Noch einmal: Emser Depesche und Vorgeschichte des Krieges gegen Frankreich

Eine besonders ausführliche Behandlung widmet Lothar Gall in seiner Bismarck-Biographie der Vorgeschichte des Krieges gegen Frankreich (S. 403-435). In Ergänzung zu dem Post über die Emser Depesche präsentiere ich hier einige Auszüge und die Argumentationsstruktur von Gall.

Gall hält die Kriegsschuldfrage für ein ungeeignetes Paradigma, um die Entwicklung bis zum Kriegsausbruch 1870 zu analysieren. Bismarcks Außenpolitik nach 1866 sei „von dem Bewußtsein der Unfertigkeit der Gesamtsituation beherrscht“ (S. 404) gewesen, Bismarck habe handeln müssen, dies aber vorzugsweise reagierend getan und sich darum bemüht, ihm und Preußen günstige Defensivsituationen zu erschaffen. Er erörtert zunächst die Luxemburger Krise (S. 404-408) und das Verhältnis zu Österreich unter dem neuen Reichskanzler Beust sowie die Wahlen zum Zollparlament. Gall macht die komplexen Zusammenhänge deutlich, die zwischen der labilen europäischen Gleichgewichtsordnung und dem Nationalismus − damals verstanden als Ideologie der Nationalstaatsbildung − bestanden. Da eine deutsche Einigung unter preußischer Führung nur unter Zuhilfenahme der Nationalstaatsbewegung bei Überwindung antipreußischer Gefühle in Süddeutschland gelingen konnte, ein revolutionärer nationaler Flächenbrand in Gesamteuropa allerdings verhindert werden sollte, mußte das deutsche Nationalbewußtsein als Reaktion auf einen Angriff von außen entzündet werden.

„Bismarck ist allerdings nicht der Versuchung verfallen, entsprechende Konstellationen selbst zu schaffen.“ (S. 415) Gall zitiert aus einem Erlaß Bismarcks an den Gesandten von Werthern in Bayern Ende Februar 1869:

„Daß die deutsche Einheit durch gewaltsame Ereignisse gefördert werden würde, halte auch ich für wahrscheinlich. Aber eine ganz andere Frage ist der Beruf, eine gewaltsame Katastrophe herbeizuführen […] Ein willkürliches, nur nach subjektiven Gründen bestimmtes Eingreifen in die Entwicklung der Geschichte hat immer nur das Abschlagen unreifer Früchte zur Folge gehabt; und daß die deutsche Einheit in diesem Augenblick keine reife Frucht ist, fällt meines Erachtens in die Augen.“ (Bei Gall S. 415f.)

Solchermaßen eingestimmt, beginnt Gall sich der Hohenzollernschen Thronkandidatur zuzuwenden.

„Darin steckt etwas, das logisch völlig klar ist, bei der historischen Urteilsbildung jedoch nicht selten außer acht gelassen wird, zumal es der Handelnde selbst rückblickend begünstigt: Was zunächst bloß als eine Möglichkeit unter vielen sich vage darbot, was dann, noch immer neben anderem, mit wechselnder Konzentration und wechselnden Erfolgserwartungen, benutzt und schließlich einem bis zuletzt ungewissen Ausgang zugeführt wurde, erscheint vom Ausgang her, wenn er mit Erfolg verbunden war, sofort als ein geschickt eingefädelter Plan, als kühnes Geniestück oder, je nach Standort, als abgefeimte Teufelei. Nur wenn man sich das klarmacht, wird man zu einem/historisch abgewogenen und einigermaßen gerechten Urteil über die vieldiskutierte unmittelbare Vorgeschichte des Krieges von 1870/71 gelangen.“ (S. 416f.)

