Der „stoische“ Ernst Jünger

Diesen Essay schrieb Golo Mann für die Zeitschrift „Der Monat„, wo er im Oktober 1960 als Besprechung von „An der Zeitmauer“ veröffentlicht wurde. Ich habe ihn gerade in dem schönen Sammelband „Wir alle sind, was wir gelesen“ studiert (S. 291-302, mit einem knappen Nachtrag von 1989 auf S. 302), sozusagen als Einstimmung auf die kritische Ausgabe der „Stahlgewitter“.

Der 1909 geborene Golo Mann nahm den Autor Jünger bereits in den 1920er Jahren zur Kenntnis, verbindet mit ihm eine „unheimliche, quälende Lektüre“, sieht aber auch eine „achtenswerte Leistung“ darin, früh und seither kontinuierlich über den gleichen Gegenstand geschrieben zu haben. Damals aktuelle Vergleiche Jüngers mit Carl Schmitt (zu beider Briefwechsel: hier) und Martin Heidegger weist Mann zurück.

Jüngers Stil sei „gepflegt, kunstvoll und scheu“, erinnere ihn manchmal an seinen Onkel Heinrich, da beider „gläserne Kunstprosa“ unter französischem Einfluß stehe. Ferner sieht Mann eine Verwandschaft Jüngers zu Oskar Spengler, benennt aber als kategorialen Unterschied, daß Spengler sich mit dem Hauptwerk im Alter von 30 Jahren erschöpft und festgelegt habe. Bei Jünger hingegen gebe es „kein Hauptwerk, nur fortgesetztes Experiment, das ihn frisch erhielt“. Freilich habe sich Jünger zu früh und zu großartig, so Mann, stilisiert und sei vom „Prophetenroß“ nicht mehr heruntergekommen.

Detailliert geht Mann auf das Anknüpfen Jüngers an den „Arbeiter“ in dem Buch „An der Zeitmauer“ ein und verwirft dies als „falsche Reste im Denken eines, der gelernt hat, aber es nicht zugeben will, als ob Lernen und Neue-Wege-Suchen eine Schande wäre“.

Wunderbar formuliert die Bilanz, die Golo Mann zieht:

„Es regt wohl zum Nachdenken an, was er zu sagen hat, es bezaubert augenblicksweise; die Durchschlagskraft der großen Thesen und Bilder kann es nicht haben. Der Suchende ist besser als der falsch Allwissende, als Künstler aber weniger gut daran. Der politischen, liberalen Welt wird Jünger immer fremd bleiben, und dies ihm zum Vorwurf zu machen, wäre so sinnvoll, wie zu beklagen, daß Burgunder kein Rheinwein ist. Fremd der akademischen Philosophie, der Wissenschaft, mit der er nur spielt, fremd den Kirchen, wie freundlich er ihnen auch zuspricht.“

Im Nachtrag setzt er hinzu:

„Dreißig Jahre später müßte die Stimmung eines solchen Versuches [über Jünger zu schreiben] eine wesentlich andere sein. Denn die Wandlungsfähigkeit dieses Schriftstellers, trotz stärkster Identität und noch im höchsten Alter, grenzt ans Wunderbare; sein neuestes Reisetagebuch Zwei Mal Halley ist nur ein Beispiel unter vielen. Ernst Jünger ist zu einer ehrwürdigen Gestalt geworden.“

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