Der Grund – Roman einer Lebensreise

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Foto: nw2015

Wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen? Wie viele Chancen hat man? Und wie oft kann man das eigentlich aushalten? Wie oft kann ich mich häuten, bis nichts mehr von mir übrig ist? (S. 95)

Anne von Canal veröffentlichte ihren Debütroman 2014; er wurde im gleichen Jahr viermal aufgelegt und steht am 10. Dezember 2015 auf dem „Amazon Bestseller-Rang: Nr. 148.165 in Bücher“.

Aufmerksam geworden auf das Buch bin ich vor einiger Zeit über die fesselnde Einschätzung von Uwe, dem Kaffeehaussitzer.

In der Blogosphäre fiel das Urteil – soweit ich sehe – überwiegend positiv aus. Zustimmung gibt es etwa hier und hier. Besonders ausführlich fällt das Lob bei »Lust zu Lesen« aus. Auch »Brasch und Buch« lobt das Buch, kritisiert dabei harsch das Verhalten der Hauptperson. Kurz und zögerlicher der Blick durch die »Leselupe«; ausführlich und zweifelnd gerät diese Einschätzung.

Ich habe meine eigene Einschätzung des Buches im Laufe der Lektüre radikal geändert, mußte alle Notizen und mein Konzept der Rezension über den Haufen werfen (alte Elemente sind eingerückt). Ich war zunächst recht enttäuscht, der Anfang war in meinen Augen okay, aber mich störte auch manches:

Der andauernde Wechsel der Zeitebenen erzeugt gelegentlich eine Hektik, die für mich den Gewinn der stilistisch sicheren Handhabung aufzehrt.  Schweden kommt über eine sehr blasse Kulissenfunktion nicht hinaus, was ich ein wenig schade finde. Aber für meinen Geschmack wiegt schwerer, daß sich die Exposition zu lange hinzieht – ich habe ab einem gewissen Punkt schon gar nicht mehr erwartet, daß noch etwas passiert.

Die Erzählung verläuft nicht linear, aber es schält sich eine Abfolge heraus, die auch für das Verständnis des späteren Geschehens wichtig ist.

Das Verhältnis zum Vater ist von (sich auch im Erwachsenenleben nur graduell abschwächender) Einschüchterung gekennzeichnet, von der Mutter erfolgt eine frühe Ablösung. Das Familienleben ist schwierig für das musisch begabte Kind.

Das Lächeln, das sich dann auf ihr Gesicht legte, war so trostlos, dass Laurits manchmal fürchtete, es sei seine Schuld, dass sie so unglücklich geworden war, weil er ohne sie weitergegangen war und ihre Musik mitgenommen hatte; sie zurückgelassen hatte in ihrer tonlosen Welt. (S. 41)

Es war normal, dass die Kälte im Haus nicht von den Wänden und vom Marmorboden ausging, sondern in der Luft lag, und es war ebenso normal, dass es nie an etwas fehlte, wenn auch nur im materiellen Sinn. (S. 55)

Als verheirateter Mann lernt er andere Menschen kennen, wie auch schon als Student – der Medizin, denn die Aufnahmeprüfung zum Konservatorium schafft Laurits nicht – und seine Familie vergrößert sich.  Das Verhältnis zu den Eltern entspannt sich ein wenig. Die Schwiegermutter schildert er anläßlich der Feier seines zehnten Hochzeitstages positiv:

Kirkes warme Stimme. Seine Schwiegermutter war die Herzlichkeit selbst. Sie trug ein festliches Kleid, das weit über ihren wogenden Busen fiel. Sicher war sei eigens für den heutigen Tag beim Friseur gewesen und hate sich nicht nur den Pagenkopf schneiden, sondern auch zwei braune Strähnen in ihr weißes haar färben lassen, die in perfekter Symmetrie links und rechts vom Scheitel abzweigten. Er kannte keine andere Frau, die ihre Haare auf diese eigenwillige Art gestaltete – die modischen Kurzhaarfrisuren für die reifere Frau, an die sich seine Mutter schon seit Jahren hielt, obwohl sie wesentlich jünger war, schienen Kirke jedenfalls nicht zu interessieren.
(S. 111)

Die Schilderung dieses großen Familienessens ist insgesamt sehr stimmungsvoll, wenn auch die Gewitterpassage nicht unbedingt hätte sein müssen.

Die Rückblende in meist längere Gedankenabschnitte während eines aktuellen Geschehens, das aber seinerseits eine Rückblende darstellen kann, weil die Handlung ja im Jahr 2005 einsetzt, als alles schon anders geworden ist und immer wieder zurückgeschaut und -gedacht werden muß, ist ein durchgängiges Stilelement. Von Canal akzentuiert auf diese Weise also nicht eine besonders wichtige Episode, sondern baut den gesamten Roman so auf. Dies geschieht virtuos, ebnet aber letztendlich doch alles  ein. Zudem wird alles aus der Perspektive von Laurits geschildert: seine Gefühle, seine Filterungen, seine Erinnerungen. Dies geschieht alles überzeugend, aber das solchermaßen entstehende Mosaik enthält notwendigerweise Leerstellen. Die Schichten der jeweils erinnerten Gegenwart lassen ein Bild mit Tiefendimension entstehen, dessen dunkle Punkte sich mittels der Phantasie des Lesers zu Bildvervollständigungen fügen müssen oder – wie die Ehe von Laurits’ Eltern nach seiner Kindheit – ein blinder Fleck bleiben.

