Martin Mosebach, Der Nebelfürst

Explorations & Colonies (1902) | Foto: nw2019

Explorations & Colonies (1902) | Foto: nw2019

Martin Mosebach, Der Nebelfürst, 2001, Tb. 2018. Der dritte Roman, den ich in diesem Jahr lese, ist zugleich der erste, der von einem Mann geschrieben wurde, und es ist der zweite, der davon handelt, wie ein deutscher Mann im 19. Jahrhundert in die Welt zieht. Doch es ist alles ganz anders als bei »Die goldene Stadt«. Theodor Lerner, Journalist oder besser Volontär in Berlin, hat keine Entdeckervisionen seit Kindertagen, sondern folgt dem eigenartigen Vorschlag einer nur mäßig seriösen Zufallsbekanntschaft.

Das wilhelminische Berlin

Das wilhelminische Berlin mit seinem hektischen Verkehr, dem Zeitungswesen, Pferdedroschken und üppigen Damen in Taftkleidern bildet die Kulisse des knapp und präzise geschilderten Anfangs, der recht eigentlich eine Burleske ist, aber die Maske der bürgerlichen Wohlanständigkeit und kapitalistischen Planmäßigkeit trägt.

Vorbereitet wird eine Nordlandfahrt der besonderen Art, vorgeblich und publikumswirksam zur Rettung eines Verschollenen, eigentlich und unausgesprochen zur Annexion einer Insel, auf der es reiche Kohlevorkommen geben soll.

Die Nordlandfahrt

Unterschiedliche Menschen auf einem kleinen Schiff zusammengepfercht – die ideale Ausgangssituation für große zwischenmenschliche Konflikte: Mosebach läßt es nur leise kriseln, mehr als leichte Risse in der Oberfläche werden nicht sichtbar.

Man nimmt die Bären-Insel in Besitz, indem man eine Parzelle mit schwarz-weiß-rot lackierten Holzpfählen einzäunt. Doch gleich erscheint ein russisches Marineschiff, was zu einer Begegnung der Kapitäne führt und Mosebach zu einem erzählerischen Kabinettstück gerät. Unversehens geraten die Männer in eine internationale Verwicklung, es wird von höchster Stelle (nicht von allerhöchster) telegraphiert und nach tragikomischen Entwicklungen kehrt Lerner nach Berlin zurück, wo man ihn nun den Nebelfürsten nennt.

Die Unternehmung Bären-Insel

Können die Kohlevorräte erschlossen, kann Kapital akquiriert werden? Welche Dynamik hat sich bereits während der Expedition entwickelt? Und was hat die rührige Frau Hanaus genau vor?

Frau Hanaus richtete manchmal aus ihren Lesefrüchten einen recht pikanten Salat an. (S. 145)

Die rohstofforientierte Geschäftemacherei, auf einen staatlichen Schutzbrief hoffend, wird verschränkt mit dem Auftritt einer schwarzen Varietékünstlerin; Exotismusklischees werden vorgeführt.

Theodor Lerner und Frau Hanhaus sind ein ungewöhnliches Paar, das ist für den Leser ebenso ersichtlich wie für die anderen Figuren des Romans. Sie fallen aus sämtlichen Kategorien der wilhelminischen Gesellschaft ebenso heraus wie aus den gängigen Paarkonstellationen. Als Team sind sie gleichermaßen unwahrscheinlich wie überzeugend, streben auseinander oder sind zumindest auf wechselseitige Unabhängigkeit bedacht – und bleiben doch unterströmig aneinander gekettet, gehen durch dick und dünn miteinander – zumindest durch einen dunklen Keller und danach durch eine Backstube, was ihrem Erscheinungsbild beim anschließenden Betreten der Straße nicht guttut.

„Bankerott!“ als Gipfel geschäftlicher Unseriosität und höchste gesellschaftliche Schande schwebt beständig über dem Unternehmen der Bäreninsel. Da aber sowohl Frau Hanhaus als auch Herr Lerner in beiderlei Hinsicht eigentlich wenig bis nichts zu verlieren haben, bewahren sie sich lange eine erstaunliche Leichtigkeit im Umgang mit den Risiken ihres Tuns. Die Liste ihrer Vorstöße ist lang und abwechslungsreich.

Hochstapelei ist Frau Hanhaus zur zweiten Natur geworden, wobei sie mit einer Mischung aus gravitätischer Erscheinung und Erfahrung in Geschäften auftritt und psychologische Kniffe einsetzt. Sie ist keine Felicitas Krull, gebietet nicht über die nonchalante Leichtigkeit und den Charme, gar über die Jugend und Schönheit der Mannschen Romangestalt. Aber tolldreist sind ihre Winkelzüge allemal, und Scheitern ist für sie ein Fremdwort.