„Beide Seiten, die preußische wie die französische, sahen in der spanischen Thronfolgefrage also schon relativ früh eine Möglichkeit, im Sinne der eigenen Interessen und Ziele Bewegung in die internationale Szenerie zu bringen. Daß dies auch für die französische Seite gilt, läßt sich nicht zuletzt daran ablesen, daß Paris es vermied, durch ein klares Wort in Madrid von vornherein einen Riegel vor die ganze Angelegenheit zu schieben. Denn daß die spanische Regierung nicht gegen den erklärten Willen eines so mächtigen Nachbarn gehandelt haben würde, war klar und mußte auch Paris klar sein. Man kann daraus nur folgern, daß sich die französische Regierung zumindest die Möglichkeit eines Pokerspiels offenhalten und den potentiellen Partner bei einem solchen Spiel nicht schon im Vorfeld davon abhalten wollte, sich darauf einzulassen und einen Einsatz zu wagen.“ (S. 421)

Gall analysiert den Erfolgsdruck, der aus unterschiedlichen innenpolitischen Gründen auf Napoleon III. und auf Bismarck lastete und beide zum Handeln drängte, und bilanziert mit Blick auf den preußischen Ministerpräsidenten: „Ein Gegenstand, der mehr Erfolg versprach [als die spanische Thronfrage], war nicht in Sicht, und Bismarck mußte unbedingt vorankommen.“ (S. 422) Aber:

„Ob die spanische Thronfolgefrage schließlich jene Bewegung erzeugen würde, von der Bismarck reagierend zu profitieren hoffte, blieb fast bis zum Schluß offen. ebenso offen blieb demgemäß der mögliche Ausgang des ganzen. Eine kriegerische Zuspitzung, ein friedlicher Ausgleich, eine klare diplomatische Niederlage der einen oder der anderen Seite oder auch eine überraschende Auflösung des ganzen Problems durch innerspanische Entwicklungen − all das schien bis fast zuletzt möglich zu sein.“ (S. 425)

Erhellend erneut der Blick auf die französische Innenpolitik zur Weiterentwicklung des 1869 durch Verfassungsreformen etablierten »Empire libéral« im April/Mai 1870. Eine Volksabstimmung zu deren Absegnung enthielt aber auch eine Klausel zu deren Relativierung, indem es dem Kaiser weiterhin möglich sein sollte, mit Plebisziten gegen die Parlamentsmehrheit zu regieren. Eine weitere Stärkung erfuhr die napoleonische Rechte durch die Umbildung des Kabinetts und die Betrauung des Herzogs von Gramont mit dem Außenministerium. Dieser trat insgesamt für eine außenpolitische Schwächung Preußens ein und machte die strikte Ablehnung der Hohenzollernkandidatur zur offiziellen Position der französischen Regierung.

„[Bismarck trat] nun hinter der Nebelwand der Fiktion, es handele sich um eine reine Familienangelegenheit des Hauses Hohenzollern, und zwar seiner süddeutsch-katholischen Nebenlinie, scheinbar den Rückzug an. Sein Ziel sei es gewesen, so hat er Mit- und Nachwelt glauben zu machen versucht, auf diese Weise dem französischen Gegenstoß auszuweichen. Nur habe ihm dann der König in seiner unbedingten Geradlinigkeit und Friedensliebe, im Klartext: in seiner politischen Ungeschicklichkeit, fast einen Strich durch die Rechnung gemacht. Indem Wilhelm von sich aus die Rücknahme der Kandidatur seitens des Erbprinzen betrieb und sich darüber hinaus in Verhandlungen mit dem nach Bad Ems geeilten französischen Botschafter Benedetti einließ, habe er Preußen in eine äußerst schwierige Lage gebracht. Erst die Maßlosigkeit der französischen Forderungen, die in dem Verlangen gipfelten, der König möge seine Zustimmung zu einer solchen Kandidatur für alle Zukunft ausschließen, habe die Partie gerettet./[432] Sie habe ihm, Bismarck, die Möglichkeit gegeben, Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Es ist dies die sicher am sorgfältigsten stilisierte und am farbigsten und anschaulichsten ausgeschmückte historische Legende, die Bismarck in die Welt gesetzt hat. Ganze Generationen haben sie für bare Münze genommen, und auch die Mehrzahl der Historiker hat sie mit kleineren oder größeren Abstrichen akzeptiert. Dabei liegen, nüchtern betrachtet, Kalkül und Taktik Bismarcks in dieser letzten Phase geradezu auf der Hand. Der prompte Rückzug in einer Angelegenheit, die auf preußischer Seite seit langem vorbereitet und betrieben worden war, mußte in Paris als ein Zeichen der Schwäche der preußischen Position erscheinen. Das aber mußte den Gedanken geradezu aufdrängen, diese Schwäche für die eigenen innen- wie außenpolitischen Ziele so weit wie möglich auszunutzen − es sei denn, man durchschaute, daß gerade dies die Ansicht der anderen Seite war. Doch das war angesichts der nationalen Erregung in Frankreich und der Versuchung, sie politisch auszubeuten, wenig wahrscheinlich.

