Howard Jacobson, Im Zoo

Nashorn Foto: nw2014

Nashorn
Foto: nw2014

Alles Schreiben ist selbstreferentiell, so könnte eine These des Buches lauten. Autoren sprechen am liebsten über sich, eine zweite. Und eine dritte: Am Ende geht es immer um Essen und Sex.

Man meine ja nicht, ich selbst sei ihnen nicht dankbar. Bevor sie mich ruinierten, machten sie mich zu dem, was ich bin. Und auch aus Ruinen kann Rettung kommen. (S. 177)

Nach den »Schönen Seelen«, bei denen es das tiffanyfarbene Lesebändchen war, das mich mit zum Kauf verlockte, ist es nun hier die glamouröse Kombination von schwarz und pink, mit der die Deutsche Verlagsanstalt mich animierte, dieses Erzeugnis der Unterhaltungsliteratur zu erwerben.

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Foto: nw2015

Vergnügliche Lesestunden (Übersetzung: Friedhelm Rathjen) dank einem modernen Sittengemälde aus dem Vereinigten Königreich, gewürzt mit schnoddrig vorgetragener Lüsternheit in einem extravaganten Dreiecksverhältnis und bissigen Seitenhieben auf den Literaturbetrieb, bildeten zunächst auch den Lohn für diesen Spontankauf.

Jacobson, geboren 1942, legte den ersten seiner bislang vierzehn Romane, von denen drei ins Deutsche übertragen wurden, im Jahr 1983 vor. Er erhielt mehrere renommierte Auszeichnungen, darunter den Booker-Preis für »The Finkler Question« (2010, dt. 2011).

Heutzutage muss man sich dafür entschuldigen, wenn man ein Buch gelesen hat, ganz zu schweigen davon, wenn man eins geschrieben hat. Kochkunst und Mode haben die Literatur weit hinter sich gelassen. (S. 23)

An seiner Seite Poppy, die einen langen Rock nach Bücherleserinnenart trug. (S. 395)

In Verkaufszahlen meßbarer Erfolg seiner Publikationsbemühungen wäre für Guy Ableman, den Schriftsteller und Protagonisten des Buches, eine schöne Sache, aber danach sind die Zeiten nicht mehr. Denn, so sagt ihm sein Verleger, als er noch lebt:

Die Blogs sind das Ende von überhaupt allem. (S. 39)

„K O M P L E T T !“ möchte man zustimmend ausrufen und dem Buch etwas Liebes hinten drauf schreiben. Aber das hat ja schon Jonathan Safran Foer getan, der meinte, er kenne keinen witzigeren noch lebenden Autor.

Die temporeich geschriebene Satire über Romane, Romanschriftsteller und ihre Romanpläne, über Männer und Frauen, Sex und Altwerden, Reichtum und Scheinheiligkeit bietet einen Genuß, der dem Verzehr von zwei Stück Sahnetorte gleicht – es wird dann rasch zu viel und ich brauchte eine Lesepause.

Ich wurde nicht aus ihr schlau. Färbte ein künstlerisches Streben nicht notwendigerweise auf ein anderes ab? Wenn man Bachs Sonaten für Cello spielt, liest man auch Tolstoi. Erst sehr viel später ging mir auf, dass man nicht kultiviert sein muss, um Musiker zu sein – oder Schriftsteller, wenn wir schon dabei sind. Kunst? Einige von den ungebildetsten Banausen, die ich kannte, machten Kunst, und von diesen wiederum schrieben die ungebildetsten Bücher. Veredelte Geister fand man hauptsächlich unter denen, die diese Künste rezipierten oder sich für sie einsetzten […]. (S. 152)

Ableman phantasiert eine Geschichte über sich selbst als Gideon (Little Gidding) zusammen, in der er das tun kann, was er sich in der Haupthandlung noch versagen muß, die aber so eng mit der Handlung verwoben wird, daß der Erzähler das Sich-Verfangen thematisiert.

Es versteht sich von selbst, dass zwei Frauen für den Seelenfrieden eines Mannes verheerender sind als eine. (S. 199)

»Und jetzt?«, sagte Poppy.
Und jetzt lieben wir uns auf dem Fußboden und warten darauf, dass das Biest stirbt, dachte ich. Sex ist niemals besser, als wenn es ganz in der Nähe mit etwas zu Ende geht, und ich meine nicht einfach nur eine Ehe. Lust und Tod nennen die Deutschen das, und die müssen’s ja wissen. (S. 214)

Es geht dann auch einmal um Verstopfung und Darmlockerung, den Zusammenhang zwischen schriftstellerischer Produktion und Stuhlgangsfrequenz, Darmspiegelungen und Eheglück. Und immer wieder um Sex, echten, imaginierten, erahnten, befürchteten. Um den zerrissenen Schleier der Schicklichkeit. Und um das Aussteigen.

Die großen verruchten und deftigen Schriftsteller, die ich bewunderte, hätten die Gelegenheit eines Lebens hier [in Australien] allesamt ohne Zögern ergriffen, auf wie kurze Zeit auch immer. Hätten sich in der Hitze dem Wahnsinn ergeben, volltrunken durch die Straßen gebrüllt, in ihren Gärten Warane geschossen und sengend heiße Bücher über diese Erfahrungen geschrieben. (S. 271f.)

Guy kommt nicht bei seiner Schwiegermutter zum Zug, und sein neuer Roman will auch nicht wirklich voran kommen. Ist ihm seine Frau untreu, seine Schwiegermutter, beide, wohlmöglich gleichzeitig mit dem selben Mann? Wird sein Buch fertig? Vor ihrem? Überhaupt? Irgendwann kommt die Story nicht mehr voran, kreist um die ewig gleichen Fragen und verliert auch an Witz. Guy denkt andauernd an Sex und spricht ununterbrochen darüber, daß er daran denkt, wenn er nicht gerade über die Unzeitgemäßheit des Bücherschreibens und -lesens philosophiert. Schließlich beendet dann seine Frau Vanessa ihren Roman, der auch noch verfilmt wird, während sich bei ihm noch kein Abschluß des Manuskripts absehen läßt.

Die Schlußwendungen – hier aus Spannungsgründen nicht verraten – geben dem Text dann doch noch sein Tempo zurück, einige gut gesetzte Pointen zünden, es gibt auch noch etwas Nachdenkliches und schließlich klappe ich das Buch erleichtert zu.

 

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