Ein Butler erzählt

Rossbacher, Ich war Diener im Hause Hobbs | Foto: nw2019

Verena Rossbacher, Ich war Diener im Hause Hobbs, 2018, Köln: Kiepenheuer&Witsch, 381 Seiten.

Überblick

Das Buch verschränkt den Entwicklungsroman des Christian Kauffmann aus Feldkirch in Vorarlberg mit dem Niedergang der Familie Hobbs in Zürich. Kauffmanns Jugend und sein Leben als Butler bei der Familie Hobbs werden durch seine Ausbildung in einer Butlerschule strikt voneinander separiert, weil er zunächst von der dienstbotentypischen Ausschaltung seiner eigenen Person im Hobbsschen Haushalt profitiert. Doch ein Ausflug in seine Heimat zur Schubertiade läßt seine Arbeitgeberin Kontakt zu seinen Freunden und zu seiner Familie finden, was Kauffmann zu einem echten Menschen werden läßt.

Jean-Pierre Hobbs und natürlich auch sein Bruder Gerome wurden als Söhne eines amerikanischen Anästhesisten mit Schweizer Wurzeln in den USA geboren wuchsen nach einem Umzug der Familie in der Ostschweiz auf. (S. 42)

Am Schluß des Romans ist nichts mehr, wie es war.

Erinnerung

Der Ich-Erzähler Kauffmann blickt auf die Geschehnisse im Hause Hobbs zurück und blendet dabei immer wieder Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit, sei es auf der Butlerschule oder die Zeit davor mit seinen drei Freunden in Feldkirch.

Rückblick und Zeitablauf werden versinnbildlicht in der Galerie von Fotos, die die Familie alljährlich zu Weihnachten verschickt, deren häufiges Betrachten die Nähebeziehung zwischen dem Butler und seiner Herrschaft festigt.

Nicht alle erinnern sich an dasselbe, wie an einer Jugendepisode von Christian und Olli deutlich wird (S. 198-206).

Das Dasein als Diener

Hauspersonal war lange Zeit eine Konstante im europäischen Leben (und anderswo) und ist auch heute noch in einer kleiner gewordenen Schicht besonders wohlhabender Personen üblich. Während des 19. Jahrhunderts und in abnehmender Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg waren Dienstmädchen in vielen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Haushalten üblich. Das Leben mit einer oder gar mehreren Personen, die nicht zur Familie gehören, in einem Haushalt und den daraus resultierenden Nähebeziehungen war nur möglich, wenn gleichzeitig Distanz gewahrt wurde, wobei der Klassenunterschied natürlich äußerst hilfreich war.

Literatur, aber auch Film- und Fernsehformate verarbeiten die Beziehung zwischen Diener- und Herrschaft seit langem. Besonders interessant ist dabei, was passiert, wenn das Grundschema, auf dem diese Beziehung funktioniert, aufgebrochen wird.

Voglio far il gentiluomo / E non voglio più servir…“, singt Leporello in seiner Auftrittsarie zu Beginn der Oper »Don Giovanni«. Er führt Buch über die Liebesabenteuer seines Herrn und läßt in der Registerarie durchaus lüsterne Anteilnahme an den Eskapaden des Verführers erkennen, später tauschen sie die Mäntel, um eine Zofe zu übertölpeln, etc.

Christian Kauffmann wird zu Robert, taucht in die Haushaltsabläufe der Familie Hobbs ein und bleibt dort, bis zu jenem Ereignis, auf das der Erzähler immer wieder vorausweist, das dann aber doch plötzlich kommt. Die Beschaulichkeit des privilegierten Lebens wird ein drei Schritten als verletzlich gezeigt. Beim ersten Mal betrifft es den Bruder von Herrn Hobbs, den Maler Gerome, beim zweiten Mal seine Frau, beim dritten Mal ihn selbst.

