, Vaterschaft) erhöhen im Kontrast diese Wirkung, haben aber im Verlauf des Buches auch einen stark retardierenden Effekt, so daß in der Hälfte des Texts die Frage beim Lesen im Raum steht: Was kommt da noch? Der erste Paukenschlag geschieht in der Vergangenheit: Scheidung, kreative, aber erfolglose Periode in Manhattan – damals im öffentlichen Niedergang –, Jahre in der Provinz.

In der Wildnis der Vaterschaft ändert sich die Musik. (S. 241)

Els genießt das Familienleben, doch abrupt ist es vorbei.

Der Besuch sollte zehn Tage dauern. Nach zehn Minuten hatten sie sich nichts mehr zu sagen. (S. 293)

Els ging nach New Hampshire, um für eine Saison aus New York fortzukommen. Er blieb zehn Jahre. Später konnte er alles, was er in diesem Jahrzehnt tat, in knapp fünf Minuten erzählen, und es fehlte nichts von Bedeutung. (S. 295)

Die Handlung durchläuft in Vergangenheit und Gegenwart weitere Verwicklungen. Zeitgefühl und Zeiterfahrung alter und junger Menschen flimmern durch den Text.

Die Hälfte der Anwesenden hat eigene Stöpsel im Ohr, die andere Hälfte nimmt diese Musik, wenn sie sie überhaupt wahrnimmt, nur als Schutz vor den Schrecken des Schweigens. (S. 330) 

Musik hören, Klangbilder analysieren, Lebensfragen stellen. Trotz gelegentlicher Handlungsarmut bleibt das Buch spannend, weil es überraschende Einsichten bietet und weil die Perspektivenwechsel neugierig machen. Irgendwann werden die Musikbeschreibungen allerdings dann doch redundant, auch wenn die Auswahl der Stücke an die Situationen der Handlung angepaßt ist und zu mehr als nur zur Untermalung dient. Dicht und drängend hingegen die Schilderung des schöpferischen Chaos vor der Uraufführung von Els Oper, einer Auftragskomposition, die ihm sein alter Freund Bonner verschafft, nein, aufdrängt. Auch hier fügt Powers eine unerwartete Volte an. Grandios wiederum die Passage über Schostakowitsch und Stalin (S. 373ff.). In bester Road-Movie-Manier fährt Els durch die USA, besucht Personen, die in seinem Leben wichtig waren, bevor es zum Show-down kommt.

Kein Speichermedium war dauerhafter als das Leben. (S. 445)

Das Buch ist in den Feuilletons sehr unterschiedlich besprochen worden. Ich verweise auf zwei Besprechungen, eine in der New York Times und eine in der  Neuen Zürcher Zeitung. Mein Fazit: Für Musikliebhaber spannend, eine wirbelnde Textkomposition. Aber eben auch ein etwas überfrachteter Roman: die Mentalität der USA vom Zweiten Weltkrieg bis 2012 am Beispiel musikalischer Avantgardeentwicklungen.

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7 Antworten zu Richard Powers, Orfeo

  1. Drittgedanke schreibt:

    Ich musste zuerst etwas stutzen (nicht wegen des großzügigen geschnittenen Stücks Käsekuchen – in meinem Café fallen die deutlich kleiner aus) wegen des Einbands. Wirklich schön, die Büchergilde-Covergestaltung!

  2. Andreas Wolf schreibt:

    Eine sehr schöne Besprechung, ich glaube, das Buch will ich auch lesen. Nur eine Frage: Inwiefern ist das Altersheim „Schattiger Hain“ eine Referenz an das Fernsehen?

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