Wo aber sollte ein solcher Versuch angesichts der Tatsache, daß die preußische Regierung sich offiziell nicht ansprechen ließ und Bismarck nicht einmal erreichbar war [Er war auf seinem Gut Varzin.], anders ansetzen als beim preußischen König, auf den die Lesart, es handele sich um eine reine Familienangelegenheit des Hauses Hohenzollern, noch zusätzlich hinwies. Bei kaum jemand jedoch konnte Bismarck die zu erwartende Reaktion so genau vorhersagen wie bei Wilhelm I., jenem Mann, mit dem er seit vielen Jahren in engstem Kontakt lebte und von dessen Verhalten und Entscheidungen seine ganze politische Existenz abhing. Der spanischen Thronkandidatur eines Prinzen aus seinem Haus von Anfang an abgeneigt und zugleich entschieden gegen einen weiteren Krieg, würde er, das war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwarten, alles daran setzen, die französische Seite zu besänftigen und zufriedenzustellen − und sie damit zu weiterem Vorpreschen förmlich herauszufordern.

Denn Paris mußte ja versuchen, über den König schließlich auch die preußische Regierung irgendwie ins Spiel zu bringen und aus ihrer Reserve zu locken. Nur so konnte sie der irritierenden, einen vollen Erfolg verhindernden Behauptung entgehen, Preußen als Staat sei von dem Ganzen nicht betroffen: Was auch immer geschehe, lasse die preußische Regierung kalt und berühre sie nicht. Nur wenn hier ein Einbruch gelang, war Frankreich wirklich der Sieger. Es war also vorauszusehen, daß die französische Regierung die Schraube sozusagen immer weiter anziehen würde. Und ebenso war es vorauszusehen, daß dabei ein Punkt erreiht werden würde, an dem es für die preußische Seite ein leichtes werde, französische Forderungen vor der deutschen und internationalen Öffentlichkeit als unerträgliche, weit über den gegebenen Anlaß hinausgehende Zumutungen darzustellen./[433]

Auf diesen Augenblick wartete Bismarck seit dem »Platzen« der »spanischen Bombe« mit einiger Gelassenheit. Erst am 12. Juli 1870 verließ er Varzin, um über Berlin nach Bad Ems zu reisen. Seine Gelassenheit gründete auf der Überzeugung, nun doch die so sehr erstrebte Position scheinbarer Defensive erlangt zu haben. Als ihn nach eingehenden Lagebesprechungen in Berlin am Abend des 13. Juli der berühmt gewordene Bericht aus Bad Ems über den letzten Stand der Entwicklung und die Unterredungen des Königs mit dem französischen Botschafter erreichte, da handelte er keineswegs, wie er später glauben machen wollte, aus einer plötzlichen Eingebung und aus dem Gefühl der spontanen Rettung vor einer drohenden Niederlage heraus. Er handelte in der Erkenntnis, daß der Moment für die entscheidende Gegenaktion nun gekommen sei, auf die alle seine Überlegungen und Planungen seit Tagen zielten.“ (S. 431ff.)

 

Gall liefert, ganz anders als Alan Palmer 1976 in seiner vordergründig-effekthascherischen, gleichwohl gründlich gearbeiteten Bismarck-Biographie, eine weiträumig argumentierende Analyse von politischen Grundsätzen, innen- und außenpolitischen Handlungsspielräumen und taktischen Überlegungen, aus denen sich ein durchaus schlüssig erstelltes Gesamtbild ergibt.

 

Verwendete Literatur: Lothar Gall, Bismarck. Der Weiße Revolutionär, 1980.

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