Kunst und Erotik

Im Hause Hobbs ist Kunst ein Thema, der Erwerb schafft soziales Kapital – ohne freilich das Fehlen von ererbtem Kunstbesitz auch nur annähernd kompensieren zu können. Künstler, Künstlertum, Kunstschaffende und ihre Werke kommen immer wieder vor. Gerome Hobbs ist selbst Künstler und zeichnet nachts die Schlafenden.

»Glauben Sie, man kann einen geselligen Künstler unterscheiden von einem einsamen, alleine aufgrund seines Schaffens?« (S. 107)

Die ortsansässigen Kunstschaffenden jedenfalls hatten kein bisschen vor, sich in dieses Berlin zu begeben, sie blieben dort, in ihrer Kirche und lebten von Subventionen und der besseren Gesellschaft, die sich darin gefiel, ab und an eines dieser Werke zu erwerben und damit kulturell etwas beizutragen, sie lebten davon, dass nette Frauen wie Bernadette Hobbs sich einen Wolf mit steifem Schwanz in den Garten stellte und dachten, das sei Kunst. (S. 109)

Die frei gewordenen Wände füllte Frau Hobbs mit Werken der ortsansässigen Kunstschaffenden, da sag ich mir: Lieber ein falscher Holder als ein echter Urs Jäggi. (S. 233)

Die vier pubertierenden Freunde unterhalten sich natürlich viel über Frauen; sie machen dann auch jeweils unterschiedliche Erfahrungen.

Toller Höhepunkt meines Freiens war die Einladung zum gepflegten Kaffeetrinken im Zanona, und als es mir irgendwie gelungen war, diesen gefährlichen, gespannten Scannerblick auf mich zu ziehen, der alles in mir einstürzen ließ, und, noch viel verblüffender, sie davon zu überzeugen, dem Treffen zuzustimmen, war ich gleichermaßen enthusiasmiert wie entsetzt. (S. 163)

Männer und Frauen

Der Blick, den die Autorin ihren männlichen Erzähler auf andere Männer und auf Frauen werfen läßt, ist sehr genau beobachtend; sein Tonfall meist ironisch distanziert. Der analytische Zugang führt zu einer gewissen Geschlechtslosigkeit, auch und gerade, wo es um die Schilderung von Beziehungen geht.

Im letzten Drittel des Buches kommt eine Schwangerschaft ins Spiel und führt – jedenfalls in der Vorstellung des Erzählers – zu Verwicklungen.

Scherben und Kitt

Am Ende des Buches liegt vieles in Scherben, sind Phasen abgeschlossen, Personenkonstellationen zerbrochen. Aber es werden auch neue Verbindungslinien sichtbar, neue Einordnungen vorgenommen. Der Erzähler sieht seine Erinnerungen in Frage gestellt, er revidiert teilweise seine Weltsicht und findet am Ende – mit einigen Umwegen – zu sich und seinen Platz in der Welt. Und die Geschichte, deren Ausgang endlich klar schien, wird noch einmal neu erzählt.

Ja, es bleiben nur Ungewissheiten und dazwischen ein paar lose Tatsachen. (S. 377)

Mein Fazit

Rossbachers Roman bietet gut geschriebene Unterhaltung; ein ausgeklügelter Plot, dessen Handlungsstränge und Motivlagen nicht mit endgültiger Gewißheit auserzählt und aufgelöst werden. Es ist ein Buch, das ich nicht aus der Hand gelegt habe, dessen Lektüre mich gefesselt hat.

Klare Leseempfehlung!

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2 Antworten zu Ein Butler erzählt

  1. de Chareli schreibt:

    Ich vermute, der Butler stammt aus Feldkirch, Bezirkshauptstadt in Vorarlberg, während Feldkirchen im Landkreis München liegt. Ich empfehle in Feldkirch die Besichtigung der um 1200 errichteten Schattenburg, sollten Sie einmal in der Nähe sein. 😄🇦🇹

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