Sprache und Stil

Mosebach liefert in seinem sechsten Roman das, wofür er bekannt ist: geschliffenes Deutsch, das in all seiner Elaboriertheit wunderbar zu lesen ist. Ein ironischer Ton wird angeschlagen, das Wilhelminische parodiert, nicht karikiert. Er schreibt anders als Heinrich Mann nicht wütend gegen die eigene, verhaßte Gegenwart an, sondern blickt amüsiert in eine Vergangenheit, die er seinen Lesern in geschickter Selektivität aufs Lebendigste vergegenwärtigt und nicht auf Bratenrock und Reserveleutnant reduziert.

Das tat einen Schrei in seinem ganzen Leib, als er von diesem Beruf getrennt wurde, wie man beim Zerreißen von Seide vom «Seidenschrei» spricht. (S. 41)

«Wissen Sie, was die Schlacht von Salamis und die Schlacht von Lepanto gemeinsam haben?» fragte Rüdiger, nachdem er die Stimmung Lerners mit Fragen, die niemand beantworten konnte, gründlich verdorben hatte. «Beide Seeschlachten fanden in Griechenland statt. Beide Schlachten waren Kämpfe des Ostens gegen den Westen. Beide Male kämpfte der Osten gegen eine Koalition. Beide Male stellte sich der Westen unter den Schutz einer jungfräulichen Gottheit – das Palladium und die Rosenkranz-Madonna. In beiden Schlachten fochten die beiden bedeutendsten Dicht der Zeit: Aischylos und Cervantes. Beide Heerführer des Westens waren unehelich geboren – Themistoldes und Don Juan d’Austria. Beide Heerführer wurden nach ihren Siegen abgesetzt. Beide wollten Reiche im Osten gründen. Beide wurden vergiftet.» Der Kapitän sprach mit immer größerem Eifer. Jeden Punkt hackte er mit der Handkante auf das Marmortischchen, daß die Tassen schepperten. Die nasse rosa Unterlippe inmitten des üppigen Haarpelzes sah geradezu unanständig aus. (S. 49f.)

Naturwissenschaftliche Phänomene werden in einer an Thomas Mann gemahnenden Tonlage erläutert (S. 71f.) Die Darstellung von Körperlichkeit bietet sowohl Passagen von wilhelminisch-viktorianischer Schicklichkeit, die stets umschlagen kann und dies auch gelegentlich tut in eine recht schonungslose Darstellung des Intimen, wobei Mosebach die Würde seiner Figuren bei aller mit Händen zu greifenden Fleischlichkeit gleichwohl zu wahren versteht.

Den Fesseln der Wollust wird demoralisierende Wirkung nachgesagt … (S. 118)

Wieviel Zeit vergeht eigentlich in diesem Roman? Klar umrissen ist nur die Dauer der Schiffsfahrt, die davor und danach liegenden Abschnitte der Handlung bleiben erstaunlich unbestimmt, wobei es Mosebach gelingt, Tempo und Trägheit, Zeitangaben und ihr Fehlen so ineinander zu verschlingen, das man desorientiert ist, dies aber nicht beklagt, weil eher ein Empfinden der Unmittelbarkeit erreicht wird.

In der wilhelminischen Gesellschaft ist die Stellung der Frau prekär, allemal abgeleitet. Das trifft für Frau Kohrs, für Ilse, erst recht für Mademoiselle Loulubou zu. Lediglich Frau Hanhaus, die Außenseiterin, hat eine Stellung aus eigenem Recht – doch diese ist umso schwankender. Mosebach stellt das glänzend dar: die Verachtung der Männer, auch ihre Gewalt, das Ausgeliefertsein der Frauen, die Fassade der Konvention. Insbesondere der Figur von Frau Hanhaus läßt er Sympathie angedeihen, Verständnis für ihre Lage, Bewunderung für ihre Taschenspielertricks, Respekt für ihren Kampfgeist.

Und dann findet sich jene Passage, die nicht Figurenrede ist, die nicht zeitbezogen ist:

Der Mensch ist in solchen Massenanballungen nicht darauf eingestellt, seinen Nachbarn zu beachten. Die Gesichter sind nur Material, um das allgemeine Geschiebe herzustellen. Das schönste junge Mädchen wiegt ihm soviel wie die erloschene, auseinandergelaufene Frau. (S. 265f.)

Der Schluß von Mensch auf Mann, die misogyne Aussage – sie sind nicht die zentrale Aussage des Textes, sie entwerten auch nicht das Buch, aber sie fallen eben doch auf.

Insgesamt eine klare Leseempfehlung.

Eine Rezension von Martin Ebels aus dem Jahre 2001 findet sich im Archiv des Deutschlandfunks.

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