Weihnachtsferien und Zeit zwischen den Jahren

Eigentlich finde ich es schade, Berlin an Weihnachten zu verlassen. Aber Weihnachten ist nun einmal das typische Familienfest und da versammelt man sich halt am Schwerpunkt der Familie, wo die meisten leben und auch die Infrastruktur für ein Zusammenkommen besteht. Und die Erinnerung an den Besuch von sieben engeren und weiteren Familienangehörigen über Weihnachten vor drei oder vier Jahren weckt auch nicht den Wunsch nach einer Wiederholung.

Also entspannt am Montag vor Heiligabend mit dem Zug ins Hessische, ins Elternhaus. Dienstag Treffen mit alten Schul- und Studienfreunden, heute überwiegend Staats- und Rechtsanwälte. Mittwochs dann vor allem Baumschmücken und zur Bescherung mein alljährlicher Versuch des Akkordeonspiels. An Heiligabend scheint im Wohnzimmer meiner Eltern die Zeit stillzustehen, der Weihnachtsbaum wird, nach einigen Experimenten in den Achtzigern, immer auf die gleiche Weise geschmückt: rote Kugeln an roten Stoffschleifen, rote Wachskerzen, fertig. Das sehe am natürlichsten aus, befand meine Mutter irgendwann einmal. Mir gefällt es jedenfalls!

Am Weihnachtsmorgen lange Telefonate mit den Austro-Amerikanern, die Weihnachten in Kitzbühel verbringen. Die habe ich vor ein paar Jahren auch mal dort besucht, wunderschöne Bergkulisse, aber Wintersport ist überhaupt nichts für mich und dann stört man da letztlich doch ein wenig, vor allem, wenn die Cousins passionierte Skifahrer sind. Danach Gottesdienstbesuch und mittags Fahrt zum Bruder meines Vaters, wohin auch dessen Tochter, Schwiegersohn und Enkel gekommen sind. Munterer Anruf der 95-jährigen Tante der beiden Brüder.

Am zweiten Feiertag zunächst zwei Stunden am Schreibtisch, dann noch einmal Vanillekipferl gebacken. Denn, wie Wolfram Siebeck so treffend in dem Rezept, nach dem ich mich seit langem richte, schreibt: „Mit Weihnachten freilich haben sie so viel zu tun wie ein Seidenschlips.“

Beim Dorfrundgang am Nachmittag spüre ich die jährlich wachsende Entfremdung wieder sehr deutlich; außerhalb des Elternhauses und ein paar langsam erschlaffender Freundschaftsbande ist mir die alte Heimat fremd geworden − ich kann und will auch gar nicht mehr an die Zeit vor 25 Jahren anknüpfen. Ich habe mich verändert, neues erlebt, neue Menschen getroffen. Und auch die Freunde von früher haben das; manch einer aber auch nicht. In beiden Fällen hat man sich nicht automatisch mehr etwas zu sagen und verstummt nach ein paar Witzen aus der zehnten Klasse, über die man freilich noch gemeinsam lachen kann.

Der Wintereinbruch mit heftigem Schneefall konzentriert mich wieder auf das hier und jetzt; es entsteht angesichts des ewigen Schneeschaufelns die übliche, fruchtlos verlaufende Diskussion mit den Eltern, das Haus zu verkaufen und in eine Wohnung in der Stadt zu ziehen.

Am Schreibtisch wächst unterdessen der lange überfällige Text über die Gründung des Europarats langsam zwar, aber immerhin stetig an. Offenbar hat alles lange genug gegärt und will nun aufgeschrieben werden. Aber es braucht noch deutlich mehr Seiten…

Silvesterabend dann zunächst ein gutes Essen, später das städtische Feuerwerk angeschaut. Manchmal sind Konventionen schön und lästig zugleich; eigentlich ist es ein normaler Abend und trotzdem muß man sich die Nacht um die Ohren schlagen, anstatt einfach den Kalender umzublättern. Andererseits kann das durchaus zu wunderbaren Feiern führen – ich erinnere mich an schöne Abende in Leipzig, Hamburg, Berlin, Wiesbaden und Frankfurt. Und an wunderbare Neujahrsspaziergänge!

 

 

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