Patrick Modiano, Villa Triste

Der schmale Roman des Nobelpreisträgers 2014 ist der zweite, den ich von ihm lese, nach „Der Horizont“. Anders als dieser spielt Villa Triste nicht in Paris, sondern in der Provinz, in Savoyen, in einem Badeort am Genfer See.

Schon der Beginn ist superb, die Beschreibung präzise und indifferent zugleich. Modiano evoziert durch Andeutungen und Namen Bilder von diffuser Klarheit und austauschbarer Genauigkeit. Schon nach zwei Seiten entfaltet das Buch eine starke Sogwirkung: Ich bin dort, ich kenne mich aus, ich war schon in vergleichbaren Situationen – wie geht es weiter, wen treffe ich nun?

Die Provinzstadt wird nur halbjährlich, in der Saison, vom internationalen Tourismus in mondänen Glanz getaucht – oder vielmehr wurde. Denn Viktor, der Held des Romans, kommt zwölf Jahre nach seinem ersten Aufenthalt zurück und wandelt auf den Pfaden von damals, allerlei Veränderungen konstantierend.

Er taucht in die Erinnerung ein und die alte Geschichte entrollt sich vor den Augen des Lesers. Die zufällige Begegnung mit Yvonne und Meinthe führt zu einer Reihe von Begebenheiten, die in unterschiedlicher Länge und Geschwindigkeit wiedergegeben werden – dargeboten als Akt der Erinnerung von Viktor. Doch auch auf der Ebene der erinnerten Handlung erinnert sich Viktor an frühere Begegnungen:

„Es gibt mysteriöse Wesen – immer die gleichen –, die an jeder Wegkreuzung unseres Lebens Posten stehen.“ (S. 41)

Oder er erfindet eine falsche Vergangenheit für sich, wenn es um seine Familie geht, farbig und detailreich – „Ich brauche immer genaue Einzelheiten.“ (S. 45) Dabei bleibt er selbst, wie die schöne Yvonne und der extravagante Meinthe, unfaßlich, bruchstückhaft, heil nur in den Momenten des lautlosen Nichtstuns.

Das Französischsein ist wichtig, es wird gespiegelt und gebrochen, es ist immer wieder ein Thema, ohne ausdrücklich und direkt erörtert zu werden:

„Das Hotel wirkte sehr altertümlich. In der Halle grüne Zierpflanzen, Rohrsessel und riesige Kanapees, die mit Schottenstoff bezogen waren. Hierher kam man im Juli und August mit der ganzen Familie. Im Anmeldebuch reihten sich immer dieselben Namen, echt französische Doppelnamen: Sergent-Delval, Hattier-Morel, Paquier-Panhard… Und nachdem wir ein Zimmer genommen hatten, habe ich gedacht, daß »Comte Victor Chmara« darunter wie ein Fettfleck wirken würde.“ (S. 47)

Ein Wettbewerb um den Cup Houligant wird im Leben der jungen Leute zu einem Höhepunkt, er belebt die Saison und gibt Modiano Anlaß zu zahllosen Personenbeschreibungen, Garderobedarstellungen und Charakterschilderungen. Rivalitäten zwischen einzelnen Figuren, Gleichgültigkeit, Antriebslosigkeit, Passivität, im Aufflammen abklingende Entschlossenheit – bläßlich hingetupft und stark empfunden zugleich.

Das Buch verleitet zum Rückblicken, macht natürlich melancholisch, aber es vermittelt auch die Botschaft, daß das Leben weitergeht. Das eigene und das der anderen. Bis es eben endet. Aber was wissen wir schon?

Eine Besprechung gibt es auch bei Petra.

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3 Antworten zu Patrick Modiano, Villa Triste

  1. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Sehr schöne Besprechung! Und wie ich schon bei mir sagte: Ich freue mich, dass der kleine Roman dir auch gefallen hat. Bist du nun ebenfalls im Modiano-Fieber?

  2. Pingback: Leseliste 2014 – 3 | notizhefte

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