Patrick Modiano: Der Horizont

Mit dem Trick, seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen zu wollen, hält Bosmans – Hauptfigur des Buches – Bruchstücke seiner Erinnerung schriftlich fest. Zuerst Namen, Gesichter, schemenhafte Szenen, dann detailliertere Abläufe, die aber hart gegeneinander geschnitten werden, so wie und so weit wie Bosmans sich erinnert.

Menschen begegnen sich oder gehen aneinander vorbei, und aus diesen Zufälligkeiten ergibt sich das Leben. Auch aus der zufälligen Begegnung zwischen Bosmans und Margaret le Coz, einer in Berlin-Reinickendorf geborenen Bretonin, entwickelt sich etwas.

Bosmans blickt bei seinen Rekonstruktionsversuchen rund vierzig Jahre zurück. Wechsel der Zeitebenen sind stets explizit.

Die mysteriöse Geschäftstätigkeit von Richelieu Interim, einem Arbeitgeber von Margaret, schafft mit wenigen Andeutungen eine perfekte Film-noir-Atmosphäre. Auch die Buchhandlung, in der Bosmans arbeitet, wird als skurriler Ort geschildert, dessen Absonderlichkeit aber niemanden zu stören scheint. Sehr anschaulich wird die Unterschiedlichkeit von Lebensformen, Habitus und gesellschaftlicher Stellung im Kontrast zur Welt des Professors und seiner Frau, wo Margaret eine neue Arbeit als Kindermädchen gefunden hat.

In der Mitte des Buches erfolgt ein Perspektivenwechsel und die Vorgeschichte wird aus der Sicht von Margaret Le Coz erzählt, wobei die Männer vor Bosmans, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben, ins Bild treten. Ein anschließender Wechsel in die Jetztzeit führt zu einer Begegnung Bosmans mit dem einstigen Verfolger von Margaret. Er begegnet auch einer Frau, in der er diejenige zu erkennen glaubt, die vor vierzig Jahren für ihn und Margaret vorübergehend wichtig gewesen war. Es spricht sie jedoch nicht an, und wir begleiten ihn in seine Erinnerungen. Am Ende fährt Bosmans nach Berlin, um die gebürtige Reinickendorferin Margaret dort zu treffen.

Die Sprache des Romans ist gekonnt gestaltet. Kürzere, temporeiche Sätze wechseln mit komplexen Satzgefügen, in denen man sich dank der Meisterschaft von Autor und Übersetzerin nicht verliert. Das Erinnern und die Inhalte der Erinnerung werden hier sehr ansprechend zum Thema einer ruhigen Geschichte gemacht. Daß es wenig Handlung gibt, ist kein Manko. Modianos Stil trifft die sechziger Jahre mitsamt ihrem Optimismus in wenigen Strichen und Wendungen.

Der Roman ist kurz und von Hanser schön in Buchform gebracht. Das Schwarzweißfoto auf dem Umschlag zeigt ein Paar am Seineufer und evoziert das Je-ne-sais-quoi von Paris schlagartig. Das Buch erschien 2010 bei Gallimard und im Jahr 2013 in der Übersetzung von Elisabeth Edl.

Patrick Modiano ist ein vielfach ausgezeichneter,  in Deutschland eher noch unbekaannter französischer Autor, der seit Ende der sechziger Jahre Bücher veröffentlicht, und von dem ich sicher noch weitere Bücher lesen werde. Das Erinnerungsthema und die Spurensuche ist zentral für das Werk Modianos, wie sich bereits aus Titeln anderer Texte ergibt: La Jeunesse, Memory Lane, Quartier perdu, Vestiare de l’enfance – da gibt es noch viel zu entdecken.

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2 Antworten zu Patrick Modiano: Der Horizont

  1. zeilentiger schreibt:

    Ich danke für die heutige Aufklärung! Jetzt fühle ich mich nicht mehr ganz so unwissend.

  2. Pingback: Patrick Modiano, Villa Triste | notizhefte

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