Was sagen eigentlich Romantitel aus?

Romane und ihre Titel | Foto: nw2019 #buchtitel

Romane und ihre Titel | Foto: nw2019

Heute las ich ein Interview mit einem Autoren, bei dem der Fragesteller den Titel des neuesten Romans – Alliterationen und eine Referenz an ein Genre der Malerei enthaltend – zum Gegenstand der Einstiegsfrage gemacht hatte. Das löste bei mir ein Nachdenken über die Bedeutung von Romantiteln aus und darüber, wonach man mit Blick auf den Titel bei der Lektüre eines Buches fragen kann.

Häufig zitiert findet man bei einer ersten Katalog- und Netzrecherche zum Thema die Arbeit von Regina Mühlenweg „Studien zum deutschen Romantitel 1750—1914“, (Masch.) Diss. Wien 1960. Andere, jüngere Treffer kreisen dann aber eher um einzelne Titel und die Gründe für deren Auswahl beziehungsweise Abänderung. Ohne greifbare wissenschaftliche Absicherung schaue ich mir daher nun acht Romane und ihre Titel an. Es sind diejenigen Bücher, die ich zuletzt gelesen habe. Bei dreien handelt es sich um Übersetzungen, zwei sind aus den 1930er Jahren, die anderen aus dem 21. Jahrhundert; drei Frauen, fünf Männer haben die Bücher verfaßt.

  • Denn sie wissen, was sie tun. Ein deutscher Justizroman, 1931
  • Esch oder die Anarchie, 1932
  • Der Bastard von Istanbul (The Bastard of Istanbul), 2006
  • Frühling der Barbaren, 2013
  • Nach einer wahren Geschichte (D’après une historie vraie), 2015
  • Der Lärm der Zeit (The Noise of Time), 2017
  • Bessermann, 2018
  • Die goldene Stadt, 2018

Die Übersetzungen, um diesen Punkt vorweg abzuhaken, geben das Original ohne Abweichungen wieder.

Bei „Frühling der Barbaren“ wird auf den möglich gewesenen bestimmten Artikel verzichtet, das könnte sprachmelodische Gründe haben. Nur ein Roman, „Bessermann“, trägt ausschließlich den Namen der Hauptfigur im Titel. Bei „Esch oder die Anarchie“ kommt er zwar ebenfalls vor, ist aber wie auch in den beiden anderen Titel der Trilogie „Schlafwandler“ von Hermann Broch – „Pasenow oder die Romantik“ und „Haguenau oder die Sachlichkeit“ – in eine analytisch wirkende Oder-Konstruktion eingebunden.

„Der Bastard von Istanbul“ stellt eine Charakterisierung einer der Hauptfiguren dar, deren volle Tragweite erst im Laufe der Lektüre klar wird; „Die goldene Stadt“ beschreibt Antriebskraft und Anziehungsobjekt gleichermaßen.

Mit „Nach einer wahren Geschichte“ wird eine Art Bekräftigungsformel, die für den Wahrheitsgehalt wie für das Skandalöse einer Geschichte bürgen soll, selbst zum Titel. Bei Fontane sind bekanntlich durchaus Zeitungsmeldungen Auslöser für einige Romane, im vorliegenden Buch wird aber die Wahrheit selbst zur Disposition gestellt und man weiß als Leser am Ende nicht so recht, wem man noch glauben soll.

„Der Lärm der Zeit“ spielt einerseits mit der Einordnung zeitgenössischer Musik als Lärm, deutet andererseits auf die Gefahren und Tumulte, die in der Erzählzeit lauern. „Denn sie wissen was sie tun. Ein deutscher Justizroman“ ist eine eindeutige politische Stellungnahme, ja eine Anklageschrift. Das steht bereits nach der Lektüre des Titel fest. Der Roman, der als eine Fortsetzung von Heinrich Manns „Der Untertan“ begriffen werden kann, folgt zwar den klassischen Stationen eines Bildungsromans, legt dabei aber gesellschaftliche und administrativ-organisatorische Strukturen mit schonungsloser Deutlichkeit offen.

Die hier in den Blick genommenen Titel weisen alle einen inhaltlichen Bezug zum Text auf, sie sind weder sonderlich innovativ noch außergewöhnlich. Bloch benutzt ein Stilmittel, mit der er die Titel seiner Romantrilogie zusammenbindet, Ottwald unterstreicht, daß es sich um eine politische Stellungnahme handelt. Die übrigen, zeitgenössischen Titel sind zur Hälfte konventionell-deskriptiv, de Vigan mit „Nach einer wahren Geschichte“, Barnes mit „Der Lärm der Zeit“ und Lüscher mit „Frühling der Barbaren“ eröffnen durch den Titel eine zusätzliche Reflexionsebene.

Also: Habe ich jetzt nur ein paar unerhebliche Erwägungen angestellt? Jedenfalls habe ich noch einmal Lektüren der vergangenen Monate zur Hand genommen, meinen Leseerinnerungen nachgespürt und auch ein paar Denkanstöße für künftige Leseerlebnisse mitgenommen.

Was sind eure generellen Erfahrungen mit Buchtiteln und Eindrücke der letzten Lektüren?

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2 Antworten zu Was sagen eigentlich Romantitel aus?

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Ein sehr interessantes Thema. Was ich oftmals fragwürdig finde, ist, wenn Bücher nach Übersetzungen einen anderen Titel erhalten. Ich denke, da gibt es oft merkwürdige Entscheidungen in den Verlagen. Allerdings kann ich auf die Schnelle kein Beispiel nennen. Viele Grüße

    • nweiss2013 schreibt:

      Ja, das notierte ich auch gleich als erste Frage, als ich besagtes Interview gelesen hatte. Ein willkürliches Beispiel wäre Nancy Mitford, Wigs on the Green (1935), dt. (2010): Landpartie mit drei Damen.
      Viele Grüße zurück!

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