Rasant: Der Fritz

Kann man die mit „Unruhestifter“ treffend betitelten Erinnerungen von Fritz J. Raddatz besprechen? Man könnte, sicher. Aber ist es zu leisten? Und vor allem: Ist es auch notwendig? So fragte ich mich nach der Lektüre, doch etwas erschöpft von fast fünfhundert Seiten Wortgewaltigkeit, Name-dropping und Selbstbespiegelung.

Ich kann und will nicht das Buch nacherzählen, sondern einen Leseeindruck schildern – und der lautet trotz der eben angesprochenen Erschöpfung: lesenswert!

Raddatz, 1931 geboren, setzt kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein und schildert sich als Berliner Steppke, konfrontiert mit der schrecklichen Häuslichkeit und den einrückenden Russen sowie den Überlebenskampf in der belagerten und dann besiegten Stadt. Schonungslose Offenheit durchzieht das Buch, sich selbst und anderen gegenüber.

„Wir verhungerten bei Kalbsnierenbraten und Schokoladenpudding.“ (S. 13)

So fängt die Charakterisierung der Lieblosigkeit in der Kindheit an und sie spart den vom Vater angeordneten Beischlaf des noch nicht Zwölfjährigen mit der Stiefmutter nicht aus.

Lebenssituationen und Begegnungen werden anschaulich beschrieben und mit Briefen sowie Tagebucheintragungen, also aus der Zeit heraus, unterfüttert. Das Buch enthält viele Anklagen und Rechtfertigungen, es ist die Chronik eines Erfolgs, der Neid und Ablehnung hervorruft. Raddatz porträtiert viele wichtige Menschen, darunter auch viele Wichtigtuer, aus Literatur, Kunst und Journalismus. Er würdigt, klagt an, beklagt sich. Er listet auf, bilanziert, vermißt Zuspruch, ängstigt sich vor der Zukunft und dem Alter.

Echte und vermeintliche Freundschaften spielen eine große Rolle, auch damit verbundene Feste, so 1987 zu Grass‘ sechzigstem Geburtstag:

„Einzig der zähe alte Jude Liebermann hatte Stil; schickte vorher per Fahrer eine Kiste teuren Bordeaux für mich (von dem ich auch nichts ausschenkte; meiner ist gut genug, und die Literaten merken ohnehin nicht, was sie trinken, könnte auch Chianti aus der Schraubverschlussflasche sein).“ (S. 334f.)

Das Buch hat Tempo, wirkt oft berlinerisch und vermittelt Lesefreude. FJR ist ein Büchermensch, ein Autorenfreund. Er geht in seinem Tun auf und er ist entsetzt über diejenigen, die das nicht oder jedenfalls anders tun. Vor allem Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt sind ihm Schreckensgestalten.

Raddatz schließt bilanzierend:

„Mit Anstand kläglich, mit Verve irrend, den eigenen Sehnsüchten entfliehend und der Gnade, die ihm zuteil wurde, zuwenig achtend. Ein Weltenschlürfer des ungestillten Durstes. Torero und Stier zugleich.“ (S. 478)

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