Auf S. 160 passiert etwas; auch sprachlich erkennbar anders gestaltet markiert diese Stelle einen Wendepunkt:

Um ihn herum herrschte absolute Schwärze. Er stand in einem langen Gang, an dessen Ende sich eine Tür öffnete. Er konnte es hören, das metallische Quietschen. Nirgendwo Licht. Dann sah er sie. Schemenhaft. Breitbeinig und bedrohlich wie ein Schlägertrupp in einer finsteren Seitengasse nahmen die Erinnerungen Aufstellung, schwangen die Baseballschläger, winkten.

Die Erwähnung des Konservatoriums und der nicht eingeschlagenen Pianistenkarriere durch seinen Onkel erschüttert Laurits. Erinnerung, bislang das natürliche Elixier des Buches, wird zum Gift. Das Nachfragen der neugierig gewordenen Ehefrau läßt kein Verdrängen mehr zu.

Aber es war endgültig zu spät, sein Herz brannte bereits.
(S. 164)

Die folgenden achteinhalb Seiten sind grandios, packend, unerbittlich. Und bis zum Schluß lese ich das Buch gleichsam auf der Stuhlkante sitzend, auch die retardierende Schilderung des Eheglücks unter veränderten Bedingungen wirkt bereits als Auftakt für die nächsten Verwerfungen.

Es ist grausam, wie schnell eine Liebe zu Ende geht, wenn die Trauer nicht dieselbe Sprache spricht. (S. 265)

Die Sprache des Romans ist aus meiner Sicht meistens angemessen, mitunter finden sich schöne Sätze und Passagen, so das Telefongespräch mit dem seit langem im Ausland lebenden Freund (S. 124ff.), aber eben auch der „wogende Busen“ (S. 111) oder der Zeugungsakt der Tochter, etwas kitschig als „heranrollende Woge“ bezeichnet, die „über ihnen brach, sie mit sich riss und krachend auf den Strand schleuderte“ (S. 122).

Ein viertägiges Lektüreerlebnis, das sich anfangs schleppend entwickelte, aber mich auf einmal – und, wie ich im Nachhinein zugebe, grandios vorbereitet – mit voller Wucht trifft. Ich muß nicht mit der Hauptfigur ins Gericht gehen, möchte ihm nicht zurufen, daß er doch alles hätte anders machen und früher ausbrechen müssen. Laurits ist ein tragischer Held, dem es gelingt, die erlittene Verletzung zu überwinden und – im Rahmen seiner ihn stützenden familiären Situation – sich neu einzurichten, bis das Schicksal erneut zuschlägt und ihn aus der Bahn, in eine neue Lebenssituation wirft.

Aus den Tiefen meiner Leseerinnerungen steigen Verse auf:

Hat der Herr ein Leid gegeben,
Gibt er auch die Kraft dazu;
Bringt dir eine Last das Leben,
Trage nur, und hoffe du!

Anne von Canal ist die Sprache Karl Mays fern. Ihr Held verliert seine Hoffnung erst spät.

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6 Antworten zu Der Grund – Roman einer Lebensreise

  1. Maren Wulf schreibt:

    Eine sehr spannende Vorstellung. Das Buch werde ich lesen und mir selbst ein Urteil bilden müssen.

  2. flattersatz schreibt:

    „…Ich bin nicht so recht warm geworden mit dem Roman, mit der Figur des Laurits, schon dieses aggressive Grün des Schutzumschlags war mir zu kalt, die Sprache von Canals zu spröde, das sprunghafte Wechseln der Zeitebenen zu häufig und abrupt. Aber das sind subjektive Eindrücke, jeder Leser mag dies unterschiedlich empfinden… “

    Das war meine Einschätzung zu dem Buch, als ich es seinerzeit las. Während du dich also überzeugen ließest im Lauf der Lektüre, bin ich eher reserviert geblieben…

    grüße

    • nweiss2013 schreibt:

      Ich tat mich anfangs wirklich schwer mit dem Buch, gerade auch die Rück- und Zwischenblenden haben mir nicht gefallen, waren mir einfach zu viel. Ob eine Verkürzung der langen Einleitung eine Lösung gewesen wäre, weiß ich nicht so recht.

  3. dasgrauesofa schreibt:

    Lieber Norman,
    ich habe den Roman schon eine geraume Zeit im Regal stehen, immer drängt sich eine andere Lektüre vor. Nun, nach Deiner ambivalenten Besprechung, bin ich ja doch neugierig, was der Roman mit mir macht. Er ist also wieder deutlich nach oben gerutscht auf der „Will-ich-sofort-lesen-Liste“.
    Viele Grüße, Claudia

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