Éric Vuillard, Die Tagesordnung

Vuillard, die Tagesordnung | Foto nw2019 #Geschichte #Nationalsozialismus

Vuillard, die Tagesordnung | Foto nw2019

Das Buch »Die Tagesordnung«, erschienen 2017, ist wie sein Autor vielgerühmt und wurde mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Ich fand das Buch enttäuschend.

Ratlosigkeit angesichts Vereinfachung

Nahaufnahmen zeigen trottelige Unsympathen, alte Gierhälse, grausame Kleingeister – ein Panoptikum bizarrer Gestalten. Man kann sich nach der Lektüre beruhigt zurücklehnen und sich mit Onkel Nolte zum eigenen Anderssein beglückwünschen. Mit dem Wissen des weiteren Fortgangs der Geschichte legt Vuillard – dabei gehörig psychologisierend – Täuschungen, Absonderlichkeiten und zunächst verdeckt bleibende Motive offen.

Das erscheint mir nicht sonderlich originell und verdeckt oder relativiert die Wirkung in der damaligen Gegenwart. Goebbels hat die Wochenschaubilder manipuliert, Pannen unerwähnt gelassen und beim Jubeln nachgeholfen. Gut, aber was heißt das? Was heißt das vor allem vor dem Hintergrund – sehr starke Passage! – der Selbsttötungen vor und nach dem Anschluß Österreichs (S. 105ff.)? Worauf gründeten die Hellsichtigkeit und die Ahnungen derjenigen, die selbst Hand an sich legten, bevor andere es taten? Ließen auch sie sich bluffen?

Greisinnen, die in Altenheimen Fernsehaufnahmen von den Mädchen sehen, die sie einmal waren – auch hier gelingt Vuillard ein starkes Bild (S. 108). Doch was macht er daraus? Die Frage, ob sie wohl nachdenken und unangenehme Empfindungen haben. Das ist allzu schwach!

Was bewirkt also die fiktionale Rekonstruktion, die Vuillard uns präsentiert? Was löst der Text bei uns aus? Ich bekenne: wenig. Und stelle mir die Frage, welchen Lesern es anders gehen mag. Auf die Nähe zu TV-Formaten ist verschiedentlich hingewiesen worden.

Die berechtigte Anklage der deutschen Wirtschaft, die von der Ausbeutung der Zwangsarbeiter profitierte und weder angemessene Entschädigung zahlte noch ihre Schuld bekannte – das wird in wenigen Sätzen abgehandelt, garniert mit einer Geistererscheinung des schlechten Gewissens beim alten Gustav Krupp.

Mein Fazit

Auf mich wirkt der Text wie ein makabrer Reigen, ähnlich den Darstellungen des Totentanzes. Die Botschaft ist in ihrer Fundamentalität ebenso schlicht wie in ihrer Schlichtheit fundamental – nur bleibt die Frage: warum jetzt? Eine gleichermaßen lasche wie gestelzte Schlußpassage über Geschichte, die sich nicht oder doch wiederholt, läßt mich ratlos zurück. Die einzelnen Episoden fügen sich nicht zu einem Ganzen, das Buch bringt keinerlei Erkenntnisgewinn.

Die Büchergilde Gutenberg hat das Buch immerhin ansprechend gestaltet, sowohl der Schutzumschlag als auch der Leineneinband bilden mit dem Vorsatzpapier und dem Lesebändchen ein harmonisches Ganzes.

 

Éric Vuillard, Die Tagesordnung, 2017 (dt. 2018, aus dem Französischen von Nicola Denis), Büchergilde Gutenberg, 123 Seiten.

 

Rezensionen (Auswahl)

Deutschlandfunk Kultur

Iris Radisch, Die Zeit

Joseph Hanimann, Süddeutsche Zeitung

Die Buchbloggerin

Literaturreich

 

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